Regenmantel statt Badehose

Mit Schirm, Schal und schlechter Laune

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Philip Cassier

Der Sommer des Jahres 1975 war dem Vernehmen nach sonnenverwöhnt, warm und trocken, Deutsche in Ost und West genossen das Leben an der frischen Luft. Nur einem Mann, der allerdings selbst kein Deutscher war, spielte das Wetter partout nicht in die Karten: Der niederländische Showmaster Rudi Carrell hatte gehofft, mit dem Schlager "Wann wird's mal wieder richtig Sommer?" die Hitparaden zu stürmen, und landete am Ende - die Wetterlage war schuld - nur auf Platz 18.

Dieses Jahr hätte der Song absolutes Nummer-eins-Potenzial. Der Stoßseufzer "Warum ist jetzt eigentlich schon im Juli Oktober?" ist seit Tagen, mittlerweile Wochen in Deutschland zu hören. Genauso lang traut man sich ohne Schirm und Schal schon nicht mehr aus dem Haus.

Am übelsten hat es Berlin und Brandenburg erwischt - heftige Regenfälle am Wochenende haben den Juli in der Region endgültig zu einem der nassesten Monate seit Langem gemacht. Eigentlich seien über die 31 Tage hinweg 50 bis 55 Liter pro Quadratmeter normal, sagte der Potsdamer Meteorologe beim Deutschen Wetterdienst (DWD), Gerd Saalfrank. Neuruppin etwa habe diese Menge bis Sonnabend um das Vierfache, Potsdam um mehr als das Dreifache übertroffen. Temperaturen um 15 Grad trugen nicht zur Gemütsaufhellung bei. In Berlin muss am Wochenende weiter mit 40 bis 80 Litern Regen gerechnet werden.

Aber wie in fast jedem Schlamassel der Weltgeschichte gibt es auch hier eine Seite, die aus dem Misslichen Profit schlagen kann: die Bräunungsbranche.

"Wir haben heute wieder Hochkonjunktur", sagt Claudia Agolli, Leiterin eines Sonnenstudios. Einen Ansturm wie in diesem Jahr hat sie selten erlebt. "Bis zum frühen Nachmittag hatten wir schon 67 Kunden. Das ist für den Sommer mehr als super. Das ist unnormal viel. Wir sind richtig verwundert."

Normalerweise herrscht in diesen Wochen in den Solarien Flaute. Von Juni bis Ende August lassen sich nach Angaben des Bundesfachverbands Besonnung pro Tag durchschnittlich nur 30 bis 40 Kunden je Studio bräunen. 60 bis 100 müsse ein Studio im Jahresschnitt täglich haben, um überleben zu können. Im Herbst und Winter müssten die Betreiber genug verdienen, um die Durststrecke im Sommer zu überstehen. Doch dieser Sommer sorgt bei den Betreibern für strahlende Gesichter. "Der Sommer ist für uns ein Traum", sagt Norbert Schmid-Keiner, Vorsitzender des Verbands.

Erstes Halbjahr war zu warm

Für viele Berliner ist er ein Albtraum. Zu größeren Einsätzen musste die Berliner Feuerwehr immerhin doch nicht ausrücken. Nur am Vormittag war ein leicht erhöhtes Aufkommen von bis zu zehn Einsätzen gleichzeitig zu verzeichnen. In erster Linie waren die Einsatzkräfte mit undichten Dächern beschäftigt. Wie so häufig sei Berlin von extremen Starkregenfällen verschont geblieben, sagte ein Feuerwehrsprecher.

Das war in Mecklenburg-Vorpommern anders. Dort sorgte Dauerregen für erhebliche Verkehrsprobleme und den Dauereinsatz von Polizei und Feuerwehr. Überflutete Straßen mussten gesperrt, vollgelaufene Keller leer gepumpt werden. In und um Rostock waren am Sonnabend die Straßen lange gesperrt. Auch Sachsen meldete "ergiebige" Regenfälle.

Wie der nackte Oberhohn wirkt da die Nachricht, dass nach Auskunft von Meteorologen das erste Halbjahr deutschlandweit im Schnitt 1,5 Grad zu warm gewesen sei. Es sei das zweitsonnigste Halbjahr seit Beginn der Messungen 1881 gewesen, sagte der Leiter des Bereichs Klimaanalyse des DWD, Gerhard Müller-Westermeier. Wenn es weiterhin so warm bleibe, werde das Jahr 2011 das drittwärmste seit 1881 werden. Wärmer seien dann nur die Jahre 2000 und 2007 gewesen.

Zu spüren ist von der Wärme im Moment nicht viel. Und als sei die Nässe nicht genug, heißt es nun auch noch, der Sommer beschere Deutschland einen Schub an Mücken und Wespen. In der lange währenden kühlen Zeit hätten sich die Insekten nur langsam entwickelt, sagt der Berliner Insektenforscher Burkhard Schricker. Die Mückenlarven seien sehr lange im Wasser geblieben. "Und jetzt, sobald mal ein etwas wärmerer Tag ist, auch von der Wassertemperatur her, haben wir mit einem Mal sehr viele Mücken." Wespen konnten in der Regenperiode nur wenig Nahrung finden. "Sie müssen jetzt sehr viel nachholen." Die vielen Wespen seien aber auch auf die wenigen Hornissen zurückzuführen - ihre großen Feinde. "Hornissen gibt es deshalb wenig, weil auch ihre Entwicklung in diesem Jahr schiefgelaufen ist, vom Klima her gesehen."

Und wann wird's nun mal wieder richtig Sommer? Rettung naht. In den kommenden Tagen, so die frohgemute Prognose des Deutschen Wetterdienstes, kehrt der Sommer zumindest kurz zurück. Von Westen nähert sich ein Hochdruckgebiet, das vorübergehend das wechselhafte Wetter der vergangenen Wochen vertreiben werde. Der Sonntag bringt im Norden und Nordosten bis hin zum östlichen Mittelgebirgsraum jedoch weiter starke Bewölkung. Es regnet noch zeitweise, insbesondere am Nachmittag gibt es Schauer und Gewitter. In den übrigen Gebieten bleibt es meist trocken. Im Juli des Jahres 2011 sind das sensationelle Neuigkeiten.