Russland

Gesunkenes Schiff fuhr ohne Lizenz

Beim schwersten Schiffsunglück in drei Jahrzehnten sind in Russland bis zu 128 Menschen ums Leben gekommen, darunter viele Kinder. Der 1955 gebaute Ausflugsdampfer "Bulgaria" hatte mit über 200 Menschen an Bord am Sonntag auf der Wolga in einem Sturm Schlagseite bekommen und war nach Auskunft von Überlebenden innerhalb weniger Minuten gesunken.

Zugelassen ist das alte Kreuzfahrtschiff jedoch nur für 120 Menschen. Die Betreiber der "Bulgaria" hätten zudem überhaupt keine Lizenz zur Personenbeförderung gehabt, teilten die zuständigen Ermittlungsbehörden mit. Präsident Dmitri Medwedjew kritisierte, das Unglück wäre bei Einhaltung der Sicherheitsvorkehrungen nicht passiert. Auf russischen Gewässern führen zu viele "Rostlauben". Die russische Regierung hat eine unfassende Aufklärung angekündigt und von einer "Bestrafung der Schuldigen" gesprochen.

Die Wolga ist an der Unglücksstelle zu einem Stausee mit gigantischen Dimensionen aufgestaut. Südlich von Kasan, der Hauptstadt der russischen Teilrepublik Tatarstan, entstand so ein künstliches Seegebiet, das dem Fischfang, der Naherholung und der Energiegewinnung dient.

Die "Bulgaria" versank an einer etwa 30 Kilometer breiten Stelle und liegt auf dem Grund in einer Tiefe von 20 Metern. Unmittelbare Unglücksursache dürfte ein Unwetter gewesen sein. Offenbar hat der Wind hohe Wellen aufgepeitscht - zu hoch für das kleine Schiff. Es bekam Schlagseite und kippte. Die Decks wurden geflutet, das Schiff sank in acht Minuten.

Auf dem Unglücksschiff sollen sich mehr als 20 Passagiere ohne Ticket befunden haben. Wie sie an Bord gelangen konnten, ist bisher unklar. Sicher ist hingegen, dass sich sehr viele Kinder unter den Opfern befinden, die Angaben schwanken zwischen 30 und 50. Sie hielten sich in einem Spielsaal im unteren Deck auf. Als das Schiff sank, schafften sie es nicht, rechtzeitig an Deck zu kommen. Nur etwa 80 Menschen konnten gerettet werden. Der größte Teil wurde von Schiffen aufgenommen, die die Unglücksstelle zufällig passierten. Mehreren Menschen ist es wohl auch gelungen, sich schwimmend ans Ufer zu retten. Taucher des russischen Katastrophenschutzes eilten an die Unglücksstelle. Sie durchsuchten das Wrack nach Hohlräumen und lauschten auf Klopfzeichen - doch sie hörten nichts. Sie fanden nur Tote.

Die "Bulgaria" war in schlechtem Zustand. Das Schiff, 1955 in der damaligen Tschechoslowakei gebaut, soll mehrere Jahre lang nicht gewartet worden sein. Die russische Zeitung "Kommersant" berichtet, dass dies nicht der erste Zwischenfall mit diesem Schiff gewesen sein soll. "Kommersant" zitiert einen Mann, der vor Jahren angeblich schon einmal einer Havarie auf der "Bulgaria" entgangen sein soll: "Das Schiff hat so stark geschaukelt, dass es fast umgekippt wäre." "Rossija 24" berichtet, dass die "Bulgaria" weder über genügend Rettungsboote noch über ausreichend und gut zugängliche Schwimmwesten verfügt haben soll. Zudem habe die "Bulgaria" über keine Trennwände im Inneren verfügt und sei deshalb recht fragil gewesen.