Skandal

Reporter ohne Grenzen

Eines zumindest kann man den Verantwortlichen der Mediengruppe News International nicht vorwerfen: dass sie inkonsequent handeln. Als sich am Donnerstagnachmittag der Skandal um Telefone, die Mitarbeiter der Zeitung "News of the World" abhörten, immer weiter zuspitzte, verkündete James Murdoch, der Sohn des Eigentümers Rupert, dass das Blatt am kommenden Sonntag zum letzten Mal gedruckt wird.

Eine Zeitung mit einer Auflage von fast drei Millionen Exemplaren, die seit 168 Jahren erscheint, wird einfach vom Markt genommen. Das ist ein weltweit einmaliger Vorfall in der Geschichte der Presse. Wobei sich der Konzern sicher anders entschieden hätte, wenn es irgendeine Alternative gegeben hätte. Wenn die Geschichte nicht so weite Kreise gezogen hätte.

Was genau passiert ist, das weiß noch niemand mit letzter Sicherheit. Gewiss ist immerhin: Nach Angaben der Londoner Polizei stehen inzwischen 4000 Namen auf der Liste mit Abhöropfern - darunter Prominente wie Prinz William, der Schauspieler Hugh Grant oder seine Kollegin Sienna Miller -, mehrere Hundert weitere könnten ebenfalls im Visier der Reporter des Blattes gewesen sein. 11 000 Seiten Beweismaterial müssen geprüft werden.

James Murdoch erklärte dazu: Sollten sich die Anschuldigungen als zutreffend erweisen, wäre dies ein menschenverachtendes Vorgehen, das "in unserem Unternehmen keinen Platz" habe. "Übeltäter haben eine gute Nachrichtenredaktion in eine schlechte verwandelt, und das wurde nicht umfassend erkannt oder angemessen verfolgt." Rund 200 Angestellte müssen gehen oder werden anderswo im Konzern untergebracht. Der Verkaufserlös der letzten "News of the World"-Ausgabe, die ohne Werbeanzeigen erscheint, werde wohltätigen Zwecken zugutekommen.

Angriffe aufs Intimleben

Die Angriffe auf die Intimsphäre ihrer Prominenten taten Politik und Bürger des Vereinigten Königreichs lange Zeit mit einem Schulterzucken ab. Wer so viel Geld und ein solches Leben hat, der muss das Auge und Ohr des Volks ertragen, lautet die Meinung der Briten, für die Datenschutz ohnehin ein vergleichsweise geringes Gut ist. Doch der "hacking scandal" hat nicht nur die Schließung eines Boulevardblatts zur Folge. Er hatte bereits vor James Murdochs Ankündigung, "News of the World" vom Markt zu nehmen, das von gegenseitiger Abhängigkeit geprägte Verhältnis von Politik und Medien sehr empfindlich gestört. Hier kommt der Privatdetektiv Glenn Mulcaire ins Spiel. Er besaß nicht nur Zugang zu den Daten vieler Prominenter, sondern auch von Angehörigen britischer Soldaten, die im Irak oder in Afghanistan getötet worden waren. Das jedenfalls berichtete der "Daily Telegraph".

Der Vorwurf lautet nun, dass Mitarbeiter von "News of the World" die privaten Gespräche von Ehefrauen, Eltern und Geschwistern Getöteter angezapft hätten, um aus dem Leid der Soldaten saftige Geschichten für ihre sensationsgierige Leserschaft aufzubereiten.

Der Eigentümer des Blatts, Rupert Murdoch, ein gebürtige Australier mit amerikanischem Pass, hatte schon in den 70er-Jahren begonnen, das verkrustete britische Mediensystem aufzubrechen. Mit ihm zog ein harter Wettbewerb auf der Insel ein, der in Europa seinesgleichen sucht. Bereits Margaret Thatcher, konservative Premierministerin von 1979 bis 1990, wusste, dass sie ohne das Murdoch-Imperium keine Politik machen konnte. Täglich erscheinen in Großbritannien neben dem Boulevardblatt "Sun", das Murdoch gehört, mindestens fünf andere Erzeugnisse der Yellow Press. Am Wochenende sind es fünf weitere, und alle kämpfen auf einem ständig kleiner werdenden Markt für Printprodukte mit derben Schlagzeilen um ihren Profit.

Die Politik fürchtet die Murdoch-Blätter ganz besonders. Wen die "Sun" im Wahlkampf unterstützt, der kann auf das Büro des Premierministers in Downing Street Number 10 hoffen. Lange wurde Tony Blair diese Unterstützung zuteil. Vor der letzten Wahl im Mai 2010 allerdings bekam der Tory David Cameron den Vorzug - und der übernahm auch die Macht.

Genau diese Verbindung aber bringt den Regierungschef jetzt in die Bredouille. Zum einen arbeitet Murdoch seit Jahren daran, seine Anteile am Sender BSkyB, zu dem der Nachrichtenkanal Sky News gehört, von 39 auf 100 Prozent zu erhöhen. Wegen seiner großen Medienmacht brauchte der Australier dafür die Zustimmung der Regierung, die er Anfang März trotz großer Proteste der Opposition auch provisorisch bekam. Nachdem die verwerflichen Praktiken der Murdoch-Leute nun an die Öffentlichkeit gekommen sind, ist dieser Zuschlag für Cameron kaum mehr zu verteidigen.

Die Beziehungen des jungen Premiers zu News International gehen aber noch weiter. Cameron hatte zu Beginn seiner Amtszeit den Ex-Chefredakteur von "News of the World", Andy Coulson, als seinen persönlichen Medienberater eingestellt. Coulson hatte die Verantwortung für das Blatt, als der Skandal um die angezapfte Mailbox von Prinz William seinen Lauf nahm.

Die Zeitung hatte seinerzeit berichtet, William leide an einer Knieverletzung. Und er habe seinem Bruder Harry zum Scherz mit verstellter Frauenstimme eine Nachricht hinterlassen, Harrys Freundin Chelsy sei sauer, weil er "einer Tänzerin zu nah gekommen" sei. Details, die niemand wissen konnte, woraufhin das Königshaus Scotland Yard einschaltete und "News of the World" erstmals verurteilt wurde.

Coulson machte den Richtern seinerzeit glaubhaft, dass er vom Vorgehen seines Mitarbeiters keine Ahnung gehabt habe. Letzterer musste ins Gefängnis, Coulson gab seinen Job auf. Kurz darauf klopfte Cameron an, Coulson managte ihn in seinem Wahlkampf und zog mit in die Downing Street ein. Wie einst Tony Blairs legendärer "Spin Doctor" Alastair Campbell sollte der ehemalige Murdoch-Mann das enge "Geben und Nehmen" zwischen Politik und Medien danach im Sinne der Torys kontrollieren und ausbauen. Im vergangenen Januar aber trat Coulson von seinem Amt zurück, nachdem News International den Behörden, die nach fortdauernden Medienberichten über die "Hacking"-Methoden der Murdoch-Blätter weiter ermittelt hatten, neues Material übergeben hatte.

Aber auch zu Rebekah Brooks, Coulsons Nachfolgerin im Chefredakteursstuhl und mittlerweile Vorstand von News International, pflegen Cameron und seine Frau Samantha guten Kontakt, die Familien wohnen nahe beieinander in Oxfordshire, dem Wahlbezirk des Premiers. Brooks trug zu fraglicher Zeit, als das Anzapfen von Mobiltelefonen einen Höhepunkt erreichte, Verantwortung für die Redaktion.

Untersuchung angekündigt

Zumindest hat der Regierungschef nun angekündigt, eine Untersuchung der Vorwürfe einläuten zu wollen. Angesichts der Anschuldigungen gegen die Murdoch-Gruppe wird er zur Eile drängen müssen. So war kurz vor der Enthüllung über die angezapften Telefone von Soldaten-Familien bekannt geworden, dass "News of the World" auch Zugang zum Handy eines getöteten Mädchens hatte. Die damals 13-jährige Milly D. war 2002 entführt, ihre Leiche ein halbes Jahr später gefunden worden. Die verzweifelten Angehörigen hinterließen Nachrichten auf ihrer Mailbox; da diese nicht voll wurde, war die Hoffnung groß, Milly sei noch am Leben. In Wirklichkeit löschten die Reporter die Mailbox, um mehr Material für ihre Artikel zu bekommen.