Gewalt

Kein "Auge um Auge": Iranerin verschont ihren Peiniger

Sieben Jahre lang träumte sie von dem Tag, an dem sie sich rächen würde. Das zumindest ließ sie die Welt glauben. "Das Gleiche, was er mir angetan hat, muss er selber am eigenen Leib erfahren, dafür lebe ich weiter", sagte Ameneh Bahrami erst kürzlich noch.

2004 hatte ihr ein verschmähter Verehrer ätzende Säure ins Gesicht geschüttet. Die Frau ist seitdem entstellt und auf einem Auge erblindet. Obwohl ihr Recht und Gericht nach islamischem "Auge um Auge"-Prinzip erlaubten, dem Täter mit einer Pipette Säure in beide Augen zu träufeln, entschied sich die 33-Jährige, dies doch nicht zu tun - allerdings in letzter Sekunde. Sie und ihr Peiniger sollen nach iranischen Medienberichten bereits für den Racheakt in der Klinik gewesen sein, als Bahrami ihren Verzicht verkündete. Den Entschluss dazu habe sie aber schon vor sieben Jahren gefällt, erklärte sie.

Nach Schilderungen Ameneh Bahramis hatte eine Eskorte sie und ihre Familie ins Krankenhaus gebracht. Als ihr Peiniger Madschid Mowahedi sie sah, beschimpfte er sie: "Du fette Kuh, du alte Jungfer." Unter Tränen sagte er, dass es zwischen ihr und ihm keinen Unterschied gebe, dass sie büßen werde für das, was sie tue. Bahrami antwortete: "Erst wirst du büßen und dann ich." Als die 33-Jährige sah, dass Mowahedi die Betäubung bekommen sollte, teilte sie dem Staatsanwalt mit, dass sie auf das Urteil verzichte. Alle Ärzte und Schwestern hätten sie daraufhin umarmt und ihr für ihre Großzügigkeit gedankt. Madschid Mowahedi sei aufgesprungen, habe ihre Füße und Hände geküsst und sie gebeten, ihn zu heiraten. Ameneh Bahrami antwortete: "Mach daraus keine Komödie. Ich werde dich niemals heiraten. Ich habe nicht deinetwegen verzichtet, sondern meinetwegen."

Sie fühle sich jetzt befreit, auch ihre Familie werde nun in Frieden leben können. "Ich habe dies aus diversen Gründen nicht getan: wegen Gott, für mein Land und für mich selbst", sagte sie. Sie sei nicht mit Geld umgestimmt worden, es habe von keiner Seite einen Cent Schadenersatz gegeben. Vor mehr als zwei Monaten hatte die Iranerin, die ihr Schicksal in dem Buch "Auge um Auge" verarbeitet hat, zwei Millionen Euro für den Verzicht auf die Bestrafung gefordert. Nun sagte sie, sie habe damit nur die Menschenrechtsorganisationen bloßstellen und den Beweis antreten wollen, dass diese im konkreten Fall keine Hilfe leisten.

Langjährige Beobachter des Falls nehmen dagegen an, dass sich Ameneh Bahrami vor allem wegen ihrer hohen Behandlungskosten im Ausland nun doch für den Schadenersatz entschieden hat. Allein die Summe für die bisherige Behandlung und mehrere Operationen beläuft sich nach ihren Angaben auf 150 000 Euro. Der Oberstaatsanwalt Teherans, Abbas Dschafari Dolatabadi, hat klargestellt, dass der Verzicht dem Peiniger Madschid Mowahedi zwar die Augen rettet, er aber erst freikomme, wenn er bezahlt. Er bereue seine "schreckliche Tat" zutiefst, versicherte dieser am Sonntag im Staatsfernsehen. "Zwei Millionen Euro haben der Mann und seine Familie ja kaum, aber eine ziemlich hohe Summe müssten sie schon bezahlen", sagte ein Anwalt in Teheran, der den Fall seit Längerem verfolgt.

Es bleibt die Frage, ob die Summe für die weitere medizinische Behandlung der Frau ausreicht. Ein Schönheitschirurg in Teheran sagte, Bahrami benötige mindestens fünf weitere Operationen, um nicht mehr entstellt auszusehen. Hinzu kämen noch komplizierte Eingriffe, um zumindest ein Auge zu retten. Der Iran begrüßte den Verzicht auf den Racheakt. "Das war in der Tat sehr tapfer von ihr", sagte Oberstaatsanwalt Dolatabadi. Im Iran werden die islamischen Gesetze von der Justiz zwar umgesetzt - auch die "Auge um Auge"-Bestrafung. Die Regierung ist sich der politischen Konsequenzen solch barbarischer Vollstreckungen und der damit verbundenen Isolierung aber sehr wohl bewusst. Obwohl Bahrami dies dementiert, lässt sich nicht ausschließen, dass doch die Justiz die Frau zu dem Verzicht drängte.

Iranische Soziologen sehen in dem Fall vor allem Anlass, Politik und Justiz bedenken zu lassen, die männerorientierten Gesetze zu revidieren. Männer hätten es in dem islamisch geprägten Land sehr leicht, ihren Frust an Frauen auszulassen.