Heute ist "Welt-Schlumpf-Tag"

Ärger in Schlumpfhausen

Wer heute auf der Straße Menschen in Blau mit alberner weißer Mütze trifft, steht mutmaßlich Opfern des Welt-Schlumpf-Tages gegenüber. Bitte nicht verwechseln: Arbeiter-Blaumann und Kapitänsmütze sind falsch. Das Schlumpf-Outfit muss unbedingt schlumpfig sein. An diesem 25. Juni sollen weltweit mehr als 2510 Menschen-Schlümpfe auftreten, um irgendeinen Rekord zu brechen.

In zwölf Städten sind eigens Gutachter unterwegs, um Schlümpfe zu zählen. Deutschland muss außen vor bleiben, das ist schlumpfschade.

Im Dorf Júzcar in Andalusien standen bis vor Kurzem lauter strahlend weiße Häuser, "Pueblos blancos". Jetzt sind sie schlumpfblau. Zwölf Maler verwandelten Júzcar mit 4000 Liter Farbe in Schlumpfhausen, auf Spanisch "Pitufolandia", das eigentlich tief, tief im Wald liegt. Sogar die Kirche ist blau. Die 300 Einwohner hat es nicht weiter gestört. Anlass war die Weltpremiere von "Die Schlümpfe in 3-D", ein Kinofilm, der Anfang August auch bei uns laufen wird. Darin gelangen Papa Schlumpf, Schlumpfine, Clumsy und andere nach New York. In Abu Dhabi, wo fast jeder Unsinn des Westens auch irgendwann ausprobiert wird, baut man gerade an einem Schlumpfdorf. Die Eventmanager der Tourismusbehörde sind begeistert.

Ottos Witze über die Schlümpfe

Die Schlümpfe waren aus der Popkultur weitgehend verschwunden. Gemeine Menschen erinnern sich der schönen Szene im Kultfilm "Donnie Darko", in der recht lüstern über die Sexualität von Schlumpfine und dem Rest der Bande debattiert wird. Otto Waalkes und Die Ärzte tragen gerne folgende Parodie auf Vader Abrahams Schlumpflied von 1978 vor: "Habt Ihr Schlümpfe keine Frau'n /,Nein, die hab'n wir totgehau'n' / Wie vermehrt Ihr Euch, sagt schnell? / ,Wir sind homosexuell'." Tatsächlich ist Schlumpfine das einzige Mädchen im Dorf, und alle Buben sind selbstverständlich in sie verliebt. Die Fortpflanzung ist im Schlumpfwald eher schlicht geregelt. Die kleinen Schlümpfe legt der Storch vor die Haustür. Immerhin tragen die Schlümpfe kleine weiße Hosen, man darf daran erinnern, dass es in Entenhausen für die Erpel gar keine Hosen gibt. Von den vorgeblich enthaltsamen Teletubbies, Ernie & Bert, Asterix & Obelix und Bussibär ganz zu schweigen.

Die Schlümpfe sind als Phänomen aus Fernsehserien bekannt, aus Überraschungseiern, von etwas größeren Hartgummifiguren, die in Setzkästen herumstehen und auf Schreibtischen verstauben. Irgendwie hängt man an ihnen. Selbst stark Betrunkene können den Refrain des Schlumpfliedes fehlerfrei mitlallen. Mit den ursprünglichen Comics hat das alles wenig zu tun. Auch wenn die Alben des Belgiers Peyo jetzt wieder in Deutschland erscheinen (Splitter-Verlag), waren sie hierzulande eher unbekannt.

Pierre Culliford (1928-1992), der sich Peyo nannte, war ein Fan des Mittelalters, er begann mit einer Figur namens Johann, einem Burgpagen. 1954 erschien die Serie "Johann und Pfiffikus", vier Jahre später stolperten die beiden Freunde im Wald über blaue Wichtel, die unter Fliegenpilzen standen. Peyo hat erzählt, wie er auf den Namen kam. Beim Essen fragte er nach dem Salzstreuer, wandelte aber spontan das letzte Wort ab, um etwas Sinnfreies zu sagen. "Passez-moi le ... le Schtroumpf." Bitte gibt mir ... Er übernahm "Les Schtroumpf" für seine Zwerge.

Im Deutschen hieß die blaue Corona ab einer Spielsendung im Bayerischen Fernsehen Anfang der 60er-Jahre eben Schlümpfe, "Strümpfe" hätte doch zu seltsam geklungen. In England sind sie die "Smurfs", in Schweden "Smurfernas", in Italien "Puffo", in Spanien "Pitufo", in Korea "Smurfie", in China "Lan-Shin-Ling". 1969 zeichnete Peyo sein letztes Schlumpfabenteuer, unter anderem sein Sohn führt das Werk fort. Weil der Erfinder am 25. Juni Geburtstag hat, soll sich nun der Welt-Schlumpf-Tag etablieren, angefacht von der Filmproduktion. Meistens klappt so etwas nicht.

Die neue Begeisterung ist aber nicht bloß superschlumpfig, sondern auch mit bangen Fragen grundiert. Der Franzose Antoine Buéno führt in "Das kleine blaue Buch" den Beweis, dass es sich bei den Schlümpfen um ein stalinistisches oder faschistisches, jedenfalls durch und durch totalitäres Regime handelt. Dabei sind die Belege des Soziologen gar nicht so schlecht.

Buéno führt den "Großen Schlumpf" als Überfigur mit Marx-Bart an, der Gehorsam fordert. Nur in Deutschland wird er harmlos Papa Schlumpf genannt. Seine phrygische Mütze ist rot wie die der Jakobiner, die ab 1792 den "Terreur" über das französische Volk brachten. Die Schlümpfe haben keinen Besitz, sie arbeiten unaufhörlich an Brücken und Kanälen wie Gulag-Häftlinge in den Stalin-Jahren. Ihre uniforme Genügsamkeit wird zur Aufrechthaltung der schlechten Ordnung weidlich ausgenutzt.

Stalinistisches Schlumpfhausen

Bedroht werden die Schlümpfe von Gargamel, einem bösen Zauberer, und dessen Katze Azrael. Buéno schreibt Gargamel jüdische Züge zu, mithin sei die raffgierige und schlumpfbesessene Figur eine antisemitische Karikatur. Gargamel erschafft auch Schlumpfine, um die Wichte durcheinanderzubringen, allerdings kurz- und schwarzhaarig. Die blaue Mata Hari wird aber durch den Großen Schlumpf verwandelt, ist fortan gütig, blond und langhaarig - wie ein arisches Pin-up-Girl. Obendrein erinnert der Autor an den frühen Fall einer "rassistischen" Bedrohung. Im allerersten Abenteuer "Blauschlümpfe und Schwarzschlümpfe" werden hilflose Schlümpfe durch einen Mückenbiss schwarz und böse. Das Problem haben auch andere schon früh erkannt: In der US-Serie der 70er-Jahre färbte man die schwarzen Schlümpfe gleich lila ein.

Antoine Buéno spricht Schöpfer Peyo ausdrücklich frei von schlechten Absichten. Sohn Thierry Culliford sagt, die Vorwürfe seien dennoch "grotesk und unseriös". Die längste Zeit war Schlumpfhausen unerreichbar im Wald versteckt. Da war die Gefahr gebannt. Nun machen die totalitären Kerle sich also überall breit. Finstere Aussichten für Júzcar in Spanien, Abu Dhabi und die Kinos der Welt. Kommen die Bläulinge in Wahrheit, um uns hinterrücks zu unterjochen?

Jetzt schlumpft mal schön.