Sicherheit

Yvonne - seit Monaten auf der Flucht

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Sabine Dobel

In der Nacht zum Freitag wurde sie zum letzten Mal gesehen. Um drei Uhr morgens präsentierte sie sich einen kurzen Moment den Tierschützern, dann verschwand sie wieder im Dickicht des Waldes. Yvonne, die als "die Kuh, die ein Reh sein wollte", Schlagzeilen machte, hat noch nicht aufgegeben.

Mit einem Betäubungsgewehr bewaffnet steht Tierarzt Karl Weißl in einem Waldstück nahe Mühldorf und wartet. Er wartet auf Yvonne. Seit rund zwei Monaten hält sich das flüchtige Tier versteckt. Tierschützer sind seit Tagen auf den Beinen, um das zum Abschuss freigegebene Rind zu retten und auf einen Gnadenhof bei Deggendorf zu bringen.

Am anderen Ende des Waldstücks steht der Einsatzleiter des Rettungstrupps, Hans Wintersteller. Er hält einen Lageplan in den Händen und weist seine Helfer ein. Auf dem Plan sind drei Waldstücke abgebildet. "Dort hat Yvonne ihre bevorzugten Schlafplätze", sagt der 44-Jährige. Die Männer müssen ein 25 Hektar großes Gebiet durchsuchen.

Britta Freitag von der deutsch-österreichischen Tierschutzinitiative Gut Aiderbichl sagt bewundernd: "Sie ist die klügste Kuh, die wir jemals kennengelernt haben." Das sechs Jahre alte Tier habe in den vergangenen Wochen in der Wildnis seine "natürlichen Urinstinkte" wiedergewonnen und bewege sich nun mit außerordentlichem Geschick durch den Wald. Die Aiderbichl-Initiative hat Yvonne ihrem früheren Besitzer abgekauft. Sie betreibt auch den Gnadenhof, auf dem Yvonne ihren Lebensabend verbringen soll.

Vor zwei Monaten war die Kuh von einem Bauernhof in der oberbayerischen Gemeinde Aschau ausgebüxt, seither lebt sie wie ein Wildtier in dem rund 16 Kilometer entfernten Wald nahe der Gemeinde Zangberg - zunächst ungestört.

In der vergangenen Woche verschärfte sich die Situation. Das Tier querte eine Straße und kollidierte dabei um ein Haar mit einem vorbeifahrenden Polizeiauto.

Das zuständige Landratsamt in Mühldorf gab Yvonne zum Abschuss frei. "Es hat für uns Priorität, dass die Kuh lebend gefangen wird", sagt Behördensprecherin Julia Hausmann. Die Jäger haben deshalb neben einer scharfen Waffe auch ein Betäubungsgewehr dabei. Scharf geschossen werden solle nur, wenn akute Gefahr für den Straßenverkehr bestehe, beteuert Hausmann. Auf der Straße durch das Waldgebiet wurde die erlaubte Geschwindigkeit aus Sicherheitsgründen auf Tempo 30 reduziert. Seither sind Jäger und Tierschützer gemeinsam auf der Pirsch. Aber alle Versuche, die Kuh einzufangen, schlugen bislang fehl. Nur des Nachts zeige sich die Kuh, sagt Koordinator Wintersteller. "Weil sie weiß, dass wir dann nicht auf sie schießen können."

Vor wenigen Tagen wurden Yvonnes "beste Freundin", eine Kuh namens Waltraud, sowie Kalb Waldi auf eine Weide nahe dem Wald bei Zangberg gebracht. Die Tiere lebten einst mit Yvonne zusammen, jetzt sollen sie als Lockmittel dienen. Im Schutz der Nacht besuchte Yvonne tatsächlich Waltraud und Waldi, die Tierschützer, die bei den Tieren campten, konnten sie sehen. Dennoch konnte die verwilderte Yvonne nicht eingefangen werden. "Es war sehr neblig und finster. Wir haben da fast keine Chance", sagte der Salzburger Gutsverwalter von Aiderbichl, Hans Wintersteller. "Yvonne ist blitzgescheit. Sie weiß: Wenn es dunkel ist, schießen wir nicht auf sie." Schon einmal sei es gelungen, Yvonne nachts zu betäuben. Doch in den wenigen Minuten, bis die Spritze wirkte, sei sie so weit gelaufen, dass sie nicht gefunden wurde.

Weder diese List noch der Versuch, Yvonne mit einem Stier anzulocken, gelangen also. Auch eine Suche mit Spürhunden brachte nicht den gewünschten Erfolg. Für gestern hatte man Dutzende freiwillige Helfer organisiert, um nicht den Wald in einer Großaktion zu durchstreifen.

Der Koordinator Wintersteller hat schon oft von der Kuh geträumt: "Dass ich auf sie zulaufe und das Lasso um ihren Kopf schwinge", erzählt er. Dann richtet er den Blick wieder auf den Wald. "Ich spüre es, sie ist in der Nähe." Auch Dackel Mirko konnte nicht helfen. Er hatte laut Wintersteller schon früher Rinder aufgespürt. Die Szenarien: Mirko bellt, die Kuh läuft aus dem Unterholz und kann betäubt werden. Oder Mirko hält sie in Schach, bis Helfer kommen. Doch der Dackel nahm die Fährte eines Rehs auf.

Zuletzt wollten die Tierretter Yvonne mit einem Leckerbissen in die Falle locken: In einer Futterstelle soll Silage ausgelegt werden. "Das mag sie sehr gern", sagt Wintersteller.

Nach ihrem bisherigen Leben als Milchkuh in Österreich war Yvonne an einen Bauern im Landkreis Aschau am Inn verkauft worden, sollte gemästet und geschlachtet werden - und floh in den Wald. Erich Kozel, Sicherheitsexperte im Landratsamt Mühldorf am Inn, sah zunächst keinen Grund, dagegen vorzugehen. Die Grundstücksbesitzer - darunter der Revierpächter und ein Bauer, dessen Weide Yvonne leer fraß - seien "sehr tolerant" gewesen. Doch die Gefährdung des Verkehrs konnte nicht hingenommen werden. Zwei Experten des Landratsamts sind deshalb mit Gewehren unterwegs, um einen Zusammenstoß mit einem Auto zu verhindern. Denn das könnte schlimmste Folgen haben. "Ein Reh hat 30 oder 40 Kilo, die Kuh hat 700 Kilogramm", erläutert Erich Kozel. "Diese Gefahr sehen wir - deshalb können wir nicht zuschauen."

( dpa )