Bruchlandung nach dem Applaus

Als die Boeing 737-800 auf der Landebahn aufsetzt und über den Asphalt rast, greift ein Passagier panisch zu seinem Handy. Er wählt die Nummer eines Freundes, schreit: "Wir werden sterben! Wir werden sterben!"

Eben noch haben die Passagiere an Bord des Fliegers dem Piloten schon zur gelungenen Landung im südamerikanischen Guyana applaudiert - da merken sie: Die Maschine mit der Flugnummer BW 523 rollt noch sehr schnell. Viel zu schnell. Der Beifall bricht ab, stattdessen ertönen Schreie. Der Flieger der Caribbean Airlines schießt über die regennasse Landebahn, kann nicht mehr bremsen, kracht durch eine Absperrung - und zerbricht in zwei Hälften. Doch wie durch ein Wunder überleben alle 163 Menschen an Bord. Wäre das Flugzeug nur ein Stückchen weitergerollt, wäre es in eine Schlucht gestürzt.

Der Flieger raste auf eine Schlucht zu

Ein gebrochenes Bein - das ist die schwerwiegendste Verletzung, die die Rettungskräfte später versorgen müssen. Zwar werden mehr als 30 Menschen ins Krankenhaus gebracht; doch nur drei klagen über ernstere Verletzungen wie Schnittwunden und Blutergüsse, ein weiterer wegen des besagten Beinbruchs. Auch der 52 Jahre alte Pilot wurde bereits wieder aus dem Krankenhaus entlassen; er war wegen Rückenverletzungen behandelt worden. Dass der Großteil der Passagiere nahezu unverletzt blieb, ist ein weiteres Wunder, ebenso wie der Umstand, dass die havarierte Boeing "nur" auseinanderbrach, ohne dabei in Flammen aufzugehen. "Wir müssen das glücklichste Land und Volk auf der Welt sein, dass wir so leicht davongekommen sind", erklärte Gesundheitsminister Leslie Ramsammy.

Nach diesem Schock sind die guyanischen Behörden bemüht, so schnell wie möglich die Ursache für das spektakuläre Unglück zu ermitteln. Das Flugzeug war am Freitagabend vom John F. Kennedy International Airport in New York gestartet und hatte einen Zwischenstopp in Trinidad gemacht, ehe es am Sonnabend in Guyana eintraf. An Bord: 157 Passagiere und sechs Besatzungsmitglieder - nach Auskunft der Behörden Amerikaner, Guyaner und Kanadier. Der Pilot ist laut Airline ein Mann mit 25 Jahren Berufserfahrung, dem auch die Landeverhältnisse in Guyana seit Jahrzehnten vertraut sind.

Laut dem guyanischen Verkehrsminister Robeson Benn setzte die Maschine in der Dunkelheit zur Landung an, bei leichten Schauern und einer Sichtweite von acht Kilometern, die er als "gut" bezeichnete. Warum das Flugzeug dann aber über die rund 2200 Meter lange Landebahn am Internationalen Flughafen Cheddi Jagan hinausschoss, sei noch unklar, sagte der guyanische Präsident Bharrat Jagdeo. Fest steht hingegen: Bei dem Manöver brach die Boeing im vorderen Teil ab, Cockpit und Erste-Klasse-Bereich sackten auf den Boden. Das zerstörte Flugzeug blieb auf einer abschüssigen Grasfläche stehen, kurz vor einer 60 Meter tiefen Schlucht - und schrammte nur knapp an einer Katastrophe mit vielen Toten vorbei.

Die Fluglinie hat nun ein Team entsandt, um bei den Ermittlungen zu helfen; auch die US-Verkehrssicherheitsbehörde NTSB wurde um Unterstützung gebeten. Neben den US-amerikanischen Ermittlern werden auch Spezialisten des Flugzeugherstellers Boeing erwartet. Medieninformationen zufolge wurden auch die Aufzeichnungen aus dem Cockpit (Cockpit Voice Recorder) sowie der Flugdatenschreiber bereits aus dem Wrack geborgen und sichergestellt. Sie sollen nun schnellstmöglich von den Ermittlern ausgewertet werden. Möglicherweise muss sich dann auch die Leitung des Internationalen Flughafens Cheddi Jagan für ihr Krisenmanagement verantworten. Verkehrsminister Benn wies zwar Kritik am Verhalten der Flughafenleitung zurück; doch nach Zeugenaussagen hatten die Rettungskräfte anfänglich erhebliche Mühe, die Insassen ohne ausreichende Beleuchtung und andere Notfallausrüstung aus der Unglücksmaschine zu bergen. Nach dem Unglück wurde der Flughafen vorübergehend geschlossen, Hunderte Passagiere saßen fest und Dutzende Flüge hatten Verspätung. Viele verunglückte Passagiere klagten zudem darüber, dass niemand kam, um sie aus dem stockfinsteren Wrack zu retten.

Auch Adis Cambridge saß in dem Flieger. Die 42-Jährige kam von einer kurzen Reise in die USA zurück. Sie spürte, dass es eine harte Landung gewesen war; "zunächst habe ich mir aber nichts dabei gedacht." Dann geriet alles außer Kontrolle, sie schlug sich den Kopf an der Kabinendecke an. "Es war so angsteinflößend", schildert die Frau, umringt von zwei jungen Kindern, die zum Flughafen gekommen sind, um sie abzuholen. "Mir wurde klar, dass alles auf mir drauf lag, Menschen und Gepäck. Ich war die vorletzte Person, die in der Dunkelheit aus dem Flugzeug kam." Cambridge kletterte über den Flügel aus der Maschine, sah die Taschenlampen der Rettungskräfte aufblitzen, die im Scheinwerferlicht der Feuerwehrautos nach den Opfern suchten - und alle 163 Passagiere fanden. Lebend.