Monarchie

Monaco im Hochzeitsfieber

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Céline Lauer

Charlene und Albert begegnet man hier überall, zum Beispiel sonntagabends an der Bushaltestelle.

Es ist kurz vor neun, der Place d'Armes liegt ruhig zu Füßen des Fürstenpalais, als plötzlich die fürstliche Kolonne um die Kurve biegt: vorne ein Polizeimotorrad, hinten ein Eskortewagen, dazwischen die dunkelblaue Limousine, Kennzeichen MC01, im Fond ein Mann mit Brille, links daneben seine blonde Begleiterin. Sekunden später sind sie in Richtung Monte Carlo gebraust - den Touristen, die ihr Glück kaum fassen können, bleibt nicht mal Zeit, ihre Kameras hervorzukramen. Einheimische registrieren den Korso dagegen mit freundlichem Nicken und einem beiläufigen "Ah voilà le prince!", oder sie widmen sich lieber der Busanzeigetafel - den Fürsten sehen sie schließlich oft genug. Willkommen in Monaco.

Grand-Prix-Stätte, Steuerparadies, Sommerresidenz der Reichen und Schönen. So ließe sich vielleicht das Image des zweitkleinsten Staates der Welt am besten zusammenfassen. Eingequetscht zwischen Frankreich und Italien, Alpen und Mittelmeer, bietet der schmale Streifen einen Luxusspielplatz für Promis, Adelige und den internationalen Jetset. So zumindest zeigen es die Bilder der Klatschpresse, gern mit dem Yachthafen, dem Kasino oder dem Nachtklub "Jimmy'z" im Hintergrund.

Was Straßenfeger und Millionär eint

In Monaco herrscht seit sieben Jahrhunderten der Grimaldi-Clan, spätestens seit der Hochzeit von Fürst Rainier III. und Schauspielikone Grace Kelly gilt es als Magnet der High Society. Ihr Sohn Albert II. steht seit Rainiers Tod vor sechs Jahren an der Spitze des Fürstentums. Kommenden Freitag und Sonnabend wird er die südafrikanische Ex-Leistungsschwimmerin Charlene Wittstock heiraten - seine Hochzeit bietet dem Land einmal mehr die Gelegenheit, sich vor der Welt zu inszenieren.

Es ist leicht, sich von Monaco blenden zu lassen. Nicht nur, weil die Dichte an Lamborghini und Louis-Vuitton-Taschen an keinem anderen Flecken Europas so hoch sein dürfte, sondern auch, weil es hier so sauber ist. Gerade auf dem Rocher, dem Felsen, auf dem die Altstadt erbaut wurde, glänzen die Gassen wie frisch gewischt: Kein Kaugummifleck verunstaltet das Pflaster, die Fassaden leuchten in Pastell und Ocker, nicht mal in den Mauerritzen sitzt Staub. Einer, der für Reinheit sorgt, ist Nmemoi. Der sehnige Mann mit der Zahnlücke arbeitet für die monegassische Stadtreinigung, die ihre Flotte jeden Tag von fünf Uhr morgens bis sieben Uhr abends auf die Straße schickt. Nmemoi und seine Kollegen sind überall, drinnen wie draußen, kehren, putzen, entsorgen. Der Stadtreiniger ist stolz auf seine Arbeit. Für ihn ist es ein Privileg, in Monaco zu sein und zu arbeiten, und so wie er empfinden alle Residenten, zumindest sagen sie das so. Keiner verliert ein schlechtes Wort. Diskretion und unerschütterliche Loyalität sind der soziale Kitt - das, was in Monaco Straßenreiniger und Millionäre eint.

Platzmangel ist in Monaco ein Problem. Jeder Quadratzentimeter Baufläche ist ausgenutzt, dennoch stehen an jeder Ecke Baukräne und Gerüste. Wohnraum ist das Einzige, was hier nicht unbegrenzt zu haben ist. Die Monegassen bauen also entweder in die Höhe oder in die Tiefe. Ein Großteil der Infrastruktur wurde durch den Felsen getrieben: mehrspurige Straßen, vielstöckige Parkhäuser, der Hauptbahnhof. Dem Mittelmeer hat Fürst Albert II. mittels Landgewinnung ein ganzes Viertel abgetrotzt - in dem Stadtteil Fontvieille ist vor allem "weiße Industrie" angesiedelt, ökologisch korrekte Unternehmen. Albert engagiert sich im Umwelt- und Klimaschutz; sein Staat ist bemüht, eine Art grüner Vorreiter zu werden. Wirklich in der Moderne angekommen ist Monaco deshalb nicht. "In bestimmten Dingen ist die Uhr hier stehen geblieben", sagt Josef Bulva. Der tschechische Pianist lebt seit 1996 in Monaco, er zog sich nach einer Handverletzung hierher zurück, derzeit feiert er seine Comeback-Tournee. Die monegassische Lebensart fasst er in zwei Wörtern zusammen: "viktorianische Herzlichkeit". Der 68-Jährige erzählt von seinem Lebensmittelhändler, der ihm auch nach Ladenschluss noch seine spezielle Kaffeemischung zubereitet. Von dem Lieferanten, der ihm unbesorgt teuersten Champagner vor die Garage stellt, weil in Monaco nichts gestohlen werde - "kein norwegisches Gefängnis ist so gut bewacht wie Monaco", erklärt Bulva mit Blick auf das umfassende Netz aus staatlichen Videokameras. Und auf mündliche Abmachungen sei Verlass. "Hier gilt: 'Ich habe es gesagt, du hast es gehört.' Wenn ich mir eine Uhr für 70 000 Euro zurücklegen lasse, ist die noch drei Tage später da, selbst wenn inzwischen andere Kunden dasselbe Modell wollten." Bulva hat mit Finanzgeschäften ein Vermögen erwirtschaftet, auch wenn er sich selbst mit feinem Lächeln als "Hartz-IV-Subjekt für monegassische Verhältnisse" einstuft, und es gefällt ihm nicht, dass das Land oft nur mit dem Protzgehabe einiger Neureicher verbunden wird. Ein paar hundert Leute stellten ihre Oberflächlichkeit zur Schau, das sei einerseits unerträglich provozierend, aber auf der anderen Seite, relativ gesehen, völlig normal: "Wenn jemand herkommt und ein paar Milliarden hat, kann man nicht erwarten, dass er lebt wie Sie und ich."

Albert und Charlene geben sich unprätentiös. Sie heiraten standesamtlich am 1. Juli im Thronsaal des Prinzenpalais. Bei der kirchlichen Zeremonie am 2. Juli bricht das Brautpaar mit der Tradition und gibt sich das Jawort statt in der Kathedrale im Innenhof des Palasts, bei geöffneten Türen, mit 3500 geladenen Gästen auf dem Platz. In der Kirche, so die offizielle Begründung, sei nicht genug Platz. In Monaco ist nur Gutes darüber zu hören, wie offen und volksnah die beiden auftreten - so, als sollten die verkrusteten Strukturen, die dieser konstitutionellen Monarchie nachgesagt werden, demonstrativ aufgebrochen werden. Jetzt, endlich, führt der Fürst die 33-Jährige vor den Altar, und die Monegassen überschlagen sich vor Glücksbekundungen. Sicherlich steckt darin viel Freude über die neue Fürstin und den zu erwartenden Nachwuchs. Aber vermutlich auch Erleichterung, dass ihr Staatsoberhaupt endlich unter die Haube kommt.