Medien

"Wir stecken alle mit drin"

Dass ihre Boulevardpresse als härteste der Welt gilt, daran haben sich die Briten inzwischen gewöhnt. Manchem Leser einschlägiger Publikationen schien es sogar zu gefallen, dass er es in den Redaktionen mit ganz harten Leuten zu tun hat, die überall zugegen sind. Doch seit dem Skandal um Telefonate, die die Redaktion der Sonntagszeitung "News of the World" (NoW) abhörte, hat sich die öffentliche Wahrnehmung gedreht.

Zu intensiv sind die Verbindungen, die sich zwischen der Redaktion und der politische Elite des Landes ziehen lassen. Und so erstaunte es am Freitag in London niemanden, dass der Premierminister David Cameron, offenkundig massiv unter Druck, schwere Versäumnisse in der Medienpolitik des Landes einräumte. Die kriminellen Machenschaften bei der vom Murdoch-Medienkonzern mittlerweile eingestellten "News of the World" stellten "einen Weckruf an Politik, Gesellschaft und Medien" dar, sagte der Regierungschef in der Downing Street. Und fügte hinzu: "Die Wahrheit ist: Wir stecken alle mit drin."

Verdacht des Meineids

Wenig später nahm die Kriminalpolizei Camerons früheren Regierungssprecher Andy Coulson fest. Der 43-Jährige soll in seiner Zeit als "NoW"-Chefredakteur neben dem illegalen Abhören von Mobiltelefonen auch Zahlungen an korrupte Polizisten verantwortet haben. Zudem könnte er vor dem schottischen High Court einen Meineid geschworen haben. Auch Clive Goodman, der frühere Königshaus-Reporter "NoW" ist laut Medienberichten erneut festgenommen worden. Der 53-Jährige hatte einst die Affäre mit ausgelöst und bereits 2007 eine mehrmonatige Haftstrafe abgesessen. Ihm war nachgewiesen worden, am Abhören von Telefonen von Mitarbeitern des britischen Königshauses beteiligt gewesen zu sein. Damals trat Coulson zurück, beteuert aber bis heute, er habe "von nichts gewusst". Der damalige Oppositionsführer Cameron sicherte sich Coulsons Dienste und nahm ihn im vergangenen Jahr auch in die Downing Street mit.

Politik und Medien, aber auch Polizei und Medien seien sich "zu nahe gekommen", sagte der Premierminister nun und kündigte zwei unabhängige Untersuchungen an. Unter Vorsitz eines Richters soll eine Kommission der Frage nachgehen, warum Scotland Yard eine Aufklärung der üblen Machenschaften im mächtigen Medienkonzern jahrelang verschleppt hatte. Ein zweites Gremium soll neue Regeln für ethischen Journalismus vorschlagen. Die bisherige Beschwerde-Instanz PCC habe sich als zahnlos herausgestellt. "Sie muss ersetzt werden", sagte Cameron. Weiterhin solle es aber bei der Selbstkontrolle der Medien bleiben. "Dies ist nicht Aufgabe der Politik." Wie alle seine Vorgänge (Tory wie Labour) seit der eisernen Lady Maggie Thatcher (1979-1990) hatte Cameron eifrig um die Gunst des US-australischen Medienzaren Rupert Murdoch geworben. Oppositionsführer Ed Miliband von der Labour-Partei nutzte die Affäre prompt für einen Angriff auf den Regierungschef. Cameron kündigte mehrere Untersuchungsausschüsse an.

News International (NI), die britische Tochterfirma Rupert Murdochs, kontrolliert knapp 40 Prozent der Auflage aller überregionalen Zeitungen des Landes. Cameron ist mit der NI-Geschäftsführerin Rebekah Brooks befreundet. Erstmals distanzierte sich der Politiker nun deutlich von seiner Nachbarin: Die Managerin habe seinen Informationen nach dem Konzernchef in den letzten Tagen zweimal ihren Rücktritt angeboten. "Den hätte ich angenommen", sagte Cameron.

Trotz immer neuer Schlagzeilen und mehrerer Festnahmen hochrangiger früherer "NoW"-Redakteure in den vergangenen Monaten war die Affäre erst diese Woche wirklich ans Bewusstsein der Öffentlichkeit gelangt. Ein Bericht des "Guardian" legte offen: Die "NoW"-Leute hatten nicht nur 4000 Politiker und Prominente bespitzelt. Zu den Zielpersonen gehörten auch Verbrechensopfer und die Angehörigen von in Afghanistan gefallenen Soldaten. Die Mailbox eines vermissten Mädchens hatte der Privatdetektiv nicht nur abgehört, sondern auch Nachrichten gelöscht. Dadurch glaubten Eltern und Kripo, die 13-Jährige sei noch am Leben; in Wirklichkeit war Milly Dowler missbraucht und ermordet worden.

"Ein Werbegag"

Offen fordern nun auch einflussreiche Politiker der konservativ-liberalen Koalition, die Regierung dürfe dem ohnehin schon starken Murdoch-Konzern nicht noch weitere Macht einräumen.

Die Entscheidung, die 168 Jahre alte "News of the World" an diesem Sonntag zum letzten Mal erscheinen zu lassen, wird in London höchst misstrauisch bewertet. Kritiker des "Dreckwühlers" ("dirty digger"), wie Rupert Murdoch in England abschätzig genannt wird, fragen hartnäckig, warum 200 Journalisten entlassen werden, NI-Chefin Brooks aber im Amt bleiben darf. Erst vor wenigen Tagen hatte die 43-Jährige die Belegschaft auf bevorstehende Einsparungen hingewiesen und dabei auch die Möglichkeit erwähnt, dass verwandte Zeitungstitel zusammengelegt werden könnten.

Medienkenner in London wiesen darauf hin, dass NI kürzlich entsprechende Websites aufgekauft habe. "Die Schließung ist ein Werbegag des Managements", glaubt der frühere Labour-Vizepremier John Prescott. "Das Blatt kommt bestimmt bald als ,Sunday Sun' auf den Markt." Die Tageszeitung "The Sun" war von den Vorwürfen gegen NI bisher nicht betroffen. Ganz leicht kann dem 80-jährigen Firmenpatriarchen Rupert Murdoch die Schließung der "News of the World" aber nicht gefallen sein. Denn das Revolverblatt war 1969 Eintrittskarte des gebürtigen Australiers in die Welt des englischen Establishments und damit Startpunkt seiner globalen Karriere.