Loveparade-Unglück

Seit Eikes Tod gibt es keine Freude mehr

Sie treffen sich oft mit den anderen Angehörigen, eine große Hilfe ist das. Dann sitzen sie zusammen und sagen manchmal minutenlang nichts, schauen sich irgendwann an, und wenn jemand die Stille unterbricht, dann nur, um zunächst einmal Kaffee nachzuschenken oder Wasser.

Auf jeden Fall muss dieser Moment mit etwas Banalem beendet werden, etwas Alltäglichem, weil man nur so wieder zurückfindet in sein Leben. Stefanie Mogendorf sagt, sie habe versucht, den Tod ihres Sohnes Eike durch Alltag zu verarbeiten, und heute, ein Jahr nach der Loveparade in Duisburg, gehe es ihr besser.

Klaus-Peter Mogendorf sagt, dass er seit Eikes Tod keinen Moment der Freude mehr empfunden habe, dass er früher gerne von der Arbeit nach Hause fuhr und heute nicht mehr. Klaus-Peter Mogendorf arbeitet viel. Er arbeitet, um zu leben, könnte man sagen. Seine Frau schenkt ihm Kaffee nach. 21 Jahre alt wurde Eike Mogendorf aus Belm bei Osnabrück. Er starb am 24. Juli 2010 in Duisburg, weil ...

Ein sinnloser Tod

Ja, warum eigentlich? "Wenn mein Sohn einer Naturkatastrophe zum Opfer gefallen wäre, wäre es einfacher", sagt Klaus-Peter Mogendorf. Doch so gibt es auch ein Jahr nach dem Drama von Duisburg keine Erklärung für Eikes Tod, und einen Schuldigen gibt es auch nicht, keine Anklage, keinen Prozess, nichts. Ein Umstand, der die Mogendorfs nicht wirklich wütend macht. Darüber sind sie eigentlich schon hinaus.

Vor vier Wochen etwa hat der Duisburger Oberbürgermeister Adolf Sauerland sie besucht. Sie hatten vorgeschlagen, dass er zu ihnen nach Hause kommt, dann hätte Stefanie Mogendorf ihn auf Eikes Platz am Küchentisch gesetzt, der seit einem Jahr immer leer bleibt, doch Sauerland hat es vorgezogen, sich auf neutralem Boden zu treffen. So saßen die Mogendorfs in Belm im Café und hörten Sauerlands Erklärungen. Er entschuldigte sich, doch habe er sich nichts vorzuwerfen, sagt er. Klaus-Peter Mogendorf hat ihm zum Abschied die Hand gegeben und sich im Nachhinein gefragt, warum Sauerland eigentlich da war, für eine Entschuldigung war es doch schon zu spät. "Ich hasse ihn nicht", sagt Klaus-Peter Mogendorf, er weiß aber, dass Sauerland lügt, dass er sich in einem Netz von Ausflüchten verstrickt hat, dass seine Verwaltung, deren Chef er war, damals versagt hat, dass Sauerland als Mensch nach der Katastrophe versagt hat, als er herumdruckste, seinen Hals retten wollte.

Das Ganze ist ein Albtraum, "man kann sich nicht vorstellen, wie es ist, sein Kind zu verlieren", sagt Stefanie Mogendorf. "Das will auch niemand", sagt ihr Mann.

Eike wollte eigentlich gar nicht nach Duisburg. Am Tag zuvor, ein Freitag, stand er in der Schlange vor dem "Alando", einer Disco in Osnabrück, wartete auf Einlass, als er ein paar Freunde traf, unter ihnen auch Marius. Die Gruppe wollte am nächsten Tag zur Loveparade fahren, und weil Eike solche spontanen Aktionen liebte, sagte er: "Ich komme mit." Fast wäre er am nächsten Tag noch zu spät gewesen, doch seine Mutter brachte ihn zum Bahnhof, Eike kaufte noch ein paar Flaschen Bier.

Eine tragische Entscheidung

Eike war ein klassischer Spätzünder, der ewig lang der Kleinste in der Klasse gewesen war mit einer piepsigen Stimme, doch hatte er sich entwickelt. Er ging auf jede Party, er ließ nichts aus. Stefanie Mogendorf mochte das an ihrem Sohn, zumal er auch auf Familienfeiern für Stimmung sorgte. "Ich habe gern mit ihm getanzt." Eike hatte Abitur gemacht, im Altenheim seinen Zivildienst abgeleistet, er studierte Politikwissenschaft und Geschichte im zweiten Semester. Klaus-Peter Mogendorf hat einmal gefragt, was man damit eigentlich anfangen könne, doch so genau konnte ihm das keiner sagen. Eike wollte Journalist werden, und er wollte irgendwann nach Berlin. Er hatte noch so viel Zeit.

Wenn die Mogendorfs heute über den Tag von Eikes Tod reden, dann verschwimmen die Zeiten ein wenig. Stefanie Mogendorf weiß noch genau, dass sie einkaufen war, Klaus-Peter Mogendorf hat bestimmt mit Eikes älterem Bruder dessen Wohnung gefliest, das weiß er noch. Doch dann, als sie beide wieder zu Hause waren, als sie im Radio hörten, dass in Duisburg etwas Furchtbares geschehen war, verlässt sie diese Sicherheit. Irgendwann hat ein Freund von Eike angerufen, dass man nicht wisse, wo er ist, dass ihn ein Krankenwagen mitgenommen habe. Da hatte Stefanie Mogendorf schon zigmal versucht, ihren Sohn auf dem Handy zu erreichen, hatte die Bilder im Fernsehen gesehen, die Horrormeldungen stoisch auf dem Sofa sitzend ertragen, sich immer wieder selbst einredend, dass Tausenden ja auch nichts passiert ist, dass Eike woanders war. Dabei war er mittendrin.

Eikes Freund Marius sagt, dass es schon im Zug ziemlich voll gewesen sei, dass die Fahrt ewig gedauert habe und die Stimmung trotzdem gut war. Vom Bahnhof aus sind sie zu siebt Richtung Partygelände gegangen, immer der Masse nach. An zwei Ständen hielten sie an, zuerst an einem China-Imbiss, um was zu essen, dann an einem Zigaretten-Werbestand, um eine Schachtel abzugreifen. Es gab außerdem zwei Straßensperren, an denen man ihnen die Flaschen abnahm, bevor sie zum Tunnel an der Karl-Lehr Straße kamen. Eike war gut drauf. Das letzte Foto zeigt ihn mit seinen Freunden vor dem Eingang des Tunnels. Die Sonne scheint, er posiert, er ist arglos. "Wir waren froh, endlich zur Party zu kommen", sagt Marius heute. Doch im Tunnel wurde es dann schon eng. "Die Leute haben Fußballlieder gesungen, die Stimmung war bestens."

Dann kamen sie in die Nähe der Treppe, und auf einmal ging es nicht mehr weiter. "Die Stimmung kippte, weil die Leute endlich auf das Gelände wollten." Es gab einen Stoß von hinten, immer mehr Leute drängelten auf einmal Richtung Treppe, doch vorne kam man nicht weiter. "Jetzt wurde gequetscht, vereinzelt schrien die Leute." Marius sah, wie vor ihm die Menschen hinfielen, andere fielen auf sie, "das war wie bei einer Welle, die Leute wurden regelrecht von den Nachdrängenden überspült".

Marius fiel hin, auf jemand anderen, versuchte, oben zu bleiben, sein Unterleib steckte zwischen den anderen Menschen, "als hätte man ihn einbetoniert", die Menschen wurden panisch, schrien um ihr Leben, kämpften um Platz, Luft, Raum, schlugen, traten um sich. Und plötzlich war der Platz wieder da. Sanitäter, Polizisten.

Marius wurde aufgerichtet, bekam Wasser, und während er gierig trank, sah er sich um. "Da lagen mindestens zehn Menschen, die tot waren. Nicht bewusstlos, sondern tot, das sah man sofort."

Er half anderen auf die Beine, eine Fernsehreporterin filmte ihn. Er traf seine Freunde wieder. Alle außer Eike. Die Gruppe schleppte sich in einen Vorgarten, eine Duisburger Familie betreute sie, bis ihre Eltern kamen, um sie abzuholen. Zu siebt waren sie losgefahren, sechs kamen zurück. Als es gegen ein Uhr am Morgen klingelte, wusste Stefanie Mogendorf sofort Bescheid. Sie waren zu dritt, zwei Polizisten und ein Notfallseelsorger sagten ihr, dass Eike tot sei.

Der Ort soll so bleiben

Heiligabend waren Stefanie und Klaus-Peter Mogendorf in Duisburg, durch den Schnee waren sie stundenlang gefahren, standen in der Kälte dort, wo Eike gestorben war, zündeten eine Kerze für ihren Sohn an. Der Ort soll nun verschwinden, die Treppe, die Unterführung, ein neues Möbelhaus, man müsse verstehen, doch Stefanie und Klaus-Peter Mogendorf wollen das nicht verstehen. Gemeinsam mit anderen Angehörigen setzen sie sich für den Erhalt des Ortes ein, denn was bleibt denn schon von ihrem Sohn? Erinnerungen, Fotos, ein Grab.

Was auch bleibt, ist die Überzeugung, dass viele Menschen die Loveparade endgültig vergessen wollen, weil sie eigentlich lästig ist. "Es ist eine Schande", sagt Klaus-Peter Mogendorf.