Niederlande

Die letzten Züge der Kiffer-Touristen

Unscheinbar kommt er daher, er führt durch Vorgärten und über Felder, kreuzt manchmal Straßen, aber im Grunde ist nichts Besonderes am "Tegelse Weg" in Kaldenkirchen, ganz am westlichen Rand Deutschlands. Es gab allerdings Zeiten, da musste man sich wundern über diesen Feldweg am an Feldwegen nicht gerade armen Niederrhein. Der "Tegelse Weg" war bei Jugendlichen wohl der beliebteste Fußweg Deutschlands.

"Sie kamen in Horden", sagt ein Anwohner, der heute seinen Garten sprengt, sie waren jung, und als es begann, dachte er zunächst, dass es sich bei den Jugendlichen um Pfadfinder oder so etwas handelte, doch natürlich waren sie keine Pfadfinder. "Das waren alles Kiffer", sagt der Mann, und es hört sich komisch an, wie er das sagt, wie so oft, wenn Menschen Begriffe gebrauchen, die so gar nichts mit ihrer Lebenswelt zu tun haben. Und dann erzählt er von seinem persönlichen Krieg gegen weggeworfene Dosen, Flaschen und Pommestüten, und natürlich gegen die Pinkler, die ihr Geschäft an seinem Gartenzaun machten. Heute kämpft er gegen die Trockenheit.

Erwischt im Regionalexpress

Kiffer, waren sie alle, Hunderte, Tausende, die den "Tegelse Weg" benutzten, wahrscheinlich Millionen über die Jahre, der unscheinbare Feldweg führt vom Bahnhof im deutschen Kaldenkirchen mit direktem Anschluss ans Ruhrgebiet direkt ins gelobte Land, in die niederländische Stadt Venlo mit ihren Coffeeshops. Der "Tegelse Weg" war aufregend, manchmal musste man sich in die Büsche schlagen, denn der Feind - der Zoll und die Polizei - konnte überall lauern. Oft musste man rennen, und manchmal, wenn man schon dachte, dass die Gefahr vorüber ist, wenn man schon sicher wieder im Regionalexpress ins Ruhrgebiet saß, kam doch noch die Polizei. Nach dem Willen der niederländischen Regierung soll das alles nun enden. Spätestens ab 2012 soll der Verkauf von Haschisch und Marihuana nur noch an Einheimische erlaubt sein, Coffeeshops sollen ihren Stoff außerdem nur noch an Klubmitglieder verkaufen dürfen, die sich vorher registrieren lassen müssen, damit sie nicht in verschiedenen Shops die am Tag erlaubte Höchstmenge von drei Gramm einkaufen.

Die Neuregelung ist Teil des Duldungsvertrags des Regierungsbündnisses aus Rechtsliberalen und Konservativen in den Niederlanden mit der Partei von Geert Wilders. Begründet wird die Maßnahme mit den vielen Drogentouristen, den Beschwerden von Anwohnern und dem Eindämmen organisierter Kriminalität an den Hintertüren der Coffeeshops. Doch vor allem ist sie Ausdruck der schrittweisen Korrektur niederländischer Drogenpolitik. Erklärtes Ziel der Regierung von Ministerpräsident Mark Rutte ist, das Image als Königreich der Kiffer loszuwerden. Zumal der Besitz, Handel und Konsum auch weicher Drogen in den Niederlanden schon immer illegal war.

Das "Roots" in Venlo ist der größte Coffeeshop der Stadt an der deutschen Grenze. Am Freitag herrscht hier Hochbetrieb, vor allem Deutsche kaufen Cannabis-Produkte. Auf dem Parkplatz direkt hinter dem Haus steht ein Mercedes aus Mülheim neben einem alten Golf mit Bochumer Kennzeichen. Aus Mönchengladbach sind welche mit dem Bus angereist, aus Duisburg kommt ein Passat, im Fond zwei Kindersitze. Der Coffeeshop selbst ähnelt einer großen Kneipe mit Erlebnisgastronomie. Die Leute sitzen an hellen Tischen, trinken Kaffee, rauchen Joints, an zwei Verkaufstresen werden verschiedene Sorten Haschisch und Marihuana verkauft.

Marcel S. trinkt Kaffee, "ich muss noch fahren", sagt er. Er ist 38 Jahre alt und kommt "ab und zu" nach Holland, um Haschisch zu kaufen. Er sei kein regelmäßiger Konsument, rauche auf Partys ab und zu mal einen Joint oder wenn er alleine zu Hause ist, was sehr selten vorkomme, da er zwei Kinder habe, eine Frau, einen Job. Er fing als Jugendlicher mit dem Kiffen an, habe es damals auch manchmal übertrieben, gibt er zu, doch das sei ja nicht anders als mit Alkohol. "Das Blöde an der Neuregelung ist ja nicht, dass die deutschen Kiffer keine Drogen mehr bekommen, sondern dass es lediglich eine Imagekorrektur des Landes ist", sagt er. "Weil die konservativen Niederländer keine Lust mehr haben, im Ausland als Kiffernation veralbert zu werden, machen die jetzt so ein Gesetz." Die meisten Niederländer, die er kenne, seien Stolz auf ihre liberale Drogenpolitik, "die ja nicht nur liberal, sondern auch vernünftig ist". Als Jugendlicher sei er zweimal mit Haschisch an der Grenze aufgegriffen worden und habe erlebt, "wie ärgerlich" die Kriminalisierung von Cannabis-Konsumenten sei, während Supermärkte ohne Probleme billigsten Schnaps an 18-Jährige verkaufen dürften und der Staat daran noch mitverdiene. Im "Roots", wo man sich schon heute mit Foto registrieren lassen muss, weiß man noch nicht, wie es weitergehen wird. Als Reaktion auf die Klagen der Anwohner über Drogentouristen sei man vor ein paar Jahren hier an den Stadtrand gezogen. Als "McDope" sei man verspottet worden.

Bart van Marwijk, einer der wenigen Holländer, die an diesem Tag gekommen sind, um einen Joint zu rauchen, sagt, dass man die Schließung und Drangsalierung von Coffeeshops in den Niederlanden zwar immer mit Klagen von Anwohnern begründe, letztlich aber Politik der Grund dafür sei, dass es schon seit Jahren immer weniger Coffeeshops in den Innenstädten gebe. Das war in Maastricht doch genauso, sagt er.

Nur noch fünf Gramm Haschisch

In der Stadt im Dreiländereck zwischen Deutschland, Holland und Belgien können Ausländer bereits keine "weichen Drogen" mehr kaufen, eine Regelung, die - bestätigt vom Europäischen Gerichtshof - übrigens nicht gegen das Freizügigkeitsgebot in der EU verstößt. "Letztlich ging es darum, den Coffeeshops die Geschäftsgrundlage zu entziehen", sagt van Marwijk. Ein deutscher Mann am Nebentisch, der vor sich ein Büschel Marihuana liegen hat und damit beschäftigt ist, einen Joint zu bauen, schaltet sich ein. "Früher waren schon viele Jugendliche und Drogentouristen in Venlo", sagt er. Die Zeiten seien seit der Reform des Opiumgesetzes von 1995 aber eh vorbei gewesen. Damals wurde in den Niederlanden beschlossen, die Regelung von 1976 zu ändern: Zuvor musste man lediglich 16 Jahre alt sein, und man konnte 30 Gramm Haschisch oder Marihuana erwerben. Seit 1995 ist Volljährigkeit Pflicht, und man kann nur noch fünf Gramm kaufen.

So hat man auch die Situation am Drogenpfad in den Griff bekommen. Eigentlich, sagt die zuständige deutsche Polizeibehörde unter der Hand, seien das Problem auch nicht die Drogen gewesen. Schuld an den zugegeben schwierigen Zuständen sei einfach die Masse an Leuten gewesen. Der "Tegelse Weg" sei halt ein Feldweg, nicht dafür vorgesehen, dass ihn so viele Menschen benutzten. "Die Kiffer waren eigentlich immer sehr friedlich", sagt ein Beamter.