Amy Winehouse

"Sie war so eine verlorene Seele"

Man kannte eigentlich jeden Anblick. Den verwundeten, zerkratzten, manchmal blutenden (nach einem Streit mit ihrem Freund, durch einen Sturz oder das, was sie sich selbst antat), den verwirrten, versoffenen, mit Knutschfleck oder blauem Fleck, den Anblick, als plötzlich ein paar Zähne fehlten im Oberkiefer, als ihr pechschwarzes Haar mit einem Mal gelb und kurz war und darunter starre Augen ins Nichts blickten.

Als sie plötzlich noch dünner war, dafür mit einem Mal der Busen groß. Als ihre perfekt reduzierten Hüftbewegungen zum kraftvollen Gesang auf der Bühne ins Gegenteil umschlugen, in sinnloses, fahriges Kreisen nämlich, während die Stimme immer dünner immer weniger Töne traf.

Der Absturz war gut dokumentiert. Und gern half sie selbst dabei. "Es ist sehr seltsam", sagte einmal Jon Beretta, einer der Paparazzi, die ab dem Sommer 2007 Tag und Nacht vor ihrem Londoner Haus verbrachten, "aber sie schenkt uns immer ein Foto von sich." Amy machte mit, posierte gern. Sie lebte mit der Aufmerksamkeit. Und tat trotzdem, was sie wollte. Diese Frau, die so sehr hungerte, um dünn zu sein, die zum Modevorbild wurde mit ihren Beinchen in Hotpants, Ballerinas und einer Frisur, die Stunden in Anspruch nahm - dieselbe Frau ließ sich noch in den schlimmsten, in den entstellenden Momenten ihres Lebens ablichten.

Sonnenblumen statt Trauersträuße

An einem Tag im Sommer 2008 war es irgendwie anders. Amy Winehouse saß am Fenster ihrer Wohnung, ein ungewohnt wacher, wenigstens klarer, dabei zutiefst schwermütiger Blick. Mit angezogenen Beinen saß sie auf der Fensterbank, umrahmt vom Efeu an der Hauswand, und blickte auf die Straße, aber so, als sähe sie nichts von den Fotografen. Ein einsames Mädchen, gerade 24, wegen irgendetwas traurig, einem Jungen vielleicht. Vielleicht auch viel mehr.

Obwohl der Junge, die Liebe, immer ihr Lebensthema war, in der Musik und in dem Leben dahinter. Mit dem Briten Blake Fielder-Civil zum Beispiel, den sie in Miami heiratete, dessen Namen sie über ihrem Herzen tätowieren ließ, und von dem man nicht wusste, ob er ihr mehr schadete oder sie mehr ihm.

Der letzte Mann, mit dem sie so etwas wie Liebe versuchte, war der britische Sänger Reg Traviss. Es hielt nicht lange, nicht einmal ein Jahr. Gestern dann stand er plötzlich in der Nähe ihres Hauses, wo sie lebte und wo sie starb. Stand einfach da auf der Straße, lehnte an der Wand mit den Händen in den Manteltaschen und sah, wie die Menschen Blumen vor das Haus seiner früheren Freundin legten, ein paar Trauersträuße darunter, in großer Mehrzahl aber Sonnenblumen. Wie sie sich weinend in den Armen hielten. Und wie sie Flaschen zum Trost niederlegten, Bier, Wein, Hochprozentiges. Niemand wollte zynisch sein, eher: das Elend ihres Lebens romantisch verklären, es war, als wollten sie sagen, wie wissen ja, Amy, du konntest nicht anders.

Sie war die berühmteste Trinkerin im Land, noch bevor es losging mit den ganz harten Drogen, Koks, Heroin und Crack, das ihr später das Lungenemphysem bescherte. Da war sie eine junge, vielversprechende Sängerin, die in Interviews sagte, wie schlecht es ihr ginge, weil sie letzte Nacht ihren Liebeskummer habe wegsaufen wollen, sich dann aber doch mit ihrem Freund geprügelt habe. So viel Selbstzerstörung hat ihr viel Zuneigung verschafft.

Auch bei ihren Kollegen hat ihr Tod sehr große Bestürzung ausgelöst. "Das ist einer der traurigsten Tage meines Lebens", schrieb der Produzent Mark Ronson, der eng mit ihr zusammengearbeitet hatte, auf Twitter. "Sie war meine musikalische Seelenverwandte und wie eine Schwester für mich." Kelly Osbourne, Tochter von Musiker Ozzy Osbourne und Freundin von Winehouse, schrieb: "Ich kann kaum atmen, weil ich so weinen muss." Sängerin Lilly Allen: "Das ist jenseits von traurig, sonst gibt es nichts zu sagen. Sie war so eine verlorene Seele, möge sie in Frieden ruhen." Tänzerin Dita von Teese schrieb, sie sei "am Boden zerstört". "Ich habe unglaubliche Zeiten mit Amy verbracht. Sie hat einmal eine ganze Stunde für mich gesungen, das war das Schönste und Berührendste, das es gibt. Ein gigantischer Verlust." Auch unter den Gästen ihres Stamm-Pubs herrscht Trauer. "Dieses Pub war wie ihr Zuhause, und jeder erinnert sich daran, wie lustig es mit ihr war", sagte ein Stammgast der BBC.

"Sie stand neben sich"

Auch ihre Mutter Janis meldete sich gestern zu Wort. Dem "Daily Mirror" sagte sie, ihre Tochter sei am Tag vor ihrem Tod in einer schlechten Verfassung gewesen. "Sie stand neben sich", sagte Janis Winehouse - und dass sie geglaubt habe, dass es nur eine Frage der Zeit sei, bis ihre Tochter sterben würde. Dass es aber nun so schnell gehen würde, damit habe sie nicht gerechnet. Die genaue Todesursache ist noch unbekannt. Erst am Montag soll eine Obduktion klären, woran Amy Winehouse mit 27 Jahren starb.