Medien

Nach 168 Jahren die letzte Schicht

Die Schließung der "größten Zeitung der Welt", wie sich "News of the World" (NoW) auf der letzten Titelseite gestern selbst bezeichnete, hat dem Medienkonzern des US-australischen Unternehmers Rupert Murdoch keine Atempause verschafft.

Nach Medienberichten bereitet die Sonderkommission von Scotland Yard weitere Verhaftungen "in Kürze" vor. Insgesamt sollen sich neun Journalisten der britischen Murdoch-Tochterfirma News International (NI) sowie drei bestochene Polizisten im Visier der Fahnder befinden. Der 80-jährige Konzernchef traf am Sonntag in London ein, um die Übernahme des Satellitensenders BSkyB zu retten.

Das letzte "NoW"-Exemplar erschien in einer Auflage von fünf Millionen statt der zuletzt gemeldeten 2,7 Millionen. Es bot die übliche Mischung aus Angeberei und hart recherchierten Geschichten aus der Welt mehr oder weniger bekannter Prominenter. Im Leitartikel fand der Skandal, der zur Schließung des Blatts führte, erst im 13. Absatz Erwähnung: "Es gibt keine Rechtfertigung für die entsetzlichen Missetaten." Am Ende der letzten Schicht verließ die 280-köpfige Belegschaft gemeinsam das NI-Verlagsgebäude im Stadtteil Wapping. "Und jetzt gehen wir in den Pub", sagte Chefredakteur Colin Myler.

Die Redaktion verwies in der letzten Ausgabe stolz auf die 168 Jahre lange Geschichte. Schamlosigkeit und Neugier auf die schmutzigen Geheimnisse der Oberschicht kennzeichneten das 1843 gegründete Blatt schon zu Queen Victorias Zeiten. George Orwell zufolge gehörte es zum Sonntagnachmittag der englischen Kleinbürger wie ein starker Tee und schlechte Luft im überheizten Wohnzimmer.

Rupert Murdoch transferierte seinen Boulevardjournalismus aus Australien nach London und begründete mit "NoW" sein internationales Imperium. 42 Jahre lang, bis zuletzt, widmete der Patriarch seinem Auflagen-Flaggschiff detaillierte Aufmerksamkeit. Immer wieder gab es sorgfältig recherchierte Enthüllungen. Dass nicht auch Verlagsgeschäftsführerin Rebekah Brooks ihren Stuhl räumen muss, sorgt in der Öffentlichkeit für Empörung. Die anglikanische Staatskirche drohte mit dem Verkauf ihrer Aktien im Wert von vier Millionen Pfund, falls Brooks nicht als Chief Executive von NI entlassen wird - eine rührend geringe Summe. Der Auszug wichtiger Werbekunden wie der Autobauer Ford und Mitsubishi, des Mobilfunkers O2 sowie großer Einzelhandelsketten wie Boots und Sainsbury's hatte vergangene Woche die Krise der "NoW" in eine Finanzkatastrophe verwandelt.

Das könnte ein Hinweis darauf sein, dass Börsianer die Verwirklichung von Murdochs BSkyB-Übernahme im Wert von neun Milliarden Pfund für zunehmend unwahrscheinlich halten.

Der konservative Kulturminister Jeremy Hunt hatte noch zu Beginn des Monats signalisiert, der Deal sei so gut wie genehmigt. Nun mehren sich in der britischen Politik die Stimmen, die eine Umkehr der Koalitionsregierung fordern. Der Labour-nahe Thinktank-Mitarbeiter Sunder Katwala sagte im Gespräch mit dieser Zeitung: "Der Deal ist gestorben. Es wäre in Murdochs Interesse, von sich aus die Offerte zurückzuziehen."