Gedenken in Duisburg

Die Narben bleiben und brennen

Der Regen will nicht aufhören. Die meisten Grabkerzen sind schon erloschen, Sonnenblumen liegen mit ertränkten Blättern in Pfützen. Ein junger Mann hockt am rostenden Love-Parade-Mahnmal mit den 21 umfallenden Stahlstreben und weint.

In der Mitte des Tunnels, an der offenen Asphaltrampe, wurde ein Beet aus weißem Kies errichtet, mit Fotos von jungen Menschen. Holzkreuze säumen die Stufen der baufälligen Treppe, über die etliche Menschen am 24. Juli vergangenen Jahres in Panik zu fliehen versuchten. 21 Menschen sind damals gestorben, an einem strahlenden, sonnigen Tag. Ein Jahr später kommen die Menschen im strömenden Regen, um zu trauern.

Gruppen von Betreuern stehen zusammen. Sie tragen lilafarbene Jacken mit der Aufschrift "Seelsorger" und "Einsatznachsorge". Sie haben zu tun. Ein junges Mädchen wird im Tunnel von Weinkrämpfen geschüttelt und muss sich auf den Bordstein setzen. Eine Seelsorgerin spricht leise mit ihr. "Die Menschen wollen das Geschehene loswerden", sagt der Koordinator der Seelsorge, Richard Bannert.

Kaum drei Kilometer weiter kommen die ersten Trauergäste ins Fußballstadion des MSV Duisburg. "Der Graf", Sänger der Band "Unheilig", probt gerade sein Lied "Geboren um zu leben" auf der Bühne. Die Angehörigen haben sich seinen Auftritt gewünscht. Der großen öffentlichen Aufmerksamkeit am Sonntag begegnen sie mit gemischten Gefühlen. "Das Leid des ganzen Jahres kommt an einem solchen Tag noch einmal hoch. Aber sie fühlen sich nicht vergessen und merken, dass auch die Gesellschaft Anteil nimmt. Das ist etwas für sie, was ihnen gut tut und ihnen helfen kann für die weiteren Wochen und Monate. Denn die Trauer hört nicht auf", sagt Joachim Müller-Lange, Landespfarrer für Notfallseelsorge der Evangelischen Kirche im Rheinland. Er betreut die Angehörigen.

Duisburgs Oberbürgermeister Adolf Sauerland ist nicht ins Stadion gekommen, weil einige Hinterbliebene es nicht wollten. Sie sehen in ihm einen Verantwortlichen für das Unglück und können nicht verstehen, dass er sich erst nach einem Jahr so deutlich entschuldigt hat.

"Tausende tragen heute noch den Schock und die Trauer in ihren Herzen. Es erschüttert eine ganze Stadt. Im tiefsten Innern müssen Menschen allein den Weg finden, mit großem Leid umzugehen. Aber dennoch hilft es, auf diesem Weg nicht allein zu sein", sagt die Vizepräses der Evangelischen Kirche im Rheinland, Petra Bosse-Huber. "Einige sagen, die Zeit heilt alle Wunde, aber die Narben bleiben, und sie brennen." Die Schuldfrage wirft im Stadion noch einmal die Italienerin Nadia Zanacchi auf, die ihre Tochter Guilia verloren hat. Es ist eine bewegende Rede, die einem Tränen in die Augen treibt. "An einem derartigen Ort hätte niemals ein Konzert stattfinden dürfen", sagt sie. Die junge Ella Seifer hat das Unglück überlebt. Sie erzählt, wie das Chaos über sie und ihre Freunde hereinbrach. "Das war der Tag, an dem ich verstanden habe, wie schnell das Leben vorbei sein kann."