Unglück

Pilot opfert sich für seine Passagiere

Es ist das Gefühl der Hilflosigkeit, das Joachim Storch zu schaffen macht. Er ist einer der drei Überlebenden des tragischen Unglücks, bei dem am Sonntagabend nahe Reichelsheim ein Luftschiff in Flammen aufging und der Pilot starb.

Was ein angenehmer Arbeitstag hoch in der Luft über Hessen werden sollte, endete in einer Katastrophe, für die Experten der Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung und der Kriminalpolizei nach einer abschließenden Erklärung suchen.

Um 18 Uhr am Sonntag waren von Reichelsheim aus der 54-jährige Fotograf Storch und zwei TV-Leute eines Privatsenders mit dem 52-jährigen australischen Piloten zu einem Flug nach Oberursel gestartet. Dort machten Storch und das Kamerateam Bilder vom Hessentag. Kurz nach 20 Uhr kehren sie mit dem Luftschiff der Reifenfirma Goodyear zurück nach Reichelsheim. Der Arbeitsflug scheint angenehm gewesen zu sein, die drei Passagiere haben gute Bilder gemacht. "Mike war ein routinierter Pilot", sagt Storch. "Er ist unseren Hinweisen immer minutiös und mühelos gefolgt."

Beim Landen in Reichelsheim jedoch kommt es offenbar zu einem folgenschweren Unfall. Laut ersten Ermittlungen zerschellte beim Aufsetzen auf die Rollbahn aus noch ungeklärten Gründen das kleine, einachsige Fahrwerk unter der Gondel des Luftschiffs. Der australische Pilot reagiert sofort: "We had an accident, wir hatten einen Unfall. Ich habe das Luftschiff gecrashed", soll der Australier seinen Passagieren zugerufen haben, erinnert sich Storch. Dann geht alles rasend schnell: Schlagartig verspürten die Insassen eine Hitzewelle vom hinteren Ende der Gondel, wo die Motoren sitzen. Der Luftschiffführer gibt den Befehl: "Aussteigen!" Durch ein Fenster und eine Tür springen Storch und das TV-Team aus rund zwei Meter Höhe auf den Boden und bleiben unverletzt. Doch Pilot Mike springt nicht.

"Er konnte das Luftschiff nach unserem ersten Bodenkontakt nicht unten halten", sagt Fotograf Storch. Er muss zusehen, wie das brennende Luftschiff wieder aufsteigt, bis in etwa 40 Meter Höhe. Am Boden sind die Schreie des Piloten zu hören. Dann stürzt das brennende Luftschiff, ein mit zwei 80-PS-Motoren ausgerüstetes Prallluftschiff (auch Blimp genannt) vom Typ Lightship A60, das mit Helium gefüllt ist, zu Boden. Mehrere Hundert Meter ist es noch durch die Luft gefahren, nachdem Joachim Storch und das Kamerateam abgesprungen waren. Der Pilot stirbt einen grausamen Tod, wie die Polizei herausfindet. "Der Pilot ist nicht durch den Absturz selbst ums Leben gekommen", sagt in der Nacht zum Pfingstmontag ein Polizeisprecher. "Er ist verbrannt."

Für Experten hat der Kapitän des abgestürzten Goodyear-Luftschiffs eine "wahre Heldentat" vollbracht. "Er wusste genau, dass das brennende Schiff wieder hochsteigt, wenn die Passagiere aussteigen", sagte der Technikexperte der Zeppelin-Reederei in Friedrichshafen, Hans-Paul Ströhle. Wegen des schlagartig geringeren Gewichts sei das bereits brennende Luftschiff wieder aufgestiegen und mit dem Piloten in Flammen aufgegangen. "Das wäre auch schon passiert, wenn nur eine Person ausgestiegen wäre. Mit den Motoren kann man das nicht ausgleichen", sagte Ströhle.

Üblicherweise werden Luftschiffe mit Seilen gesichert, bevor die Insassen aussteigen können. "Er hat sich geopfert", sagte Ströhle. Der Australier habe ihn selbst zum Luftschiffpiloten ausgebildet und sei einer der erfahrensten Piloten überhaupt auf der Welt gewesen. Er habe die absolut richtige Entscheidung getroffen, als er die Passagiere zum Aussteigen aufforderte.

Reifenhersteller Goodyear hat seine Reklameflüge bis auf Weiteres eingestellt. Das zweite, baugleiche Luftschiff werde vorerst nicht mehr eingesetzt, erklärte das Unternehmen. Die Unglücksmaschine trug den Namen "Spirit of Safety I", sagte der Sprecher. Gemeinsam mit dem zweiten Schiff sollte es bis Oktober 2011 auf Werbetour durch Europa reisen. Das Motto lautet "Safety Tour". Goodyear selbst stellte auch Blimps her. Die Unglücksmaschine sei jedoch nicht von dem Unternehmen gebaut worden.

Für Joachim Storch haben diese Details keine Bedeutung. Eingehüllt in eine blaue Decke, sitzt er in einem kleinen, hell beleuchteten Raum im Reichelsheimer Flugplatzgebäude. Er spricht mit Polizisten und Unfallermittlern. Notfallseelsorger sind bei ihm. Zur gleichen Zeit heben Feuerwehrleute draußen auf dem Flugplatz die Überreste des Piloten von der feuchten Wiese in einen Sarg. Joachim Storch schlägt die Hände vors Gesicht.