Prozess

Jörg Kachelmann wettert jetzt gegen Journalisten

Auch nach dem Urteil hält sich der Fall Jörg Kachelmann in den Schlagzeilen, und das nicht nur, weil nach der Staatsanwaltschaft nun auch die Nebenklägerin gegen den Freispruch Revision eingelegt hat. Und der Wettermoderator selbst greift mittlerweile recht munter und ungeniert in die öffentliche Diskussion ein.

Durch den Kurznachrichtendienst Twitter attackiert der Schweizer seit Tagen mit einer guten Portion Bissigkeit Journalisten und Verlage, die ihm seiner Meinung nach Böses wollen. Jetzt vermutet er sogar, dass diese Verlage seine Twitter-Einträge zensieren und löschen lassen. "Des Ehrensenators langer Arm?", fragt Kachelmann, nachdem ein von ihm veröffentlichtes Foto urplötzlich verschwunden war. Dabei beweist der Wettermann, wie gut er sich über seine vermeintlichen Gegner informiert: Verleger Hubert Burda wurde erst am 30. Mai Ehrensenator der Heidelberger Hochschule für Jüdische Studien.

Kachelmanns Attacken gelten - neben manch anderem Wetterpropheten - ausschließlich den Medien. Das Verfahren, das Urteil oder die Richter bleiben unkommentiert. Die 5. Große Strafkammer am Landgericht Mannheim hatte Kachelmann aus Mangel an Beweisen freigesprochen. Dabei soll es keine Gegenstimme gegeben haben: Alle drei Berufsrichter und beide Schöffen sollen für den Freispruch votiert haben, berichten Kreise im Mannheimer Gericht.

Über die Motive der Nebenklägerin, Revision zu beantragen, wurde nichts bekannt. Ihr Anwalt Thomas Franz wollte nicht Stellung nehmen. Zuvor hatten allerdings der "Spiegel" und die "Bild am Sonntag" übereinstimmend berichtet, die 38-jährige ehemalige Radiomoderatorin habe den Freispruch nur sehr schwer verkraftet. Sie habe "hemmungslos geweint" und ihrem Anwalt eine heftige Szene gemacht. Das hätten Mitarbeiter im Landgericht verfolgt. Franz dementierte allerdings, dass es mit seiner Mandantin zum Streit gekommen sei.

Vielleicht wollen er und die Nebenklägerin später mehr Druck auf die Staatsanwaltschaft ausüben, damit diese tatsächlich den Bundesgerichtshof (BGH) in Karlsruhe zur Überprüfung zwingt. Viele Beobachter hatten gemutmaßt, dass die Staatsanwälte durch den Revisionsantrag nur an ein ausführliches Urteil gelangen und dazu ihr Gesicht wahren wollten. Im Herbst werde die Behörde ihren Antrag dann womöglich zurückziehen. Die Kieler Strafrechtlerin Monika Frommel schätzt die Erfolgsaussichten einer Revision auf "nahezu null".

Solange der Revisionsantrag läuft, ist der Freispruch für Kachelmann noch nicht rechtskräftig. Doch der hat wohl nicht vor, sich bis dahin von der Öffentlichkeit fernzuhalten. Seit Monaten schon twittert er angeregt, vor allem über das Wetter. Dazwischen jedoch bezeichnet der Schweizer manche Journalisten und Verlage als "ekelerregend", "lichtscheues Gesindel" oder, mit Verweis auf seinen Anwalt Johann Schwenn, als "Pack". Auch zeigte er ein Foto eines Journalisten, der vor seinem Haus wartete. Der sarkastische Kommentar: "Aus diesem jungen Menschen hätte sicher etwas Anständiges werden können."

Das jetzt gelöschte Dokument, das Kachelmann auf dem Fotokanal Twitpic im Internet veröffentlicht hatte, zeigte das Faksimile eines Fleurop-Begleitschreibens der Zeitschrift "Bunte" an eine der Zeuginnen im Kachelmann-Prozess. Die Chefreporterin hatte einer Ex-Freundin des Schweizers, nachdem diese bereits eine Vorladung zum Gericht erhalten hatte, einen "Sonnengruß" in Form eines Blumenstraußes geschickt und einen Brief beigelegt. Darin fragte sie an, ob man sich vor dem Prozess über "JK" unterhalten könnte. Vor allem diese Zeitenfolge bringt Kachelmann in Rage: "Man beachte: Erst zu ,Bunte', dann Gericht." Als das Bild später plötzlich verschwunden ist, macht Kachelmann die "Schergen des Ehrensenators" dafür verantwortlich - obwohl womöglich einfach nur ein technischer Fehler dafür verantwortlich war. Und als sich der Medienautor Stefan Niggemeier in seinem Blog ( www.stefan-niggemeier.de ) des Themas annimmt und das Faksimile ebenfalls präsentiert, meldet sich Kachelmann in den Kommentaren erneut zu Wort: Er betont, dass ihm das Original vorliege.

Die "Bunte" muss also eine Freundin angesprochen haben, die noch auf gutem Fuß mit Kachelmann steht. Im Unterschied zu jenen, die Kachelmann raten, sich nach dem Trubel um seine Person besser ruhig zu verhalten, hat Medienkritiker Niggemeier Verständnis für Kachelmanns Twitterei: "Da er inzwischen weder auf einen Ruf als Sympathieträger noch auf das Wohlwollen der Medien Rücksicht nehmen muss, kann er fast ungehemmt die Auswüchse des Spektakels um ihn herum dokumentieren."