Letzte Ehre

Abschied vom gefallenen Engel

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Thomas Kielinger

Eine Karawane schwarzer Limousinen fuhr gestern gegen 13.30 Uhr Ortszeit vor dem jüdischen Friedhof Edgewarebury vor, zum Abschied von Amy Winehouse, die am Sonnabend in ihrem Haus in Camden im Norden Londons tot aufgefunden worden war. Nach jüdischem Brauch muss ein Verstorbener so bald wie möglich nach dem Ableben bestattet werden.

Die Familie hatte etwa 200 Freunde eingeladen, an der Zeremonie teilzunehmen, darunter Kollegen der Popdiva wie Kelly Osbourne, die in einem schwarzen Kostüm, eine weiße Rose in der Hand, ihrem Auto entstieg, der Musikproduzent und Discjockey Mark Ronson oder der letzte Boyfriend der Toten, Filmdirektor Reg Traviss. Auch zwei Mitglieder von Amy Winehouse' Band, Zalon und Heshima Thompson, gehörten zu der ausgewählten Schar der Geladenen.

Zum Abschied sangen Familie und Freunde das Lieblingslied der 27-Jährigen, "So Far Away" von Carole King, wie die Nachrichtenagentur PA berichtete. Ihr Vater Mitch Winehouse habe seine Trauerrede mit den Worten beendet: "Gute Nacht, mein Engel, schlaf fest. Mama und Papa lieben dich sehr." Die Gedenkfeier unter der Leitung eines Rabbiners dauerte 45 Minuten, ehe die Angehörigen sich zu dem Krematorium in Golders Green begaben, wo die Leiche eingeäschert wurde, was nach jüdischer Tradition eher ungewöhnlich ist. Es war aber immer der ausdrückliche Wunsch der Sängerin gewesen, den die Familie nicht ignorieren wollte.

Geplant ist jetzt, die Asche von Amy mit der ihrer geliebten Großmutter Cynthia zu vermischen, auch sie eine Sängerin, die 2006 an Krebs starb; ihre Urne ruht auf einem Friedhof in Essex. Beider Asche soll dann verstreut werden, ein Teil davon wahrscheinlich auf der Karibikinsel St. Lucia, wo Winehouse 2008 Heilung von ihrer Drogen- und Alkoholabhängigkeit gesucht hatte.

Offizielle Untersuchung im Oktober

Toxikologische Tests an der Leiche waren ohne Resultat geblieben, sodass die Öffentlichkeit noch mindestens vier Wochen wird warten müssen, ehe das Resultat bekannt gegeben und die Todesursache endgültig geklärt werden kann. Die offizielle Untersuchung über den Todeshergang, eine in England übliche Prozedur unter dem Namen "Inquest", ist sogar erst für den 26. Oktober angesetzt. Dennoch wurde die Leiche schon jetzt zur Kremierung freigegeben, was darauf schließen lässt, dass alle forensischen Proben vorhanden sind, um ein endgültiges Urteil fällen zu können.

Die Polizei hat im Übrigen keine Fremdeinwirkung feststellen können, der Tod wird als "non suspicious", also ohne Verdachtsmomente, geführt. Auch Spuren von Missbrauch irgendwelcher Substanzen wurden angeblich im Haus der Sängerin, Camden Square Nr. 30, nicht gefunden. Doch sind dies erst noch vorläufige, auf ungesicherten Behauptungen fußende Informationen.

Derweil wälzte sich auch gestern erneut ein Strom von Besuchern die Rolltreppe im Underground Bahnhof Camden Town hoch, dem Eingangstor zu dem Mekka, das dieser Stadtteil Londons aufgrund seiner Hip-Kultur und Marktszene seit Langem ist, verstärkt jetzt noch durch den Tod der weltberühmten Popsängerin. Auf dem Weg nach oben begegnet der Besucher einem Plakat des Jüdischen Museums London, einer Werbung für die aktuelle Ausstellung "Entertaining the Nation" vom 25. Mai 2011 bis zum 8. Januar 2012, in der die Geschichten jüdischer Stars von Film, Bühne und Leinwand erzählt werden. Ein Foto der Winehouse schmückt das Poster, sie in ihrem Markenzeichenhaarschnitt, der gerne als "Bienenstock" apostrophiert wird, und mit ihren visionär aufgerissenen Augen, als blicke sie in ein Dorado jenseits ihres eigenen, instabilen Lebens.

Diesem zu Ehren versammelt sich jetzt ohne Unterlass eine Fan-Gemeinde vor dem Haus in Camden, um Blumen oder persönliche Botschaften zu hinterlegen oder einfach nur das Fluidum einer Schrein-artigen Stätte in sich aufzunehmen. Man hört das Sprachenbabel des globalen Dorfes. Dem Haus gegenüber, unter Platanen und Ahornbäumen, hatten sich am Montagnachmittag auch die geschiedenen Eltern von Amy Winehouse eingefunden, um einige der auf dem Rasen, an Bäumen oder Gittern deponierten Texte zu lesen und sich unter Tränen bei den Unstehenden zu bedanken für die Anhänglichkeit, die sie ihrer Tochter gezeigt hätten.

Leere Flaschen auf dem Rasen

Unter den an Rinden genagelten Botschaften ungestillter Emotionen findet sich auch diese: "Your breaking my heart, your tearing it apart! So, fuck you, love you, Nicky". (Du brichst mir das Herz! Du reißt es entzwei! Zum Teufel mit dir, ich liebe dich, Nicky). Auch eher zweifelhafte Anhänger haben sich auf dem Rasen verewigt, doch nicht mit Blumen, sondern mit leeren oder leer getrunkenen Flaschen und Dosen, ob Wodka, Weine, Brandy oder Biere jeder Art. Es berührt merkwürdig, neben den dekorativen Ornamenten diesen Zeugen entleerter Vitalität zu begegnen, herumliegende Dokumente der Hilflosigkeit.

An das Eingangstor zum Park, den der Camden Square umschließt, hat jemand auf gelbe Aufkleber geschrieben: "Viel Glück in deinem nächsten Leben" - wo ihr erstes keinen Ausweg aus dem Unglück gefunden hatte, das "pursuit of happiness", das Streben nach dem Glück, ins Gegenteil verkehrend. Das scheint freilich eine ältere Person, die selig lallend dem Haus gegenüber Platz genommen hat, nicht anzufechten. Die Frau nimmt einige tiefe Züge aus einer Flasche und ruft undeutlich-glückliche Worte, als sehe sie ihr eigenes, zweites Leben bereits vor sich.

Die Gemeinde der Amy-Winehouse-Fans ist groß, nicht alle bekennen sich als Musikliebhaber. Diese jedoch haben ihrer Göttin eine letzte Verehrung zuteilwerden lassen und einige der bekanntesten Songs der Winehouse, vor allem ihr zweites Album "Back To Black" von 2006, durch sprunghafte Nachfrage an die Spitze der Charts katapultiert. Die Sängerin Adele bedankte sich auf ihrer Website bei Amy dafür, dass sie "Künstlern wie mir den Weg geebnet hat". Die Spur der Winehouse in der Musikgeschichte der Insel wird sich eben auch daran ablesen lassen, wie stark ihr Gesang, ihr Vortrag den Stil der Popmusik auf der Insel geprägt hat.