Jugendherberge

Urlaub in fünf Kilometer Stahlbeton

Ich kenne mich aus mit Jugendherbergen. Ich habe neun Jahre neben einer gewohnt. Ich kenne die vollkommene Stille, nachdem man den ganzen Tag dem Klang von Tischtennisbällen auf Steinplatten ausgesetzt war. Mit Rundlauf.

Ich kenne Kreisspiele und Kennenlernspiele, das Gebrüll beim Völker-, Fuß- und Handball, genervte Erzieher, stramme Radler und müde Wanderer, die vor Erschöpfung sofort in ihre Herbergsbetten fallen. Ich habe nur noch nie in einer gewohnt. Jetzt hab ich gelernt, das Bett muss man selbst beziehen. Und Handtücher mitbringen.

Aber: Ich habe Seeblick. Mein Zimmer liegt im vierten Stock der längsten Jugendherberge der Welt. Noch ist es still, nur das leise Rauschen der Lüftung ist zu hören. In den nächsten Stunden fallen 400 Kinder ein, dann dürfte sich das für Wochen erledigt haben, bis Mitte August ist das ganze Haus ausgebucht.

Gebäude der Superlative

Größte, längste, bunteste - lauter Superlative und doch nur ein Bruchteil. 150 Meter misst der frisch renovierte Abschnitt von Prora. Durch den riesenhaften Rest der fünf Kilometer Stahlbeton und Hartbrandklinker pfeift der Wind. Graffiti erinnern an vergangene Events, Zerstörung war Partypflicht. Kaputtes lädt zum Kaputtmachen ein. Vielleicht auch die Lust, das Bauwerk zu bestrafen. Für den Größenwahn, für seine Bestimmung und seinen Bauherrn. Obwohl es heißt, Adolf Hitler sei nie nach Prora gekommen.

Es war das Jahr 1936, "Volksgemeinschaft" war das Wort der Stunde. Die Urlaubsabteilung des Arbeiterverbands sammelte unermüdlich Mitglieder und warb gigantomanisch wie folgt: Fasst man alle Deutschen zusammen, die sich bereits in der "Kraft durch Freude" (KdF) organisiert haben, ergäbe das eine Marschkolonne von 22 Mann starken Reihen quer durch Deutschland, in diesem Fall: von Ostpreußen bis Baden. Nur für die totale Erholung fehlte noch etwas, der totale Urlaub vielleicht? KdF-Leiter Robert Ley beauftragte den Architekten Clemens Klotz und plante das "Seebad der 20 000".

2011 ist von der See nicht viel zu sehen. Mein Zimmer im vierten Stock ist gerade noch hoch genug, um über die Bäume zu sehen, die das Gelände vom Strand trennen. Beim fünften Stock ist das Geld ausgegangen, der bleibt noch im Rohbau. Und die Bäume bleiben stehen - die Natur, die Robert Ley für den Seeblick entfernen ließ, hat sich ihr Gelände zurückerobert. Das betrachtet man hier gerne als Statement, dem nicht widersprochen werden darf. Aus dem dreckigen Braun der Fassade ist helles Grau geworden, die Zimmer sind bunt, Stühle, Betten, Vorhänge, alles farbenfroh. Herbergsvater Dennis Brosseit hat ein Hotel in Spanien geleitet, bevor er den Auftrag annahm. Willkommen in Deutschland, für alles eine eigene Regel beim Bau, und dann noch der Denkmalschutz. Alle Fenster, die nach dem Krieg in der DDR verkleinert worden waren, mussten auf die Größe der Originalbaupläne gebracht werden. Weil es beim ursprünglichen Gemäuer Abweichungen von Fenster zu Fenster gab, mussten Hunderte individuell angefertigt werden. Und weil die Fenster nun nicht mehr modernen Sicherheitskriterien entsprachen, musste vor jedes einzelne ein massives Geländer gebaut werden.

Das Prora-Modell im KdF-Museum ist 18,2 Meter lang. Der Konstrukteur hat sogar an die Nazifahnen gedacht, die die Strandpromenade säumen sollten. Klein wie Partyfähnchen stehen sie da, weißer Kreis auf rotem Grund, nur das Hakenkreuz hat man weggelassen. Auf dem Modell ist auch die Festhalle zu sehen. Sie wurde nie gebaut. Anders als die acht Blöcke. 1936 war der Grundstein gelegt, 1940 sollten die Touristen kommen. Aber es kam der Krieg, und die Arbeiten wurden eingestellt. Das Bauwerk wurde Ausbildungsstätte für Luftwaffenhelferinnen, ab 1943 kamen ausgebombte Hamburger, ab 1944 verwundete Soldaten.

Auffanglager und Kaserne

Am Ende des Krieges wurde Prora Auffanglager für Flüchtlinge aus den Ostgebieten. Zwei Blöcke wurden nach dem Krieg gesprengt, ein weiterer, Block VI, existiert heute nur noch als Ruine. Ein Bieter aus Lichtenstein hat sie 2004 für 650 000 Euro ersteigert, wozu, weiß kein Mensch. Daneben Block V mit der Jugendherberge, Block IV und III sind herren- und perspektivlos. Und dann sind da noch Block I und II: Ulrich Busch aus Binz, Sohn des Schauspielers und Arbeiterliedsängers Ernst Busch, hat sie zusammen mit dem österreichischen Investor Christian Haas erworben. Geplant sind Hotels und Eigentumswohnungen. Natürlich waren erst mal wieder viele dagegen. Die Hotellerie in Binz fürchtete, ihre Gäste an die Jugendherberge zu verlieren.

Und dann waren da noch die Veteranen. Die Kasernierte Volkspolizei erklärte das Gebiet 1949 zum Sperrgebiet, 1956 ging aus ihr die Nationale Volksarmee hervor. Ab dann waren 10 000 Soldaten in der Kaserne stationiert. Die Veteranen erbaten doch wenigstens ein würdiges Angedenken im Gebäude. Tourismusverband und Landkreis entschieden: Dies ist nicht der Platz dafür. Dies ist ein bunter Platz der Freude und der Jugend.

Ich glaube, da kommt sie schon. Ich fahr dann mal lieber.