Urteil

Ein Freispruch empört Amerika

Sie grinsten und machten Späße. Kurz darauf jedoch verging dem Team um Staatsanwalt Lawson Lamar in Saal 23 des Strafgerichts von Orlando das Lachen. Denn mit dem Freispruch durch die Geschworenen hatte kaum jemand gerechnet.

Der Fall Casey Anthony schien eindeutig: 2008 soll die damals 22-Jährige ihre Tochter Caylee umgebracht haben. Das Motiv: Anthony soll lieber ein Partyleben geführt haben wollen statt dem einer verantwortungsbewussten Mutter. So stellte die Staatsanwaltschaft den Fall dar, der die amerikanische Öffentlichkeit seit drei Jahren immer wieder beschäftigt. Casey Anthony drohte die Todesstrafe.

Doch die zwölf Geschworenen haben am Ende des knapp sechs Wochen dauernden Prozesses entschieden: Casey Anthony ist unschuldig. Als die 25-Jährige den Urteilsspruch hört, fängt sie still an zu weinen. Neben ihr lässt ihr Anwalt Jose Baez ein zufriedenes Lächeln aufblitzen. Zwar wird sich Anthony noch verantworten müssen - aber nur dafür, die Polizei belogen zu haben. Maximal vier Jahre Haft drohen ihr dafür.

Es sind vor allem die Aussagen von Casey Anthony, die einen ohnehin schwierigen Fall für die Ermittler wohl noch undurchsichtiger gemacht haben. Anthonys Tochter Caylee verschwand im Juni 2008, die Leiche des zweijährigen Mädchens wurde aber erst sechs Monate später gefunden. Gerichtsmediziner konnten die Todesursache nicht eindeutig klären.

Nach Angaben der Staatsanwaltschaft hat Casey Anthony ihr Kind erstickt. An Nase und Mundpartie hatte die Leiche Klebeband. Es war nur eines der gut 400 Beweisstücke, die in dem Prozess präsentiert wurden, um der Jury den folgenden Tatablauf zu verdeutlichen: Casey Anthony betäubte ihre Tochter mit Chloroform. Dann soll sie ihre Tochter erstickt haben. Doch Anthony hatte stets Erklärungen. Ja, ihre Tochter sei verschwunden. Ihr Kindermädchen habe sie entführt. Sie habe sich nicht bei der Polizei gemeldet, weil sie "dummerweise" geglaubt hatte, allein damit fertigzuwerden. Als die Ermittler nachweisen konnten, dass es das Kindermädchen nicht gab, schwenkte die Verteidigung um: Caylee sei im Swimmingpool der Großeltern ertrunken. Als Casey Panik bekommen habe, habe ihr Vater dafür gesorgt, dass der Unfall wie ein Verbrechen aussah.

An dieser Version zweifelten nicht nur die Staatsanwälte, sondern auch weite Teile der amerikanischen Öffentlichkeit. Die Geschworenen jedoch glaubten Casey Anthony. Für die sieben Frauen und fünf Männer, die aus der Gegend von Tampa geholt werden mussten, weil sich in Orlando kein Geschworenen-Kandidat für unbefangen hielt, war der Fall offenbar so klar, dass sie nur elf Stunden brauchten, um zu einem Urteil zu kommen. Nach dessen Verkündigung brach vor dem Gericht eine wartende Menschenmenge in lauten Protest aus. "Das ist schrecklich, ich kann es nicht glauben", sagte Michelle Arrant aus Orlando. "Wenn ich mal etwas falsch mache, möchte ich diese Geschworenen haben", sagte Mark Hogle. "Die müssen ihren Kopf in den Sand gesteckt haben."