Pferderennen in Ascot

Dramatik auf dem Kopf

Mit manchen Hüten ist es wie mit einem schlimmen Missgeschick: Man möchte wegschauen, kann aber irgendwie nicht. Nirgendwo ist dieses Phänomen besser studierbar als beim königlichen Pferderennen im britischen Ascot.

300 Jahre wird dieses sportliche Ereignis in diesem Jahr alt, und fast genauso lange gibt es die Tradition, an den Renntagen seine schönsten Kopfbedeckungen auszuführen und in Szene zu setzen.

Königin Anne hatte das Rennen 1711 ins Leben gerufen, um schnelle Schlachtrösser für den Krieg auszuwählen. Seitdem hat Ascot viele Sieger gesehen. Die dritte Woche im Juni ist fest eingeplant im Terminkalender der britischen Gesellschaft. Ein billiges Vergnügen ist der Besuch allerdings nicht. Eintrittskarten kosten je nach Renntag zwischen 100 und 600 Pfund - pro Person, versteht sich. Ganz zu schweigen von den Preisen für die Outfits, die häufig Einzelanfertigungen sind.

Die "Fashion Crowd" zieht ein

An allen Tagen stehen die Pferderennen, das ein oder andere Gläschen Champagner und natürlich die Mode im Vordergrund. Höhepunkt der königlichen Renntage ist aber jedes Jahr der Donnerstag. Zwar ist es nicht der höchstdotierte Renntag in Ascot (das ist der Mittwoch mit dem mit 400 000 Pfund dotierten Prince-of-Wales-Preis), aber der Tag des "Gold Cup" gilt inoffiziell als der "Ladies' Day". Dann stehen die schnellen Vollblüter nicht mehr ganz so im Vordergrund. Die sogenannte Fashion Crowd nimmt Ascot in Besitz. Und natürlich steht der Hut im Zentrum des ganzen Zirkus.

Dabei sind der Fantasie und der britischen Exzentrik keine Grenzen gesetzt. Ob Billardtische in Miniaturformat, Pistolen, Kuchen, Vogelkäfige oder rosa Wolken - kaum etwas wurde noch nicht auf dem Kopf einiger Damen über den Rennplatz getragen. In diesem Jahr fand sich, ganz dem Zeitgeist entsprechend, ein iPad auf dem Kopf einer Besucherin.

Eingebrockt hat den Briten das ganze Huttheater einer der berühmtesten Vertreter des Dandytums, George Brummell, genannt "Beau" - der Schöne. Als enger Freund und Berater des damaligen Prinzregenten verpasste er Ascot um 1800 eine zeitgemäße Kleiderordnung, die grundsätzlich so auch immer noch gilt. Demnach müssen die Herren im "Morning Dress" und die Damen in "respektabler Kleidung und mit Hut" erscheinen. Für das schnöde Fußvolk auf der 2006 für 220 Millionen Pfund sanierten Haupttribüne reichen Hemd und Krawatte. In der Royal Enclosure - dort, wohin es alle zieht, die entweder schön oder reich oder beides sind - geht das selbstredend so einfach nicht.

Strenge Kleiderordnung

Der Herr hat Stresemann und Zylinder zu tragen - und diesen nur beim Essen oder in geschlossenen Räumen abzusetzen. So steht es geschrieben. Selbst für Weste, Krawatte und Hemdmanschetten gibt es Empfehlungen. Der Hut ist immer noch ein "Must" in Ascot, mit der respektablen Kleidung gibt es zunehmend Probleme.

Die Röcke der weiblichen Besucher werden immer kürzer, die Ausschnitte tiefer. Der Herzog von Devonshire gilt als der Etikette-Papst der Renntage. Er behält sich vor, weibliche Besucher am Eingang wieder nach Hause zu schicken, sollten die Schulterträger ihrer Kleider nicht mindestens einen Zoll (2,54 Zentimeter) breit sein. Dabei lenkt das doch nur vom eigentlichen "Höhepunkt" ab.

Beau Brummell hätte die ganze zur Schau getragene Dramatik auf dem Kopf sicher gefallen. Galt er seinen Zeitgenossen doch selbst als ausgemachter Trendsetter, und besonders sein Aussehen scheint ihm nicht ganz gleichgültig gewesen zu sein. Seine Stiefel ließ er angeblich mit Champagner polieren, außerdem soll der Dandy gleich drei Friseure beschäftigt haben: einen für den Hinterkopf, einen für die Stirn und einen für die Seiten. Brummell sorgte nicht zuletzt dafür, dass auf der britischen Insel die Perücke aus der Mode kam und der Hut das neue In-Accessoire wurde.

In diesem Jahr ist der Trend auf der Rennbahn eindeutig. Man trägt Hut, natürlich, am besten mit einem blumigen Motiv. Ob es sich dabei um ein ganzes Bouquet oder eine einzelne Blüte handelt, ist nicht wichtig. Hauptsache, etwas erblüht auf dem Kopf. Farblich ist die Dame mit Pink-, Nude- oder Brombeertönen auf der sicheren Seite. Mit Federn, Puscheln oder Perlen outet man sich schnell als wenig modisch bewandert. Auch der neuste Trend, der Hut fürs Pferd, wird sich vermutlich nicht durchsetzen.

Aufregung und Häme

Dass eine gewagte Hut-Kreation tatsächlich auch im Jahr 2011 noch für Aufregung sorgen kann, das hat Prinzessin Beatrice, Tochter von Prinz Andrew und Sarah "Fergie" Ferguson, bereits leidvoll vor einigen Wochen erfahren müssen. Zur Hochzeit ihres Cousins Prinz William mit Kate Middleton Ende April trug sie eine aufwendige - und zweifellos sehr teure - Kopfbedeckung in Brezeloptik, einen sogenannten "Fascinator", von Stardesigner Philip Treacy. Und erntete dafür von allen Seiten prompt viel Spott und Häme. Zum Ladies' Day nach Ascot erschien sie nun wohlweislich mit einem wesentlich schlichteren Modell - beige, rund, in Ufo-Größe und furchtbar langweilig. Das hätte dem schönen George "Beau" Brummell sicher auch nicht gefallen.