Fernsehen

"Über Wunder spricht man nicht, da hofft man drauf"

Fast drei Jahrzehnte lang war "Wetten dass..?" die große Familienshow des deutschen Fernsehens. Thomas Gottschalk präsentierte jenes neue, weltoffene Deutschland, das in der Kongresshalle Böblingen genauso zu Hause ist wie auf Mallorca.

Umso schockierender war jener Augenblick, als die Katastrophe eintrat - der Sturz des 23 Jahre alten Wettkandidaten Samuel Koch. Als der junge Schauspielstudent in der 192. Sendung am 4. Dezember 2010 nach dem dritten Salto über das vom eigenen Vater gesteuerte Auto reglos liegen blieb, war klar: Eine Tragödie war geschehen. Thomas Gottschalks Konsequenz, die Sendung abzubrechen und vom Amt des obersten deutschen Unterhaltungsbeauftragten zurückzutreten, war rasch vollzogen.

Samuel Koch dagegen liegt seit sechs Monaten querschnittsgelähmt im Krankenhaus, für sein Leben gezeichnet. Der ZDF-Moderator Peter Hahne hat ihn nun als erster Fernsehjournalist überhaupt vor die Kamera geholt. Nach Monaten intensiver Gesprächskontakte besuchte er ihn für seine sonntägliche Talksendung in seiner Schweizer Reha-Klinik. Während Samuel, im Rollstuhl sitzend, zuweilen stockend, aber klar artikulierend spricht, schwenkt die Kamera immer wieder mal durchs große Glasfenster in die hügelige Seelandschaft, in die Welt da draußen also, eine Erinnerung an jene schöne heile Welt, die für den Gelähmten nun die große Utopie eines fernen Lebens ist. Von Anfang an beeindruckt Samuels ebenso intelligente wie tapfere Gefasstheit, zu der auch jene Heiterkeit gehört, die nicht mit Spaß und Lustigkeit zu verwechseln ist. Eher zählt sie zur Gattung einer fast schon schmerzhaft nüchternen Selbst- und Weltbetrachtung, die gerade aus der realistischen Lagebeurteilung einen starken Rest an Zuversicht schöpft. Eine Spur Flapsigkeit schwingt sogar mit in seinem Dank für die große "Anteilnahme an der Misere", ein Gran schwarzer Humor, der die Verzweiflung freilich nicht wirklich überdecken kann.

Kistenweise kommt Post von Unbekannten, auch von Kindern, Geschenke und Aufmunterungen aller Art, Gesungenes und Gedichtetes. Sogar ein Stern, 136 Lichtjahre entfernt, heißt nun "Samuel". Zu gern würde er, inzwischen Fachmann seiner eigenen Krankheit, jenen Kinder im Biologieunterricht Geschichten über das Rückenmark erzählen.

Es geht "bergauf und bergab"

Peter Hahne, gläubiger Christ, Laienprediger und Autor ("Schluss mit lustig") begegnet dem zentralen Problem des Gesprächs mit einem Riesenvorrat an Aufmunterung und Optimismus, der in einigen Momenten die Grenze zur Aufdringlichkeit streift. Mag der Glaube auch Berge versetzen, es geht, wie Samuel sagt, immer wieder "bergauf und bergab". "Und manchmal ist es hart." Dass der Heilungsverlauf "in keinem Augenblick wirklich stagniert hat", ist da schon eine kleine Sensation, trotz der einschneidenden Erfahrung für den sympathischen jungen Mann, "wie langsam die Langsamkeit sein kann". Anlass zu einem "Riesenfest", zu dem die ganze Familie ums Bett tanzt, besteht schon, wenn sich ein kleiner Zeh selbsttätig rühren lässt - eine ganz neue Definition von Zeit und Geduld.

Doch wie schafft man das, wie hält man das aus? Gewiss, da ist die "ehrliche Anteilnahme" der vielen, bei denen sich Samuel auch noch entschuldigt - "Ich habe ihnen wortwörtlich die Show kaputtgemacht"; da sind Familie, Freunde, Pfleger, Ärzte und das "gemeinsame Bibellesen", doch am Ende entscheiden das eigene Ich, Persönlichkeit und Charakter, ob man im quälenden Selbstmitleid untergeht oder nicht. "Im Prinzip bin ich der Gleiche wie vorher", sagt der so schwer Gestürzte, der auf Peter Hahnes Zitat, niemand könne ja tiefer fallen als in Gottes Hand, die kurze, fast weise Antwort parat hat: "Ich atme." Ich atme, also bin ich. Descartes sagte: "Ich denke, also bin ich." Ähnlich klar reagiert Samuel auf Peter Hahnes Versuch, ihn, den "gläubigen Christen", zur Beschreibung seiner christlichen Praxis zu bewegen: "Glaube findet im Kopf statt", sagt er. Gott, so darf man verstehen, ist für ihn die einzige Alternative zu uferloser Hoffnungslosigkeit: "Es gibt Dinge, die nicht mit Wissenschaft und Medizin erklärbar sind. Doch über Wunder spricht man nicht, da hofft man drauf."

Ein Wunder wäre es schon, wenn er bald mit der eigenen Hand eine Fliege von seiner Nase vertreiben könnte, die ihm die Nachtruhe raubt. Wenn er irgendwie im nahen See baden könnte, endlich wieder einmal. Wenn er eine Pizza selber essen könnte und sich nicht füttern lassen müsste. "Das ist das, worauf ich hinarbeite." Immerhin ist er schon in der Lage, seinen Rollstuhl mit den Schultern samt "hängenden Arm" zu bedienen. Gleichwohl bremst er Hahnes lächelndes Mantra, das von stetem Fortschritt und "Perspektiven" redet, charakteristisch knapp: "Perspektiven geöffnet? - Nicht."

Samuel Koch, der seine Hunderte Male unfallfrei geprobte Wettaktion trotz allem unter gleichen Umständen noch einmal wagen würde, ist im tiefsten Innern ein Existenzialist. Er weiß, dass man "auf jedem Niveau klagen" und "auf jedem Niveau glücklich sein kann".

Wir ziehen den Hut vor dem Mann und bitten um ein handfestes Wunder.

"Man kann auf jedem Niveau klagen und auf jedem Niveau glücklich sein"

Samuel Koch mit Halskrause, durch die Öffnung wurde er im Koma künstlich beatmet