Gesundheit

EHEC: Krankenhausplätze werden knapp

Von einer Kontrolle der EHEC-Infektionswelle kann bisher keine Rede sein. Täglich mehr Kranke und langsam, aber kontinuierlich steigende Totenzahlen lassen Ängste wachsen. Von den rund 80 Schwerkranken am Hamburger Uni-Klinikum Eppendorf haben etwa 30 keine Nierenfunktion mehr.

Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) stieg die Zahl der gemeldeten HUS-Fälle in Deutschland am Sonntag auf rund 300. Die Zahl der ohne lebensgefährliche Komplikationen mit dem Erreger angesteckten Menschen sei um ein Vielfaches höher. Der Ernstfall ist da - und es zeigt sich, wie schwer es ist, EHEC in Grenzen zu halten.

Nachdem in Hamburg kontaminierten Gurken gefunden wurden, könnten auch drei in Mecklenburg-Vorpommern sichergestellte Gurken EHEC an sich haben. Nach Angaben des dortigen Landwirtschaftsministeriums gab es Hinweise auf kontaminierte Gurken. Bei drei Früchten sei Shigatoxin nachgewiesen worden. Diese giftige Substanz werde von Kolibakterien produziert. Mit weiteren Tests müsse aber noch nachgewiesen werden, ob sie von EHEC-Erregern stamme. Die Gurken kämen aus unterschiedlichen Lieferungen, sagte die Sprecherin. Nur wenn sich der EHEC-Verdacht erhärte, wolle sie den Ursprung nennen.

Mit einem weiteren Ausbreiten der Infektionen ist zu rechnen. Ein Sprecher des Universitätsklinikums in Lübeck sagte, pro Tag würden zehn neue HUS-Fälle erwartet. Vor allem in Hamburg werden unterdessen die Plätze für die Behandlung der schweren Fälle auf den Intensivstationen knapp. Das Hamburger Universitätsklinikum Eppendorf hat nach Angaben einer Sprecherin bereits schwer erkrankte Patienten an andere Krankenhäuser überstellt.

Unterdessen werden die Blutreserven des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) in Sachsen-Anhalt wegen EHEC knapp. Ursache sei die intensive Behandlung mit Blutplasma für Erkrankte mit dem Darmkeim, sagte ein DRK-Sprecher am Sonntag in Halle. "Unsere Reserven für solche Extremfälle sind nicht ausreichend."

Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner riet den Deutschen, auf rohe Gurken, Blattsalate und ungekochte Tomaten vorerst zu verzichten. "Solange es den Experten in Deutschland und Spanien nicht gelungen ist, die Quelle des Erregers zweifelsfrei zu benennen, haben die allgemeinen Warnhinweise für Gemüse weiterhin Bestand", sagte Verbraucherschutzministerin Aigner der "Bild am Sonntag". Der Schutz der Verbraucher habe immer Vorrang vor wirtschaftlichen Interessen, sagte die CSU-Politikerin mit Blick auf Klagen landwirtschaftlicher Verbände über Umsatzeinbußen.

Es handelt sich nach Angaben des Europäischen Zentrums für Krankheitskontrolle und Prävention in Stockholm (ECDC) nicht nur um einen der größten Ausbrüche der Krankheit weltweit, sondern auch um den größten jemals in Deutschland. In einem Gutachten heißt es, dass "die Quelle der Infektionen noch aktiv ist", da die Zahl der Erkrankten weiter steige. Überdies seien die Vorfälle außergewöhnlich, da hauptsächlich Erwachsene an HUS erkrankten. "Gewöhnlich wird HUS bei Kindern unter fünf Jahren festgestellt. Dieses Mal sind 87 Prozent der Betroffenen Erwachsene und hauptsächlich Frauen (68 Prozent)." Anders als bei vielen anderen Krankheitserregern reichen wenige EHEC-Keime für eine Infektion.

"So etwas gab es bisher noch nie", sagte der Leiter des Instituts für Hygiene an der Universitätsklinik Münster, Helge Karch. Der EHEC-Erreger vom Stamm Husec 41 sei sehr aggressiv. Sicher sei, dass das Bakterium den Ausbruch der Durchfallerkrankungen verursacht habe und dass die Bakterien resistenter gegen Antibiotika geworden seien, sagte der Professor der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung". Warum hauptsächlich Frauen betroffen seien und wie lange die Krankheitswelle noch andauern werde, könne allerdings auch er nicht sagen.

Viele Bundesbürger sind offensichtlich verunsichert, wie sie auf den EHEC-Ausbruch reagieren sollen. 58 Prozent verzichten laut einer Umfrage im Auftrag von "Bild am Sonntag" auf rohe Tomaten, Gurken und Salat. Eine andere Umfrage im Auftrag des "Kölner Stadt-Anzeigers" kommt hingegen zu dem Ergebnis, 58 Prozent hätten nichts an ihrer Ernährung umgestellt. Die meisten meinen, sie kämen mit dem Erreger nicht in Berührung.

An diesem Montag ist am Sitz des RKI erst mal ein Spitzentreffen mit Aigner, Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP), Ländern und Behörden angesetzt. Doch von einem Krisentreffen wollen die Behörden nichts wissen. Nein, heißt es in der Bundesregierung. "Die beiden Minister lassen sich informieren."