Strauss-Kahn

Eine "eindeutig brutale" Affäre

Hat Dominique Strauss-Kahn versucht, die Autorin Tristane Banon zu vergewaltigen - nachdem er zuvor mit deren Mutter eine Affäre hatte? Das ist die Frage, die sich nach den neuesten Enthüllungen in der an bizarren Wendungen nicht armen Saga um den ehemaligen Direktor des Internationalen Währungsfonds stellt.

Anne Mansouret, Mutter der 32 Jahre alten Schriftstellerin Tristane Banon, die Anfang Juli wegen eines acht Jahre zurückliegenden Vorfalls eine Vergewaltigungsklage gegen Strauss-Kahn eingereicht hatte, hat angeblich vergangene Woche während einer Anhörung vor der Pariser Polizei ausgesagt, sie habe selbst eine Affäre mit DSK gehabt. Diese sei "in beiderseitigem Einvernehmen, aber eindeutig brutal" verlaufen und habe in einem Büro der OECD in Paris stattgefunden. Strauss-Kahn war im Jahr 2000 zum Berater des Generalsekretärs der OECD ernannt worden. Anne Mansouret kannte ihn seit Langem, sie war eine enge Freundin der ersten Ehefrau des sozialistischen Politikers, Brigitte Guillemette. Diese wiederum ist die Patentante von Tristane Banon.

Das Ausmaß dieser Verwicklungen könnte ein Grund dafür sein, weshalb Anne Mansouret ihrer Tochter 2003 abriet, gegen Strauss-Kahn Klage zu erheben, vermutet das Nachrichtenmagazin "L'Express", das Anne Mansourets Aussagen am Montag auf seiner Internetseite verbreitete. Die inzwischen 65 Jahre alte Mansouret ist selbst Mitglied der PS und Vizepräsidentin des Regionalparlamentes des Departements Eure. Mit ihrer Tochter unterhält sie eine komplizierte, aber von Offenheit geprägte Beziehung. Banon, deren literarische Versuche allesamt autobiografisch inspiriert sind, schildert sie als abwesende Karrierefrau, welche die Erziehung ihrer Tochter einem prügelnden Kindermädchen überließ. Die Jungautorin, die sich gegen Vorwürfe verwahrt, sie sei "seelisch instabil" oder "geltungssüchtig", ließ sich in der vergangenen Woche für die Illustrierte "Paris Match" in einem Kornfeld ablichten und zeigte ihr neues Tattoo: Am Tag, an dem sie ihre Vergewaltigungsklage gegen Dominique Strauss-Kahn einreichte, hat sie sich auf den rechten Arm den Satz: "Nie fliehen, weitermachen" einstechen lassen. Anfang 2003 hatte Tristane Banon Strauss-Kahn abends in dessen Pariser Zweitwohnung besucht, um ihn für ein Buch zu interviewen. Dabei, so wirft Banon ihm heute vor, soll der Politiker versucht haben, sie zu vergewaltigen. Den Vorfall hatte sie damals umgehend ihrer Mutter berichtet, doch diese riet ihr seinerzeit davon ab, Klage einzureichen.

Nach Bekanntwerden der New Yorker Vorwürfe gegen Strauss-Kahn Mitte Mai habe Anne Mansouret zwei Monate lang überlegt, berichtet nun "L'Express". Zur Enthüllung ihrer Affäre mit Strauss-Kahn - die sie lange auch vor ihrer Tochter verbarg - entschloss sie sich nun auch, um das von Freunden Strauss-Kahns gezeichnete Bild des "unbelehrbaren Verführers", der zwar ein "Homme à femmes" sei, aber keiner Frau je etwas zuleide tun könne, zu korrigieren. Laut "Express" soll die heute 65-Jährige Strauss-Kahn als sexuelles Raubtier beschrieben haben, der nicht gefallen wolle, sondern erbeuten. Sein Benehmen sei von der "Obszönität eines Haudegens", und die sexuelle Begierde löse bei ihm das Bedürfnis zu unterwerfen aus, erzählte Madame Mansouret der Polizei.

Sie schilderte zudem detailreich die Vorgänge vom 11. Februar 2003. Demnach habe ihre Tochter sie an diesem Abend aufgelöst angerufen, nachdem sie das Apartment fluchtartig verlassen hatte, das Strauss-Kahn für spezielle Gelegenheiten in der Rue Mayet im VI. Pariser Arrondissement unterhielt.

Nachdem ihre Tochter ihr von dem Sexangriff Strauss-Kahns berichtet habe, habe sie dessen Ex-Frau, Brigitte Guillemette, angerufen. Diese habe ihr erklärt, sie wisse zwar, dass Strauss-Kahn sich einige Male unangemessen gegenüber Studentinnen benommen habe, sie hätte jedoch nie gedacht, dass er so weit gehen würde. Daraufhin soll Guillemette ihren Ex-Mann angerufen und zur Rede gestellt haben. Er soll ihr daraufhin sinngemäß erklärt haben: "Ich weiß auch nicht, was über mich gekommen ist. Ich hab mit der Mutter geschlafen. Mir ist ein Kabel durchgebrannt, als ich die Tochter gesehen habe."

Mutter riet Tochter von Klage ab

In der Folge nahm Anne Mansouret Kontakt zu einem Pariser Staatsanwalt auf, um sich nach den Erfolgsaussichten einer Klage ihrer Tochter zu erkundigen. Die Antwort war ernüchternd: geringe Chancen mangels Beweisen. Zur gleichen Zeit habe ein weiterer Anwalt ihrer Tochter abgeraten, berichtet Anne Mansouret. Schließlich empfahl auch sie ihrer traumatisierten Tochter, die zudem mit Strauss-Kahns Tochter Camille befreundet war, auf die Klage zu verzichten. Stattdessen traf sich Anne Mansouret mit Strauss-Kahn zur Aussprache. Dieser habe sich dabei zwar entschuldigt. Doch er hatte offenbar nicht das Gefühl, Tristane Banon ein Leid zugefügt zu haben, und schien sich vor einer Klage nicht zu fürchten. Anne Mansouret will den Vorfall auch dem damaligen Parteivorsitzenden François Hollande geschildert haben. Hollande, der sich derzeit um die Präsidentschaftskandidatur der Sozialisten bemüht, soll in Kürze von der Polizei befragt werden.

Dominique Strauss-Kahns Anwälte reagierten nicht auf Mansourets Aussage, sondern beließen es dabei, auf die Verleumdungsklage hinzuweisen, die ihr Mandant als Antwort auf die Klage von Tristane Banon eingereicht hat.

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