Flugzeugabsturz

Die schmerzhafte Suche nach der Schuld

"Die letzten Tage waren schwer zu ertragen", sagt Jean-Baptiste Audousset. Der 31-jährige Ingenieur ist Sprecher der Vereinigung der Hinterbliebenen der Opfer des Air-France-Fluges Rio-Paris. Beim Absturz des Air-France-Fluges AF 447 am 1. Juni vor zwei Jahren verlor er seinen Lebensgefährten. Beinahe täglich sickerten in den vergangenen Wochen Flugschreiber-Details durch.

Am Freitag entschloss sich die Luftfahrt-Untersuchungsbehörde BEA (Bureau des Enquètes et d'Analyses), früher als geplant das Protokoll des Voicerekorders zu veröffentlichen.

Der Direktor der Behörde, Jean-Paul Troadec, und der Leiter der Untersuchung, Alain Bouillard, empfingen am Freitag fünf Vertreter der Hinterbliebenen. "Die tröpfelnden Informationen der letzten Wochen haben uns sehr verunsichert", sagt Audousset. "Nun sind wir über den Ablauf der Ereignisse informiert worden. Aber erst ein Prozess wird die Verantwortlichkeiten ermitteln können." Um die Fristen für eine Klage vor einem Zivilgericht zu wahren, haben brasilianische und französische Anwälte vor einigen Tagen vor einem Gericht in Toulouse eine einstweilige Verfügung gegen Air France und den Flugzeughersteller Airbus erwirkt. Die Kläger werfen den Unternehmen Fahrlässigkeit bei der Konzeption des A330 sowie bei der Ausbildung der Piloten vor. Die am Freitag veröffentlichten Tonbänder scheinen den Verdacht zu bestätigen, dass die Geschwindigkeitssonden des Airbus infolge von Vereisung ausfielen und dadurch die Kettenreaktion dramatischer Ereignisse auslösten, die zum Absturz von AF 447 über dem Atlantik führten. Die Maschine stürzte mit 228 Personen an Bord innerhalb von dreieinhalb Minuten aus einer Höhe von 38 000 Fuß ins Meer. Das Tonprotokoll der Ereignisse, das die BEA jetzt veröffentlichte, ohne es zu kommentieren, deutet nach Einschätzung von Experten darauf hin, dass die das Flugzeug steuernden Piloten inmitten verwirrender Messergebnisse den Überblick verloren und durch Fehlreaktionen den Absturz der Maschine herbeiführten.

Der Kommandant der Maschine hatte um zwei Uhr, wenige Minuten vor Beginn der Turbulenzen, das Cockpit verlassen und wollte sich zur Ruhe legen. Kurz darauf, um 2.06 Uhr sechs, wies einer der Copiloten das Kabinenpersonal darauf hin, dass man sich einem Gebiet mit Turbulenzen nähere. Um 2.08 Uhr acht empfahl einer der Copiloten, sich etwas weiter links zu halten, um den Turbulenzen zu entgehen. Zwei Minuten später schaltete sich der Autopilot ab, vermutlich, weil die Geschwindigkeitssonden an der Außenwand des Flugzeugs, die vom französischen Hersteller Thales stammen, vereist waren. Die Piloten erhielten nun widersprüchliche Informationen über die Geschwindigkeit der Maschine. Die Messdaten zeigen einen drastischen Geschwindigkeitsverlust von 275 auf 60 Knoten an. "Wir haben also Geschwindigkeit verloren", sagt einer der Piloten. Mehrmals versucht der steuernde Pilot die Maschine wieder aufzurichten, zugleich ruft er nach dem Kommandanten. Die Maschine steigt zunächst von 35 000 auf 38 000 Fuß, bevor sie rapide an Höhe verliert. Der Kommandant erreicht das Cockpit um 2.11,40 Uhr Sekunden. Um 2.12 sagt der Copilot: "Ich habe überhaupt keine Anzeige mehr."

Senken, nicht steigen

Um 2.13 Uhr sagt er, offenbar zum Kommandanten: "Mach du, du hast das Steuer." Doch da ist es bereits zu spät. Um 2.14,28 Uhr enden die Aufzeichnungen. AF 447 zerschellt mit einer Geschwindigkeit von 198 Stundenkilometer auf dem Wasser. Verschiedene Experten äußerten sich bislang verwundert, dass der Copilot seine Entscheidung, die Maschine in den Steigflug zu bringen, aufrechterhalten habe. Stattdessen hätte er in dieser Lage "das Flugzeug senken müssen, das heißt, die Nase absenken, um es wieder gerade auszurichten und den Auftrieb zurückzugewinnen." Bei Airbus glaubt man, das Problem sei von der Mannschaft erkannt worden, danach sei das Flugzeug abgestürzt. Air France hingegen sieht seine Piloten entlastet. Die BEA will ihren Bericht Ende Juli vorlegen. Die Schuldfrage wird jedoch, wenn überhaupt, erst in einem anschließenden Prozess geklärt werden können.

"Ich habe überhaupt keine Anzeige mehr"

Pilot der Air France 447