Prozess im Mordfall Mirco

"Diese Tat ist nicht zu entschuldigen"

Die Ersten finden sich schon um 7.30 Uhr am Nordwall in Krefeld ein. Einschüchternd wirkt das Gerichtsgebäude heute, ein Monstrum aus der Gründerzeit, vor der Tür gibt es Absperrungen, ein Justizbeamter versucht, den Überblick zu behalten, wer denn nun Schaulustiger ist, wer zur Presse gehört und wer ein Beteiligter ist.

Der Mirco-Prozess beginnt an seinem ersten Tag verspätet, wegen der Maßnahmen zur Sicherheit, doch vor allem wegen dieses großen Andrangs. Es geht um die Tötung eines Zehnjährigen und um die Verurteilung eines Mörders, und dass Olaf H., der Angeklagte, der Mörder von Mirco Schlitter aus Grefrath ist, daran besteht kein Zweifel.

Zwei Rentnerinnen sind aus Kempen, zehn Kilometer entfernt von Grefrath, wo Mircos Familie lebt, gekommen. Es ist ihr erster Prozess, die Frauen sind aufgeregt, es sei nicht die Neugier, die sie hierhin getrieben habe, sagen sie in die Kameras der regionalen TV-Sender, stattdessen habe man ja schließlich auch Kinder und Enkelkinder, sie hätten mit Mirco gelitten und wollten nun dem Mann in die Augen sehen, der dafür verantwortlich sei, sagen sie. Die eine Frau läuft auf Krücken, sie wird nicht in den Saal gelassen, wenn der Prozess gegen Olaf H. beginnt. Es sind zu viele Menschen, die das Gleiche wollen wie sie: Ihn einmal sehen, diesen Mann.

Auf der anderen Straßenseite hat jemand eine provisorische Gedenkstätte mit Mirco-Memorabilien aufgebaut, Steine mit Sprüchen, Fotos, eine Kerze, Blumen, ein Mann mit weißem Bart läuft umher, er trägt um den Hals ein Schild, auf dem "Lebenslänglich quälen" steht und führt aus, dass es kaum eine Strafe sei, wenn Olaf H. nur in seiner Zelle sitze. Im ersten Stock, vor dem eigentlichen Saal, steht auch Ingo Thiel, Leiter der Soko "Mirco", die das Verschwinden des Jungen am 3. September vergangenen Jahres aufklären sollte. Thiel, der inzwischen zu einer Art Held mutiert ist, weil er nach 150 Tagen Olaf H. doch noch fasste, lächelt. Er ist ein anderer geworden im vergangenen Jahr, das sieht man. Mircos Eltern, die im Prozess als Nebenkläger auftreten, werden heute von ihrer Anwältin vertreten. Seine Mutter soll im Rahmen des Prozesses, der mit 15 Verhandlungstagen noch bis Ende September gehen soll, als Zeugin aussagen. Allerdings kommen die meisten Zeugen aus dem Umfeld von H. Es geht in solchen Prozessen nie um die Opfer, immer um den Täter, denn das Schwurgericht, drei Berufsrichter, zwei Schöffen unter dem Vorsitz von Richter Herbert Luczak, müssen über die Schuld des Angeklagten befinden. Im Fall von Olaf H., der vorher nie strafrechtlich in Erscheinung getreten war, geht es um "lebenslänglich" mit "besonderer Schwere der Schuld", was seine Haft verlängern würde. "Lebenslänglich" bedeutet in Deutschland statistisch gesehen 17 bis 20 Jahre Haft, bei "besonderer Schwere der Schuld" dauert die Haft statistisch gesehen 23 bis 25 Jahre. Wenn die Richter Olaf H. auch in Zukunft als gefährlich einstufen, kann es sein, dass eine anschließende Sicherungsverwahrung angeordnet wird, was bedeuten würde, dass Olaf H. möglicherweise nie mehr freikommt.

Es geht also um einiges für den Mann, der unter Raunen und Blitzlichtgewitter den Gerichtssaal betritt und neben seinem Anwalt Gerd Meister Platz nimmt. H. trägt einen dunklen Anzug, ein schlammfarbenes Hemd und eine Krawatte, sein Gesicht versucht er mit einer Baseballkappe, einer Sonnenbrille und einem Hefter vor den Fotografen zu verbergen. Er wird während der Verhandlung nicht zugänglicher. Im Gegenteil. Nach Verlesung der 26 Seiten langen Anklage räumt sein Anwalt die Vorwürfe ein. "Es wurde fair ermittelt. Die Beweislage ist vernichtend", sagt Meister.

Ja, Olaf H. habe Mirco entführt und ihn mit einer Schnur erdrosselt. Nein, er sei nicht noch einmal zur Leiche zurückgekehrt, und auch habe er seinem Opfer kein Messer in den Hals gerammt. "Du bist zu weit gegangen, den kannst du nicht laufen lassen." Dennoch werde das Verfahren gegen seinen Mandanten "Einblicke in Abgründe" gewähren, sagt Meister. Das Motiv der Tat sei nicht Wut darüber gewesen, dass er keine Erektion bekommen habe, als er versuchte, das Kind zu missbrauchen. Olaf H. wird im Prozess schweigen, verkündet sein Anwalt, er werde sich nicht bei Mircos Eltern entschuldigen, weil die Tat eben unentschuldbar sei.

Es ist noch nicht alles klar im Fall Mirco. Den Rest des Tages arbeiten sich die Richter durch die Verhörprotokolle der Polizei, gehen die einzelnen Versionen durch, mit denen H. verzweifelt versucht hatte, seinen Kopf doch noch aus der Schlinge zu ziehen, dass es ein Unfall war, dass er nur mit ihm reden wollte, dass Mirco sich selbst ausgezogen habe, so arbeitet sich unter Ächzen und Raunen des Publikums das Gericht durch diesen Wahnsinn, den die Soko zu ermitteln hatte. Es ist noch nicht alles klar im Fall Mirco. Die Angst des Jungen vor ihm ist allerdings ein immer wiederkehrendes Motiv.

Wächsern starrt Olaf H. in diesen Momenten vor sich hin. Er ist dreifacher Vater, liebte seine Kinder, spielte gern mit ihnen im Garten. Nun hat er keinen Kontakt mehr zu seiner Familie, sie hat das gemeinsame Haus im niederrheinischen Schwalmtal verlassen und lebt anonym irgendwo in Bayern, heißt es. Bis auf ein, zwei "Ja" hat Olaf H. noch nichts gesagt an diesem ersten Tag. H. ist dreimal verlegt worden, weil ihn seine Mitinsassen verprügelt haben sollen, sein Mandant sei suizidgefährdet, fügt Meister hinzu.