Graffiti

Ist das Kunst oder kann das weg?

Im Kern geht es um die Frage: Ist Graffiti Kunst oder Sachbeschädigung? Seit 20 Jahren arbeiten sich die Gerichte in Hamburg an einem Mann mit Spraydose ab. Und am Freitag ist es mal wieder so weit. Dann erfolgt der Urteilsspruch über den Graffitisprayer OZ. 19 Fälle werden dem selbst ernannten Underground-Künstler Walter F. (61), gebürtig aus Heidelberg, diesmal vor dem Amtsgericht Barmbek zur Last gelegt.

Insgesamt soll es der unbeugsame Gebäude-Schmierfink, wie ihn seine unermüdlichen Verfolger nennen, in der Vergangenheit auf über 120 000 signifikante Zeichen gebracht haben. Smileys sowie die Buchstaben OZ sind seine häufigsten Erkennungszeichen, die er auf Häuserwänden, Dachgiebeln, Gullydeckeln und Verteilerkästen hinterlässt. Auch einen Hochbunker auf St. Pauli hat er bemalt.

Die Haltung der Gerichtsbarkeit in der Kaufmannsstadt zu diesem Thema ist dennoch eindeutig. Insgesamt acht Jahre seines Lebens verbrachte der Unverbesserliche, szeneintern zumindest in früheren Jahren auch "Johnny Walker" genannt, bereits als Strafe für seine unerlaubten Sprayaktivitäten hinter Gittern. Sogar eine Soko wurde seinetwegen gegründet, und eine Dauerüberwachung durch die Polizei verwies erst ein Gerichtsurteil ins Unerlaubte. Gebracht im erhofften Sinne von Einsicht und Verhaltensänderung haben die Gefängnisaufenthalte seit der ersten Verurteilung 1992 in der Hansestadt allerdings nichts. "Er will es nicht sein lassen", sagt Verteidiger Andreas Beuth, dem dieses Mandat eine besondere "Herzensangelegenheit" ist.

Und so stehen auch diesmal die Zeichen auf Gefängnis für den schmalen, ausgemergelt wirkenden Mann, der sich vor Gericht zumeist eine Kapuze tief ins Gesicht zieht oder die Augen hinter einer Sonnenbrille verbirgt. Ein Gutachten aus den Anfangsjahren seines Sprayens bescheinigt ihm "eine Funktionsstörung des Gehirns". In der aktuellen Diskussion um seine psychische Verfassung spielt es keine Rolle. "Er mag lästig sein", sagte kürzlich Oberstaatsanwalt Wilhelm Möllers. "Aber die Gesellschaft muss mit ihm klarkommen."

30 Zeugen sind geladen

Entgegenkommen vonseiten des Angeklagten wird auch diesmal nicht erwartet. Den Faktor Sympathie kann und will Walter F. für sich und seine Taten offensichtlich nicht in Anspruch nehmen. "Saubernazis" nennt er verächtlich die staatlichen Organe, die ihn vom "Kinder-glücklich-Machen" abhalten wollen, wie er über seinen Anwalt zuletzt ironisch mitteilen ließ. Schon in den 90er-Jahren behauptete er, Halbjude zu sein und deshalb von "Nazis und Saubermännern" verfolgt zu werden. Äußerungen wie diese führten damals zur erneuten psychiatrischen Begutachtung. Die Diagnose des Facharztes bescheinigte F. manchmal "eine verminderte Schuldfähigkeit in Affektsituationen", vermindert schuldfähig in den angeklagten Fällen sei er aber nicht.

Vor diesem Hintergrund geht sein Verteidiger auch diesmal von einer erneuten Haftstrafe aus. 30 Zeugen hat das Gericht geladen, aus den angesetzten sechs Verhandlungstagen wurden seit Februar fast 20. Noch während des laufenden Prozesses soll F. wieder auf die Pirsch gegangen sein und einen Betonpoller besprüht haben. Gerade das wurde ihm im Plädoyer der Staatsanwaltschaft verschärfend zur Last gelegt. Auch Widerstand gegen die Staatsgewalt wird dem unbeugsamen Mann vorgeworfen. Er habe sich gegen Polizisten, die ihn verhaften wollten, heftig zur Wehr gesetzt. Eine Bewährungsstrafe sieht die Anklage deshalb nicht mehr als gerechtfertigt an. 18 Monate soll er dafür absitzen. Doch worum geht es überhaupt in diesem Machtkampf? Ist der "Sprühling" wie es ein Bildband gleichen Namens nachweisen will, der "Zauberer von OZ" wie ihn Medien getauft haben, ein Künstler, dessen Werke schützenswert sind, weil sie Kult sind?

Die Hip-Hop-Szene feiere ihn als Helden, schreibt der "Spiegel". Hartgesottene St.-Pauli-Fans, meist links sozialisiert, behaupten gar, diese Straßenkunst zaubere ein Lächeln auf das Gesicht der Betrachter. Und Galeristen in Hamburg und Berlin haben OZ längst als szenetaugliches Zugpferd entdeckt und stellen ihn aus. Handelt es sich bei dem in die Jahre gekommenen Sprayer also um einen Wegbereiter inzwischen anerkannter Graffiti-Künstler?

Oder ist er doch nur ein starrsinniger, manisch sprayender Outlaw, der sich auf diesem Wege die Anerkennung und Aufmerksamkeit beschafft, die er, sozial angepasst und mit einer unauffälligen Vita versehen, nie erreicht hätte? Denn auch das hat F. in den Jahrzehnten öffentlicher Beobachtung geschafft. Selbst seine Herkunft, im Heim aufgewachsen und von katholischen Schwestern auf Gehorsam getrimmt, später als Gärtnerlehrling und Möchtegern-Hippie in der Kopenhagener Enklave Christiania gescheitert, war bereits Gegenstand boulevardesken Sezierens. Dem Markenkern, dem Menschenkern des Walter F. kam dennoch niemand so richtig auf die Spur.

Daran wird sich mutmaßlich auch nichts mehr ändern. In zwei Jahren ist der Mann 63 Jahre alt. Längst hat sich der Machtkampf zwischen OZ und den Gerichten verselbstständigt. Gewinnen kann ihn niemand mehr. Polizei und Staatsanwaltschaft schon gar nicht, weil klar ist, dass Walter F. nicht lassen wird von dem, was sein Lebensinhalt geworden ist. Eine weitere Verurteilung zu einer Gefängnisstrafe ist nur eine Unterbrechung seiner Aktivitäten. "Fuck the norm" ist so ein Spruch von ihm. Daran wird auch dieses Urteil nichts ändern.

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