Amy Winehouse

Torkelndes Trauerspiel

Die Sterne standen für die düstere Diva eigentlich gut. Amy Winehouse sei nach ihrem Abstecher in eine Entzugsklinik wieder "clean" und freue sich auf den Auftakt ihrer Europatournee, hatte ihr Management vor ihrem Auftritt in Belgrad verbreiten lassen: In allen gebuchten Hotels sei ein striktes Alkoholverbot verhängt worden, selbst die Minibars seien leer geräumt.

Erwartungsfroh harrten denn auch 20 000 meist weibliche Fans aus ganz Südosteuropa unter der stimmungsvoll beleuchteten Kalegmagdan-Festung der Frau mit der dunklen Stimme. Eine warme Brise strich von der Donau über die Bühne. Doch schon als Winehouse in kurzem Minikleid auf die Bühne wankte, war klar, dass alle Anstrengungen ihres 30-köpfigen Begleitstabs vergeblich waren - und ihr Belgrader Gastspiel nur von kurzer Dauer sein würde.

Erst taumelte sie in die Arme ihres Gitarristen, dann nestelte sie sich auf dem Boden sitzend ihr Schuhwerk von den hageren Beinen. Der erste Gesangsversuch endete mit der vulgären Vorstellung ihrer sich angestrengt mühenden Musiker. Obwohl sich ihre Band nach Kräften ins Zeug legte, schallten schon nach wenigen Minuten wütende Pfeifkonzerte über die Donauwiese. Die völlig desorientiert wirkende Britin schien die Unmutsbekundungen kaum zu bemerken: Lallend begrüßte sie erst Athen und dann New York.

Schon nach wenigen Minuten stakste Amy von der Bühne. Was auch immer ihr hinter den Kulissen verabreicht wurde - auch nach ihrer taumelnden Rückkehr aufs Parkett präsentierte sich die 27-jährige nur noch als ein Schatten der Sängerin, die 2007 mit dem Album "Back to Black" weltweit ein Millionenpublikum eroberte. Meist sah sie den Bemühungen ihrer Band nur apathisch zu, versuchte sich gelegentlich in einigen Tänzelschritten oder nuschelte einige unverständliche Botschaften und Gesangsfetzen ins Mikrofon. Mit "Back to Black" brachte Amy während ihres gesamten Auftritts nur einen ihrer Hits komplett über die Bühne.

Die Veranstalter hatten das Unheil wohl schon geahnt - und ihr angeschlagenes Zugpferd nicht als letztes, sondern wohlweislich noch vor dem ebenfalls verpflichteten Moby auf die Bühne geschickt. Amy gehe gerne früh ins Bett, hatte das Management ihre Verbannung ins Vorprogramm begründet. Früh war ihr bemitleidenswerter Auftritt tatsächlich beendet. Wohl aus Vertragsgründen harrte ihre Band trotz der Arbeitsunfähigkeit ihrer Chefin exakt 60 Minuten auf der Bühne aus. "Ihr habt gewusst, dass ich ein schlechtes Mädchen bin", hauchte sie vor ihrem Abgang ihrem enttäuschten Publikum zu. Und warf ihr Mikrofon achtlos in den Bühnengraben.

Am Sonntagabend sagte sie schließlich ihre zwei folgenden Auftritte in Athen und Istanbul ab. Sie entschuldigte sich für die Entscheidung, vorerst zurück nach Hause zu fahren. Doch sie fühle sich "nicht auf der Höhe ihrer Fähigkeiten".