Künstler-Hotel "Chelsea"

Der Staub der großen Jahre

Wonach riecht es hier nur? Das war oft die erste Frage von Touristen, die das Hotel "Chelsea" in Manhattan - Ecke 23. Straße und 7. Avenue - betraten. Der Geruch war wirklich interessant. Die dicken Beine der Dame aus rosa Pappmaschee, die in der Eingangshalle auf einer Schaukel saß, fielen im Vergleich viel weniger ins Gewicht.

Und die Möchtegernpoeten im Bademantel, die Hungerkünstler im zerrissenen Shirt, die anämischen jungen Frauen in Kostümen aus dem 19. Jahrhundert waren selbstverständlich normal - sie gehörten in diesem Hotel quasi zum Inventar.

Aber der Geruch, bitte, was war das nur? Um die Wahrheit zu sagen, es roch ein wenig großväterlich, nicht mehr ganz frisch: Die Nase entdeckte Muskat, Spuren von Urinstein, Knoblauch vom Restaurant gleich nebenan, Chanel No. 5, ungelüftete Betten und Haschischwolken, alles bunt miteinander vermischt. Unter normalen Verhältnissen hätte dieses Parfüm die meisten potenziellen Hotelgäste verführt, rückwärts wieder zur Eingangstür hinauszufallen und das Weite zu suchen. Aber im Chelsea-Hotel herrschten eben nie normale Verhältnisse.

Dies war das Etablissement, in dem Leonard Cohen eine flüchtige erotische Begegnung mit Janis Joplin hatte, eine Begegnung, über die er nachträglich einen seiner melancholisch-zynisch-verträumten Songs schrieb; man muss ihn sich von schwerem Gitarren-Schrumm-Schrumm begleitet vorstellen. Aus Rücksicht auf den etwas freizügig gestalteten Inhalt lassen wir die zentralen zwei Verse hier unübersetzt: "Giving me head on the unmade bed/ while the limousines wait in the street". Wir lenken die Aufmerksamkeit des geschätzten Publikums hier auf die beiden Details, auf die es ankommt: also die ungemachten Betten und die wartenden Limousinen. Beides sehr authentisch im "Chelsea".

Des Zimmerservice wegen stieg man hier nämlich nicht ab, und draußen warteten oft wirklich dicke dunkle Autos, um Berühmtheiten wie Janis Joplin, Bob Dylan oder Patti Smith zum Konzert abzuholen. Aber auch bildende Künstler (Robert Crumb, Julian Schnabel) und Filmschaffende (Stanley Kubrick, Jane Fonda) waren unter den Gästen zahlreich vertreten. Und Dichter und Dramatiker (Dylan Thomas, Arthur Miller).

Dass besonders Musiker sich in Hotelzimmern anders benehmen als bürgerlich zurückhaltende Gäste, wurde 1978 sehr deutlich. Der Bassist der Sex Pistols, Sid Vicious, war mit seiner Freundin von England aus ins Hotel "Chelsea" geflüchtet. Sie wohnten, beide heroinabhängig, in Zimmer 100. Am 12. Oktober wurde die 20-jährige Nancy Spungen dort erstochen aufgefunden, Sid Vicious lag berauscht daneben. Er wurde festgenommen, nach vier Monaten freigelassen. Er war angeblich im Gefängnis vom Heroin weggekommen, bezog wieder das Zimmer im "Chelsea", setzte sich zur Feier eine Überdosis und starb mit 21 Jahren am 2. Februar 1979.

Mit der Boheme-Herrlichkeit ist es jetzt vorbei. Seit dem 1. August empfängt das "Chelsea" keine Gäste mehr. Denen, die noch verblieben waren, wurde der Stuhl vor die Tür gesetzt.

Manche sagen, der Niedergang des "Chelsea" habe schon vor vier Jahren begonnen. Damals setzten die Eigentümer den Hoteldirektor Stanley Bard ab, einen freundlichen älteren Herrn mit weißem Haarkranz, der das Hotel schon in seinen absoluten Glanzzeiten geleitet hatte. Stanley Bard setzte mit der hierfür notwendigen Ungerechtigkeit fest, wer für ein Hotelzimmer was bezahlte, wer bleiben durfte und wer schied, wer sich als Dauergast einnisten durfte. Bard war, wenn man ein bisschen boshaft sein möchte, eigentlich weniger ein Hoteldirektor als ein Kurator: ein Mensch, der auf Zehenspitzen zwischen den Museumsstücken herumschleicht, hier an der Vitrine reibt, dort Staub wegwedelt und im Ganzen dafür sorgt, dass alles hübsch beim Alten bleibt.

Aber vor vier Jahren - es hatte wohl mit der Wirtschaftskrise zu tun, die auch das Hotelgewerbe empfindlich getroffen hat - sollte das "Chelsea" plötzlich nach wirtschaftlich vernünftigen Maßstäben betrieben werden. Das Grauen, das Grauen! Eine neue Hotelleitung machte möglich, dass plötzlich auch hundsgemeine Touristen ein Zimmer mieten konnten. Vielleicht lagen solche Touristen dann sogar auf demselben Bett, auf dem Janis Joplin damals Leonard Cohen - na, Sie wissen schon. Aber es hat leider alles nichts genützt. Das "Chelsea" wurde mittlerweile für 80 Millionen Dollar an einen Joseph Chetrit verkauft, der übrigens versprochen hat, er wolle das Hotel behutsam renovieren lassen: Die eiserne Wendeltreppe in seinem Inneren soll zum Beispiel erhalten werden. Doch zuerst einmal flogen die Gäste auf die Straße, auch jene, die schon seit 17 Jahren dort wohnten.

Einer weigerte sich zu gehen: der 55-jährige schottische Schauspieler Jeff Stewart, der gerade einen Preis gewonnen hat. In seinem Zimmer im vierten Stock ignorierte er souverän die Anrufe von der Rezeption. Am Morgen trank er in aller Seelenruhe seinen Orangensaft, während mit den Worten "Wir können sehen, dass Sie da drin sind!" an seine Zimmertür gehämmert wurde. Als ihn Sicherheitsleute im Korridor anhielten, rief er die Polizei und wies im Übrigen darauf hin, dass auch er selbst schon Polizisten gespielt habe. Es half alles nichts.

Das "Chelsea" hat den Besitzer gewechselt und ist wegen Umbauarbeiten geschlossen. Sobald es seine Tore wieder öffnet, werden wir in treulicher Beobachtung melden, wie es jetzt dort riecht.