Prozess

Nur zwei Worte: "Nicht schuldig"

"Eine Jury besteht aus zwölf Personen, die ausgewählt wurden, um zu entscheiden, wer den besseren Anwalt hat", befand der große US-Lyriker Robert Lee Frost. Dominique Strauss-Kahn, der am Montag vor dem Strafgericht von Manhattan auf "nicht schuldig" plädierte, hat erstklassigen juristischen Beistand engagiert.

Seine Verteidiger sollen den der versuchten Vergewaltigung eines Zimmermädchens beschuldigten Franzosen vor einer Verurteilung und einer Haftstrafe von bis zu 25 Jahren bewahren. "DSK", der wegen des Vorfalls am 14. Mai in einem New Yorker Luxushotel als Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF) zurückgetreten ist, bemüht daneben offenkundig auch Experten für Krisen-PR, ehemalige Geheimdienstler und Ex-Diplomaten für eine umfassende Verteidigungsstrategie.

Mit fester Stimme, aber müde wirkend und mit Tränensäcken unter den Augen, erklärte sich Strauss-Kahn am frühen Vormittag (Ortszeit) mit leiser Stimme für "not guilty". Mehr als diese zwei Worte sagt er nicht. Er stand in der nur sieben Minuten dauernden Anhörung zwischen seinen Anwälten Benjamin Brafman und William W. Taylor. Ehefrau Anne Sinclair, die nach eigenen Angaben die Vorwürfe gegen ihren Mann "nicht eine Sekunde" lang glaubte, befand sich im Zuschauerraum. Vor dem Gerichtsgebäude protestierten tatsächliche oder kostümierte Zimmermädchen gegen den Franzosen und riefen ihm zu: "Schäm dich!" Ihre Schreie waren bis in den 12. Stock des Gerichtsgebäudes zu hören, wo Strauss-Kahns Anhörung stattfand.

Die Hotelangestellte N.D. hatte bei der Polizei ausgesagt, Strauss-Kahn sei nackt aus dem Badezimmer gestürzt, als sie das Zimmer aufräumen wollte, und habe die Zimmertür zugeschlagen, um sie nicht entkommen zu lassen. Nach einem vergeblichen Versuch, der 32-Jährigen die Strumpfhose auszuziehen, habe er sie zum Oralsex gezwungen. Auf das Flehen der Asylbewerberin aus dem westafrikanischen Guinea, sie gehen zu lassen und nicht ihre Arbeitsstelle zu gefährden, habe "DSK" sie angeherrscht: "Baby, weißt du nicht, wer ich bin?"

Strauss-Kahns Anwälte deuteten hingegen in den vergangenen Wochen an, es habe sich um "einvernehmlichen Sex" gehandelt. Es gebe keine Beweise für Zwang und Vergewaltigung.

Auf etwa 1500 Dollar schätzen Fachleute das Stundenhonorar der Verteidiger. Diese Kosten addieren sich zur Monatsmiete von 500 000 Dollar für das Luxusappartement wenige Blocks vom Gericht entfernt, in dem DSK nach Hinterlegung einer Kaution von einer Million Dollar und einer Schuldverschreibung über weitere fünf Millionen Dollar mit seiner Frau leben darf. Außerdem muss der Franzose mindestens 200 000 Dollar für eine Rund-um-die-Uhr-Überwachung durch eine Sicherheitsfirma bezahlen und eine elektronische Fußfessel tragen.

Der 62-jährige New Yorker Strafverteidiger Branfman verteidigte schon Berühmtheiten wie Pop-Star Michael Jackson, den als "Puff Daddy" und "P. Diddy" bekannten Rapper Sean Combs und den Musiker und Modeunternehmer Jay-Z.

Zu den Mandanten des 66-jährigen William W. Taylor III. von der Kanzlei Zuckerman Spaeder mit Sitz in Washington zählten im Whitewater-Prozess Mack McLarty, Stabschef von Präsident Bill Clinton, sowie Offizielle des olympischen Komitees von Salt Lake City, denen Bestechung vorgeworfen worden war. Taylor war in beiden Prozessen erfolgreich. Sein Motto: "Wenn du deine Verteidigungslinie nicht in weniger als fünf Minuten, in drei oder vier Sätzen erklären kannst, hält sie nicht stand."

Die Verteidigungslinie in Sachen Strauss-Kahn scheint denn auch recht klar. N.D. habe dem Sexualverkehr, der angesichts von angeblich auf ihrer Kleidung identifizierten Spermaspuren schwer zu leugnen ist, zugestimmt. Außerdem versucht die Verteidigung, die Klägerin unglaubwürdig zu machen. Branfman und Taylor behaupteten unlängst in einem Brief an den Bezirksstaatsanwalt Cyrus R. Vance jr., sie verfügten über "substanzielle Informationen, die nach unserer Auffassung ernsthaft die Qualität der Anklage und zudem die Glaubwürdigkeit der Klägerin schwerwiegend untergraben würden". Vance fordere die Anwälte daraufhin auf, derartige Informationen "umgehend" dem Gericht zu übermitteln.

Die verwitwete N.D., eine Muslima, ist mit ihrer 15-jährigen Tochter seit der Verhaftung von "DSK" abgetaucht. Sollte sie ihre Aussage zurückziehen, würden die Chancen für einen Freispruch von Strauss-Kahn massiv steigen. Es gibt keine weiteren Zeugen des Vorfalls. Berichte einer Zeitung, "Freunde" von DSK hätten der Familie von N.D. in Afrika Geld für einen Widerruf geboten, wurden unlängst von dessen Anwälten dementiert. Die nächste Anhörung ist am 18. Juli, bis zum Beginn der Hauptverhandlung dürften noch Monate vergehen. Dann werden nicht schreiende Frauen, sondern die Geschworenen über Schuld oder Unschuld Strauss-Kahns befinden.