Archäologie

Ein Schatz, kein Schätzchen

Es wurde ein Schatz gefunden. Ein Schatz, der alle zuvor gefundenen Schätze wie Schätzchen aussehen lässt. Ein Schatz, der so groß und so prächtig ist, dass dessen Beschreibung es fast nicht vermag, eine Vorstellung zu erzeugen: Tonnenweise Gold in Form von Münzen, Statuen, Schmuck.

Edelsteine in Hülle und Fülle: Diamanten, Smaragde, Rubine. Und Perlen. Bilder gibt es nicht. Aber Zahlen: Der Wert dieses Schatzes wird bisher auf 22 Milliarden Dollar geschätzt. Und das, obwohl der Schatz noch nicht vollständig gehoben wurde. Weitere Milliardenfunde werden in den kommenden Wochen erwartet.

Der Schatz wurde in Indien gefunden. Er lag in einem der vielen Hindu-Tempel einer Stadt mit dem schwer zu merkenden Namen Thiruvananthapuram. Thiruvananthapuram liegt im Süden Indiens und ist die Hauptstadt der Region Kerala. Am Freitag wurden die ersten von sechs Schatzkammern des Tempels mit dem ebenfalls schwer zu merkenden Namen Sree Padmanabhaswamy geöffnet. Gestern weitere zwei. In den ersten beiden Kammern lagen Gegenstände im Wert von fast zehn Milliarden Dollar. Mit dem Fund von Montag stieg der geschätzte Wert auf 22 Milliarden.

Kaum zu beschreibende Pracht

Thiruvananthapuram hat fast 800 000 Einwohner - für indische Verhältnisse ist es also eher eine kleinere Stadt. Der Schatz ist jedoch der größte, der je in Indien gefunden wurde. Für das Bild, das sich den Archäologen geboten haben muss, wirken Worte irgendwie glanzlos: Es fanden sich Tausende Goldmünzen, Teller, Krüge und Halsketten. Alles aus reinem Edelmetall, Gold oder Silber, und alles verziert mit Steinen, Edelsteinen. Der Hauptfund, eine etwa einen Meter große Statue des Gottes Wischnu aus reinem Gold, verziert mit Tausenden Diamanten und Smaragden, ließ die Dutzenden Figuren in Menschenform, je etwa ein Kilogramm schwer, aus Gold natürlich und ebenso selbstverständlich voller Edelsteine, fast dürftig aussehen.

Der Schatz gehört einer indischen Fürsten-Familie mit dem ebenfalls nicht gerade leicht zu merkenden Namen Maharadschas von Travancore. Besser gesagt: Der Tempel gehörte dieser Familie, die möglicherweise aber nicht wusste, dass viele Milliarden darin versteckt lagen. Sicher ist, dass diese Maharadschas sich finanziell außerstande sahen, den Tempel in Schuss zu halten, und sich dieser deshalb in schlechtem baulichem Zustand befand. Deshalb ordnete das oberste Gericht von Kerala vor einigen Wochen an, die Instandhaltung des Tempels zur Staatsaufgabe zu machen. Die Behörden begannen ihre neue Aufgabe zunächst einmal mit einer Bestandsaufnahme, wie das eben immer so ist. Im Laufe dieser Tempel-Inventur stießen sie dann auf besagte Kammern, deren Inhalt die Kosten für die Renovierung um einiges übersteigen dürfte.

Ob die Nachfahren der Maharadschas von Travancore tatsächlich nicht wussten, was sich in ihrem Tempel befand oder ob sie sich an einem Schatz, den sie nicht selbst zusammengetragen oder verdient hatten, nicht einfach so vergreifen wollten, ist bisher noch nicht hinreichend bekannt. Die gefundenen Gegenstände jedenfalls sind nicht so alt, dass ihre Existenz das Gedächtnis der Generationen überdehnen würde. Ein Teil der Münzen soll von der Ostindischen Kompanie, einer britischen Handelsorganisation des 17. Jahrhunderts, ein anderer aus napoleonischer Zeit datieren.

Weiterhin unklar ist, wer den Schatz hortete und warum. Die Mutmaßungen freilich schießen ins Kraut. Die "Times of India" berichtet von mehreren Möglichkeiten. Die eine Version geht so: Angeblich hat die Dynastie der Maharadschas von Travancore ihr Reich und ihren Wohlstand dem Gott Wischnu gewidmet. Einfach deswegen, weil sie ja glaubten, Familienmitglieder dieser Gottheit zu sein und sie auf der Erde zu vertreten. Die andere, profanere Version geht so: Die Travancores versteckten ihre Reichtümer, um sie als Notgroschen für schlechte Zeiten aufzuheben. Drittens ist laut "Times of India" aber auch möglich, dass die Maharadschas das im 16. Jahrhundert erbaute Heiligtum als Versteck vor den verhassten britischen Kolonialherren nutzten, die sich ja das Gold ihrer Kolonien regelmäßig einzuverleiben pflegten.

Polizisten sichern den Tempel

Gesichert ist indessen: Der Fund stellt die indischen Behörden vor das Problem seiner Sicherung vor den Räubern und Dieben der Gegenwart. Mehrere Hundert Polizisten hat die Region Kerala inzwischen abgestellt, die, schwer bewaffnet, den Tempel und seinen Schatz rund um die Uhr bewachen. Außerdem haben in den Grabkammern installierte Kameras auch einen permanenten Blick auf die Finger der Archäologen.

Aber die Neugierigen aus aller Welt, die sich nur auf der Basis von Worten und Beschreibungen kein Bild von den Herrlichkeiten machen können, müssen sich noch eine Weile gedulden. Der Schatz soll erst vollständig geborgen und inventarisiert werden, ehe er der Öffentlichkeit und ihren Fotoapparaten zugänglich gemacht werden wird.