Biogas

Killer-Algen in der Bretagne

Die Sommerferien an den Stränden der Cotes-d'Armor in der Bretagne zu verbringen ist möglicherweise dieses Jahr keine gute Idee. Auf jeden Fall nicht für Wildschweine. 36 Stück Schwarzwild verendeten seit dem 7. Juli am Strand von Saint-Maurice in der Nähe von Morieux. Allerdings wissen die armen Tiere auch ziemlich wenig von Sommerferien und Reisezielen.

Umweltschützer sind überzeugt, dass das Massensterben der Tiere auf grüne Algen zurückzuführen ist, die in diesem Sommer zahlreiche Strände der Region befallen. Bei Morieux mündet der Fluss Gouessant in den Ärmelkanal, ein eher trübes Gewässer, in das seit Jahren Düngemittel und andere Abwässer aus der Landwirtschaft fließen. Diese, so sind die Umweltaktivisten überzeugt, seien für die explosionsartige Vermehrung der Algen in den Sommermonaten zuständig. In der Region gibt es mehr als 2000 landwirtschaftliche Betriebe, darunter viele Schweinezüchter. Auf drei Millionen Einwohner kommen in der Bretagne 13 Millionen Schweine, die Wildschweine nicht mitgezählt.

Der nitrathaltige grüne Algenschlick lagert sich an den Stränden ab und produziert Gase, denen die Wildschweine in Morieux anscheinend ebenso zum Opfer fielen wie mindestens ein Biber und ein Dachs. Die abendlichen Fernsehbilder von Forstamtsmitarbeitern des Departements, die erstarrte Wildschweinkadaver mit kleinen Traktoren vom Strand abtransportieren, belasten die Ferienstimmung in Frankreich - und sorgen nebenbei für erhebliche politische Aufregung.

Die Landwirtschaft mauert

Am Dienstag fand einer der Aktivisten im Kampf gegen die Algenverschmutzung, André Ollivro, vor seiner Haustür in Pommeret einen halb verwesten Fuchs. Offenbar ein Gruß aus Kreisen, denen das Engagement der Umweltschützer zu weit geht. Obwohl inzwischen auch wissenschaftliche Institute wie das französische Forschungsinstitut für Meereswirtschaft Ifremer oder das landwirtschaftliche Forschungsinstitut Inra überzeugt sind, dass die Tiere Opfer einer Schwefelgasvergiftung wurden, drucksen die politisch Verantwortlichen seit Langem herum. Inzwischen gibt es zwar einen langfristigen Plan, der den Landwirten bis zum Jahr 2027 eine Reduzierung ihrer Düngemengen nahelegt, doch der politische Wille zum raschen Handeln fehlt.

Die Präfektur des Departements Cotes d'Armor bestätigte am Montag immerhin, dass man bei fünf von sechs Wildschweinen, die obduziert wurden, Schwefelwasserstoff in den Lungen gefunden hätte, erklärte aber zugleich, es sei "exzessiv, daraus den radikalen Schluss zu ziehen", dass allein das Gas für den Tod der Tiere verantwortlich sei. Schließlich gebe es ja ein Tier, das offenbar aus anderen Gründen verendet sei.

Umweltschützer Denis Beaulier von der Vereinigung "Bretagne terre d'eau pure" ist wütend: "Nach jeder Analyse erklärt die Behörde das Gegenteil von dem, was ist, um die Algen als Ursache auszuschließen. Dabei haben die keinerlei wissenschaftliche Kompetenz." Die Bauern der Region seien für die Algenverpestung der Strände verantwortlich. Deshalb sei es auch an den Landwirten, die Strände zu reinigen, "anstatt das Geld der Steuerzahler auszugeben, die nichts dafür können".

Grüne Algenteppiche beobachtet man in den Sommermonaten an den Stränden der Bretagne bereits seit den 70er-Jahren, in den vergangenen Jahren sind die Mengen jedoch kontinuierlich angestiegen. Im Sommer 2009 wurde ein breiteres Publikum auf das Problem aufmerksam, als ein Reiter am Strand von Saint-Michel-en-Grève aufgrund von Schwefelgasen das Bewusstsein verlor, vom Pferd stürzte und erst in letzter Minute gerettet werden konnte. Sein Pferd aber krepierte in dem giftigen Algenmorast elend an Lungenversagen.

Jeden Morgen Räumungstrupps

Trotz der schwer zu leugnenden Risiken für Mensch und Tier üben sich die Behörden in Beschwichtigungsrhetorik. Dahinter steht offenbar die Absicht, Touristen möglichst nicht zu verschrecken und zugleich die in dieser Region einflussreichen Landwirte nicht gegen die Politik aufzubringen. Der Bürgermeister von Morieux etwa, Jean-Pierre Briens, gibt sich zaudernd. Er sei kein Chemiker, man müsse die endgültigen Ergebnisse der Analysen abwarten.

Zwar hat Briens den Todesstrand seiner Gemeinde seit zehn Tagen geschlossen, aber, so behauptet er zumindest, keineswegs, weil dort Killeralgen eingesammelt werden. Es gebe dort nämlich momentan kaum Algen, erzählt Briens vor laufenden Kameras, "mit Ausnahme der dünnen Schicht, die Sie hier sehen". Die Strand hinter dem Bürgermeister schimmert währenddessen flächendeckend grün. Seit fast zwei Wochen ist der Zugang mit Bauzäunen schon abgesperrt. An rund 30 weiteren der insgesamt 540 Strände der Bretagne sind derzeit in den Morgenstunden Räumungstrupps unterwegs, welche die normalerweise oft malerischen Strände von schwefelig stinkenden Algenteppichen mühsam befreien.

Die Organisation "Eau et rivières de Bretagne" fordert inzwischen die Schließung aller Strände der Bretagne, an denen solche Aufräumarbeiten durchgeführt werden. Seit dem 18. Juli sind insgesamt 32 000 Kubikmeter Algen beseitigt worden, das sind bereits 4000 Kubikmeter mehr als im Vorjahr. Der Vorsitzende des Regionalparlaments der Bretagne, der Sozialist Jean-Yves Le Drian, beklagt sich derweil über die "nationalen und internationalen Medien", die nicht erklärten, dass "lediglich zwei Prozent" der Strände der Bretagne durch Algen belastet seien. Nur ein einziger sei geschlossen. Er würde es "vorziehen, wenn man mehr über die Anstrengung der Bretonen sprechen würde, diesen Kampf gemeinsam zu bestehen", sagte Le Drian.