Kachelmann-Prozess

Am Ende bleibt der Zweifel

Zweifel an einem Urteil, seufzte der legendäre, 2003 verstorbene Gerichtsreporter Gerhard Mauz einst, steigen am Ende des Prozesses aus der Asche, nicht beschwingt allerdings wie der Vogel Phönix, sondern humpelnd und torkelnd, gleichsam wie auf Krücken.

Ihr Auftauchen beruhigt und stößt ab, doch verhindern lässt es sich kaum; der Verurteilte könnte schließlich unschuldig sein, wer will das schon ausschließen, wenn eindeutige Beweise fehlen. Und der Mann, der frei aus dem Gerichtssaal marschiert, ist vielleicht doch ein Mörder. Die Ungewissheit gehört zum Richterspruch wie Ying zu Yang. Bei allem Bemühen werden Zweifel und Fehlurteile nie verschwinden können aus der Justiz.

Paradoxerweise war es wohl genau diese Einsicht, die den Prozess gegen Jörg Kachelmann, in dem heute das Urteil gesprochen wird, zu einem so absurden Theater werden ließ. Die Mannheimer Richter wollten es wohl einfach nur ganz besonders gut machen. Sie wussten, dass beim Verdikt aller Augen auf ihnen ruhen würden. Und dieses Urteil, es sollte daher besonders akribisch und unangreifbar sein, wasserdicht, es sollte jede Perspektive und jeden Ermittlungsstrang berücksichtigen. Wie sich zeigte, hat sich die Justiz in diesem Ansinnen verhoben, sie ist in eine selbst gestellte Falle getappt.

Fast vier Dutzend Verhandlungstage, ein gutes Dutzend Gutachter, ein schier nicht enden wollender Aufmarsch von Ex-Freundinnen, dazu Verwandte des mutmaßlichen Opfers, Polizisten, Hotelrezeptionisten, Medienkollegen: Der Eifer bei der Beweiserhebung hätte einem Verfahren gegen einen mutmaßlichen Serienkiller gut angestanden oder einem ganz besonders deftigen Wirtschaftsvergehen. Allein die Eltern des mutmaßlichen Opfers saßen fast zwei Tage lang im Zeugenstand, ihren Angaben lauschte ein halbes Dutzend der besten psychologischen Gutachter Deutschlands, die den Staat pro Stunde über 80 Euro kosten. Auf der Richterbank harrten das gesamte Verfahren über nicht nur die drei Berufsrichter und zwei Schöffen aus, sondern auch noch zwei Ersatzrichter und Ersatzschöffen. Dazu die seltsame zweitägige Reise in die Schweiz, weil eine Zeugin nicht nach Mannheim kommen wollte: Würde bei jedem Vergewaltigungsverfahren, bei dem Aussage gegen Aussage steht, ein solch kostspieliger Aufwand betrieben, bräche das Justizsystem zusammen.

Keinen Patzer erlauben

Der Prozess in einem Vergewaltigungsverfahren dauert meist nur ein paar Tage. Doch hier ging es um einen Prominenten. Mannheim wollte sich keinen Patzer leisten, zugleich sich aber auch nicht den Vorwurf anhören müssen, man fasse TV-Persönlichkeiten mit Glacéhandschuhen an.

Bekannt ist, dass Mannheim bei aufsehenerregenden Verfahren in der Vergangenheit immer mal wieder eine schlechte Figur gemacht hat, was Kachelmann jetzt wohl mit auszubaden hat: Den Atomschmuggelprozess gegen einen deutschen Ingenieur, der Atomtechnik nach Libyen verraten haben soll, musste Richter Michael Seidling platzen lassen, weil die Bundesanwaltschaft Ermittlungsakten unterdrückte. Seidling, so schien es, hatte seine Prozessbeteiligten nicht richtig in der Hand. Beim Flowtex-Prozess, einem großen Wirtschaftsverfahren, wurde gar die ganze Kammer wegen Befangenheit abgelehnt, weil sie zugestimmt hatte, den Angeklagten unrechtmäßig auszuspionieren. Und auch mit der Anklage gegen den unschuldigen Installateur Harry Wörz hat sich Mannheim unrühmlich präsentiert.

Dennoch lässt sich aus dem Verfahren kein Justizskandal konstruieren. Von einem Skandal ist zu sprechen, wenn Beweise übersehen, übergangen, unterdrückt, überhört werden. Etwa bei jenem Fall, den die "Zeit"-Reporterin Sabine Rückert aufdeckte: Da saßen zwei Männer wegen mehrfacher Vergewaltigung eines Mädchens verurteilt in Haft, doch wie sich erst auf Druck der Journalistin erwies, war das angebliche Opfer noch jungfräulich. Diese Tatsache hatte das medizinische Gutachten zwar enthalten, das Gericht hatte sie aber schlicht nicht in sein Urteil miteinbezogen.

Solch einen schlagenden Beweis gibt es im Fall Kachelmann nicht. Es gibt keine klaren Spuren, dass die Tat so stattgefunden hat, wie es die Nebenklägerin schilderte, und es gibt keinen klaren Gegenbeweis. Bei einer solchen Indizienlage, so formulierte es auch der Staatsanwalt Lars-Torben Oltrogge, erstellen Richter am Ende für ihre Bewertung eine "Gesamtschau". Vieles spricht dafür, dass diese Schau mehr Zweifel als Überzeugung an der Schuld von Jörg Kachelmann ergibt. Doch zwingend ist das nicht. Klar ist: Am Ende bleibt der Zweifel.

Nicht wenige Juristen sind der Meinung, ein Fehlurteil sei nur dann echtes Unrecht, wenn jemand unschuldig verurteilt wurde, nicht aber, wenn ein Schuldiger freikam. Andere trösten sich damit, dass zumindest der komplette Justizirrtum dort unmöglich ist, wo keine Todesstrafe gesprochen werden kann. Reporter Mauz sah das anders. "Jedes Fehlurteil", schrieb er, "ist Mord". Rehabilitierung und finanzielle Entschädigung kommen immer zu spät.