Flucht

Drogenkrieg in Mexiko: Polizei gibt ihre Waffen ab

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Isabelle Schäfer

Kein Einziger wollte bleiben. Die gesamte Polizeimannschaft eines kleinen Ortes im Norden Mexikos ist zurückgetreten und hat die Waffen abgegeben. Der Grund dafür: Angst vor der Gewalt der Drogenbarone.

Die 26 Polizeibeamten der Stadt Ascención an der Grenze zu den Vereinigten Staaten waren in den vergangenen Tagen von einer Angriffswelle überrannt worden. Zwei Kollegen wurden diese Woche von einer bewaffneten Gruppe ermordet, ein anderer ist schwer verletzt. Einige Tage zuvor wurde auf die lokale Polizei geschossen, dieses Mal ohne Verletzte. Die Täter blieben unbekannt. Bereits im Mai wurde der Direktor der öffentlichen Sicherheit der Stadt, Manuel Martínez Arvizo, gefoltert und getötet.

Dieser Ort im Norden Mexikos ist nur einer von vielen im Grenzgebiet, in denen Gewalt und Angst herrschen. Der Krieg gegen die Drogenkartelle, den die Regierung des mexikanischen Präsidenten Felipe Calderón 2006 angefangen hat, kostete bisher über 41 000 Menschen das Leben.

Die Mehrheit der Verbrechen findet im Norden des Landes statt, aber die Gewalt breitet sich zunehmend auf andere Gebiete aus. Immer öfter hört man in Mexiko von Entführungen und Ermordungen. Rund 50 000 mexikanische Soldaten unterstützen die lokalen Polizeikräfte, vor allem im Grenzgebiet. Allerdings hat die Gewalt seit 2006 zugenommen, und die mexikanische Polizei tut sich immer schwerer damit, die Situation zu kontrollieren. 2010 wurden laut Presseuntersuchungen 11 583 Menschen getötet, fast doppelt so viel wie 2009. Dieses Jahr wurden bis Juli fast 8000 Personen umgebracht. Allein im nördlichen Bundesstaat Chihuahua, in dem Ascención liegt, sind letztes Jahr rund 3200 Menschen dem Drogenkrieg zum Opfer gefallen. Dieses Jahr sind es bereits rund 1200.

Verstörte Einwohner aus Ascención berichteten der mexikanischen Presse, dass Kriminelle im Ort ungeniert in aller Öffentlichkeit rauben und ihr Unwesen treiben würden. Aus Angst, ihr Leben zu verlieren, haben die Polizisten in Ascención nun ihre Stellung verlassen. Vorübergehend werden Bundespolizeikräfte und das mexikanische Militär in der Grenzstadt, die an einer wichtigen Drogenroute liegt, für Ordnung und für die Sicherheit der Einwohner sorgen.

Es ist nicht das erste Mal, dass die Bewohner der Kleinstadt einen Tag ohne Sicherheitskräfte erleben. Vor einigen Monaten hatte der damalige Bürgermeister seinen Polizisten wegen Vertrauensverlust gekündigt. Kurz zuvor hatte eine aufgebrachte Menschenmenge zwei der Entführung verdächtigte Männer gelyncht.

Ordnungshüter im Norden Mexikos zu sein ist ein lebensgefährlicher Job. Und die Polizisten aus Ascención sind bei Weitem nicht die Ersten, die das Handtuch geworfen haben. Seit 2008 sind in mindestens vier Orten im Bundesstaat Chihuahua die lokalen Sicherheitskräfte vor der Gewalt geflohen. In der Stadt Villa Ahumada war 2008 nach einer Attacke ebenfalls die gesamte Polizeimannschaft geflüchtet. Viele verlassen nicht nur den Arbeitsort, sondern gleich sogar das Land.