Verbrecher

Zugriff in Santa Monica

Als ich in deinem Alter war, sagte man uns, ihr könnt entweder Cop werden oder Mob" erklärt der verlebte Gangster seinem Zögling. "Was ich dir sage, ist: Wenn du in die Mündung einer geladenen Knarre schaust, gibt es keinen Unterschied."

Für Frank Costello, Kopf der irischen Straßenkriminalität in Boston, gibt es den auf jeden Fall nicht. Er organisiert das Verbrechen in seinem Bezirk, er kontrolliert andere Banden mit Brutalität, er schiebt der Polizei seinen Ziehsohn als Maulwurf unter, beschwört die irische Solidarität - aber eine Seite zwischen Gut und Böse wählt Costello nicht. Denn, wie sich herausstellt: Costello ist selbst genauso eine Ratte, wie er sie seit Monaten sucht. Auch er ist Informant des FBI. Auch er ist ein korrupter, kleiner Verräter.

In Martin Scorseses Film "Departed" stirbt Costello. Im Leben ist er davongekommen. Bis jetzt.

Frank Costello, diabolisch, widerlich und doch anziehend gespielt von Jack Nicholson, hat ein lebendes Vorbild: James J. Bulger, geboren am 3. September 1929 in einem irischen Armenviertel, genannt "Whitey", gefürchtet als Boss der "Winter Hill Gang". Jahrzehnte kooperierte die gewalttätige Kiez-Größe mit der Polizei, ermordete in der Zeit 19 Menschen, zog krumme Dinger zwischen Erpressung, Drogen, Morden, Waffen und Wetten durch und konnte sich stets verstecken hinter dem Schutz derer, die ihn für seinen Verrat bezahlten.

Flucht im Jahr 1995

Was genau damals zwischen dem FBI und James J. Bulger lief, wurde nie ganz geklärt. In einem Skandal Mitte der 90er-Jahre flog die Sache auf, Whitey Bulger sollte verhaftet werden, aber der Agent, der ihn als Informanten angeworben hatte, warnte ihn, und Bulger floh im Januar 1995. Er schaffte es auf die Liste der meistgesuchten Personen weltweit. Sofort unter den Top Ten. Zwischenzeitlich hieß es, er sei in Deutschland untergetaucht. Dann glaubte Interpol, man hätte ihn und seine Freundin in Sizilien geortet. Aber das Team, das sie fassen wollte, traf auf ein unschuldiges deutsches Ehepaar. 2006, als der Film, der Bulgers Leben als Vorbild hatte, in den Kinos anlief, wollte man ihn gesehen haben, wie er in San Diego aus einer Vorstellung herauskam. Aber mehr erfuhr die Welt nicht. Sechzehn Jahre lang.

Die Untersuchungen des Falls Bulger hatten auch die höchsten politischen Ebenen im US-Staat Massachusetts berührt. Dort war sein jüngerer Bruder William, ein Demokrat, lange Jahre einer der mächtigsten Politiker, er war Präsident des Senats und später Präsident der Universität Massachusetts. 1995, als Whitey Bulger bereits auf der Flucht war, hat er noch einmal mit ihm telefoniert. Er begab sich dazu an einen vorher vereinbarten Ort, informierte aber das FBI nicht.

Im Juni 2003 gab es zu diesem Gespräch eine öffentliche Anhörung. Der Politiker Bulger sagte, er hoffe, die Anschuldigungen gegen seinen Bruder würden sich als falsch herausstellen, und dass er ihn liebe. Im August 2003 trat William Bulger unter dem Druck des Gouverneurs von seinen Ämtern zurück. Die Geschichte der Brüder ist Vorlage für das Buch "The Brothers Bulger" von Howie Carr. Der Tenor des Werks zeigt sich im Untertitel: "Wie sie Boston ein Vierteljahrhundert terrorisierten und korrumpierten".

Vielleicht war James Bulger tatsächlich in der Vorführung von "The Departed" in San Diego. Denn wie man heute weiß, lebte er nicht weit entfernt. Jahrelang. Am Mittwoch ist James Bulger in Santa Monica verhaftet worden. Geschnappt wurde er übrigens wegen eines entscheidenden Details, durch das er sich von der Filmrolle Frank Costello unterschied: Bulger hatte eine langjährige Freundin. Offenbar brachte Catherine Greig die US-Bundespolizei auf die Spur des Gangsterbosses. Dem FBI war bekannt, dass sie sehr viel für ihr gutes Aussehen tat. Die 60-jährige ehemalige Zahnhygienikerin soll sich regelmäßig in Schönheitssalons aufgehalten haben. Darauf setzten die Fahnder in ihrer Suche. In einer gezielten Aktion des FBI wurden die Amerikaner in den vergangenen Tagen in einer Kampagne übers Fernsehen immer wieder aufgefordert, verstärkt in den Beauty-Salons nach Catherine Greig - angeblich die Witwe eines seiner Opfer - Ausschau zu halten. Für Informationen über sie war eine 100 000-Dollar-Belohnung ausgeschrieben worden. Für Bulger sogar zwei Millionen und damit die höchste jemals vom FBI in Aussicht gestellte Belohnung für einen der zehn meistgesuchten mutmaßlichen US-Verbrecher.

Am Mittwochabend griffen die Einsatzkräfte zu und nahmen die beiden in ihrer Wohnung fest. Dabei habe es "keine Zwischenfälle" gegeben, hieß es vom FBI. Eine Nachbarin der beiden, die mit dem Paar auf demselben Stockwerk lebte, beschrieb Greig als "süß und lieb".

Mit ihr habe sie "Frauengespräche" geführt, wenn sie sich auf dem Flur getroffen hätten, sagte die Nachbarin Barbara Gluck. Bulger sei wütend geworden, wenn er gesehen habe, wie die beiden Frauen miteinander redeten. "Er war gemein", sagte Gluck. Nach der Festnahme wurden in Bulgers und Greigs Wohnung Waffen und größere Summen Bargeld sichergestellt, für die Ermittler bedeutet das, jemand muss ihnen geholfen haben. Bulger lebte unter dem Namen Charlie Rosenzweig, Grieg nannte sich Heather Fein. Beide sollten noch Donnerstag vor einem Gericht in Los Angeles erscheinen. Greig wird vorgeworfen, einem flüchtigen Verbrecher Unterschlupf gewährt zu haben.

Vielleicht wird sich jetzt zeigen, wie tief der Familiensinn Bulgers ging. Noch hat sich der Bruder William nicht zur Festnahme geäußert. Die Verhandlungen könnten Neues über die Verstrickungen von Politik und organisiertem Verbrechen in Boston in den 80er-Jahren ans Licht bringen. In "Departed" ist die Vaterfigur Costello auf jeden Fall tödlich für beide Ziehsöhne.