Prozess

Der bizarre Tod der Caylee Anthony

Caylee Anthony wurde nur zwei Jahre alt. Man fand ihren Leichnam verscharrt in einem Waldgebiet hinter dem Haus der Großeltern. Die Anklage beschuldigt die Mutter, Casey Anthony, ihre Tochter Caylee ermordet zu haben. Casey Anthony beteuert ihre Unschuld. Aber sie ist schon etlicher Lügen überführt worden.

Ab Mitternacht warten Menschen in langen Schlangen vor dem Gerichtsgebäude in Orlando. Im Saal 23 wird der Mord an dem kleinen Mädchen verhandelt. Im Gerichtssaal verfolgen Zuschauer wie die Mittvierzigerin Jennifer Miller-Carmon fassungslos, wie unter einem Schuttberg an Unwahrheiten und Ausflüchten die brutale Wahrheit hervorzukriechen scheint: Casey Anthony, zum Tatzeitpunkt 22 Jahre jung, wollte offenkundig feiern, Bars besuchen, ihr Leben genießen.

Da störte das Kleinkind, dessen niedliche Fotos die Nation im Rahmen der nun schon drei Jahre andauernden Ermittlungen und des Prozesses immer wieder zu sehen bekommt.

"Mir tut vor allem die Großmutter leid", sagt Miller-Carmon und kämpft mit den Tränen. "Sie hat ihre Enkelin verloren, und sie wird wohl auch ihre Tochter verlieren."

Immer wieder Lügen

Die Großmutter, Cindy Anthony, spielt eine wichtige Rolle in dem Prozess, in dem Casey die Todesstrafe droht. Cindy löste im Juli 2008 die polizeilichen Ermittlungen aus. Einen Monat zuvor war die noch bei den Eltern lebende Casey mit dem Enkelkind ausgezogen. Über einen Monat lang verweigerte Casey den Großeltern den Zugang zum Enkelkind mit immer neuen Begründungen.

Dann wurde Cindys Mann George benachrichtigt, das Auto der Tochter sei wegen Falschparkens abgeschleppt worden. Er habe in dem Auto "schrecklichen Verwesungsgeruch" registriert, sagte George Anthony vor Gericht aus.

Trotzdem glauben die Eltern heute den Beteuerungen von Casey, sie habe nichts mit dem Tod von Caylee zu tun. Deren Leichnam wurde im Dezember 2008 in dem Waldgebiet in der Nähe des Wohnhauses der Anthonys gefunden.

Kindermädchen verschwunden

Casey Anthonys Story, ausgeschmückt mit ausgesprochen vielen Details, ging in den ersten Vernehmungen so: Caylee habe sie am 16. Juni 2008 in der Obhut eines Kindermädchen gelassen, das seit "fast zwei Jahren" immer wieder auf die Kleine aufgepasst habe.

Dieses Kindermädchen, Zenaida Fernandez-Gonzalez, habe Caylee entführt. Sie, Casey, habe die Polizei nicht eingeschaltet, weil sie "dummerweise" angenommen habe, das Problem selbst lösen zu können.

Doch Freunde von Casey sagen aus, die junge Frau habe in den Wochen, in denen ihr Kind angeblich entführt war, ausgelassen gefeiert, in Bars mit Freunden getrunken und in einem Nachtclub an einem Bikini-Wettbewerb teilgenommen. Nie habe sie jemandem erzählt, dass sie ihre entführte Tochter suche.

Ein Nachbar berichtete, Casey habe bei ihm am 18. Juni 2008 eine Schaufel ausgeliehen. Zwei Tage zuvor war Caylee zuletzt gesehen worden. Die Angeklagte lässt sich von derlei Indizien nicht beeindrucken. Den Verwesungsgeruch im Auto, in dem die Ermittler nur eine Tasche mit Müll fanden, begründete Casey mit einem Eichhörnchen, das in den Motorblock geklettert sei.

Eine Zenaida Fernandez-Gonzalez wurde aufgespürt. Aber nichts deutet darauf hin, dass sie je in irgendeinem direkten Kontakt zu Casey oder Caylee stand. Caseys Angehörige und Freunde sagten zudem aus, nie zuvor ihren Namen gehört und auch nicht mitbekommen zu haben, dass die finanziell stets klamme Casey überhaupt einen Babysitter gehabt habe. Fernandez-Gonzales hat Casey wegen Verleumdung angezeigt.

Die offenkundigen Widersprüche haben Caseys Verteidiger inzwischen einen anderen Weg einschlagen lassen. Das Kind sei am 16. Juni bei einem Badeunfall im Pool der Großeltern ertrunken, sagen sie. George habe den Leichnam versteckt. Und Casey habe dies verschwiegen, weil sie sich vor dem Vater fürchte, der sie seit ihrem achten Lebensjahr sexuell missbraucht habe. Diesen Vorwurf bestreitet nicht nur George Anthony.

Eintragungen ins Tagebuch

Der zwölfköpfigen Jury in Orlando wurde auch die Ton- und Bildaufzeichnung eines Gesprächs von Casey mit ihren Eltern im Gefängnis vorgeführt. Darin umschmeichelt Casey ihren durch eine dicke Glasscheibe getrennt sitzenden Vater, er stehe ihr näher als jeder andere Mensch und sei der beste Großvater für Caylee gewesen, den man sich habe wünschen können.

Am 21. Juni 2008, nach Ansicht der Polizei wenige Tage nach ihrem Mord an der fast Dreijährigen, notierte Casey in ihrem Tagebuch: "Ich bereue nichts, bin nur ein bisschen besorgt. Ich möchte nur, dass alles am Ende in Ordnung ist. Ich hoffe nur, dass das Ende die Mittel rechtfertigen wird." Sie sei, so schrieb Casey weiter, "endlich glücklich. Bleibt nur zu hoffen, dass sich das nicht ändert".