Gesundheit

Jeder Zweite verzichtet auf Salat

Auch am Sonnabend forderte die Darmkrankheit EHEC weitere Todesopfer. Die Krankheit verbreitet sich weiterhin vor allem im Norden Deutschlands. Bisher sind zehn Menschen daran gestorben. Auch die Zahl der Krankheits- und Verdachtsfälle stieg inzwischen auf mehr als 1000. Nach offizieller Schätzung ist der Höhepunkt noch nicht erreicht.

Wo die Ursache liegt, ist weiterhin unklar. Doch die Verunsicherung der Bevölkerung ist dramatisch: Mehr als die Hälfte der Bundesbürger verzichtet aufgrund der Meldungen auf rohe Tomaten, Gurken und Salat. Betroffene Bauern, Gemüsehändler und Supermärkte beklagen Riesenschäden.

Wie das Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH) am Samstagabend mitteilte, starb auf seinem Campus in Lübeck eine 68-jährige Patientin. "Tragisch ist, das auch der Ehemann mit gesicherter EHEC-Infektion aufgenommen werden musste", sagte Sprecher Oliver Grieve. Im Hamburger Uniklinikum Eppendorf (UKE) starb in der Nacht zu Samstag eine 87-jährige Frau. Eine 38 Jahre alte Frau aus Schleswig-Holstein war bereits am Donnerstagabend in einem Kieler Krankenhaus gestorben. Bundesweit schweben mehrere Menschen in Lebensgefahr. In einem Krankenhaus in Schleswig-Holstein starb am Samstag eine 84 Jahre alte Frau an der schweren Komplikation HUS. HUS steht für hämolytisch-urämisches Syndrom.

Die Krankheit ist nicht neu

Das Robert-Koch-Institut sprach von einer "sehr ungewöhnlichen Häufung schwerer Verläufe in einem kurzen Zeitraum", auch die betroffenen Altersgruppen seien untypisch. Im Vergleich dazu waren im gesamten Jahr 2010 nur 65 Fälle mit dem EHEC-Erkrankungsmerkmal HUS registriert.

Deutschlandweit wurden mittlerweile mehr als 1000 bestätigte und EHEC-Verdachtsfälle registriert. Normalerweise gibt es im ganzen Jahr etwa 900 gemeldete Infektionen mit den Bakterien. Von den zehn Toten waren neun Opfer Frauen.

Allein in Niedersachsen wurden bis Samstag 141 bestätigte Erkrankungen, 48 EHEC-Verdachtsfälle und 42 HUS-Fälle registriert. "Wir müssen davon ausgehen, dass die Zahl der Schwererkrankten noch weiter steigt", sagte der Sprecher des Sozialministeriums. Wegen Überlastungen verlegen Hamburger Kliniken Erkrankte derzeit nach Niedersachsen. In Hamburg liegt die Zahl bei etwa 400 Patienten.

In Mecklenburg-Vorpommern haben sich weitere EHEC-Patienten in Behandlung begeben. Aus Nordrhein-Westfalen wurden am Samstag keine neuen EHEC-Fälle gemeldet, hier erkrankten 48 Menschen. Auch in Berlin scheint es keine neuen EHEC-Opfer zu geben.

Am Hamburger UKE setzen die Mediziner inzwischen auf eine neue Behandlung. Sechs EHEC-Infizierte mit Komplikationen bekämen einen speziellen Antikörper, sagte Professor Rolf Stahl am Samstag. Der Antikörper Eculizumab soll gegen das akute Nierenversagen bei HUS wirken. Ärzte und Wissenschaftler aus Heidelberg, Montreal und Paris stellten im Fachblatt "New England Journal of Medicine" die erfolgreiche Behandlung von drei Kleinkindern mit diesem Antikörper vor.

Spanische Behörden wiesen Informationen der EU-Kommission zurück, wonach zwei Agrarbetriebe in Südspanien wegen EHEC-Verdachts vorübergehend geschlossen worden seien. In den beiden Betrieben in den Provinzen Almería und Málaga seien lediglich abgeerntete Gurken vorsichtshalber sichergestellt worden, teilte das andalusische Gesundheitsministerium in Sevilla mit. Sie könnten womöglich mit den in Deutschland aufgetretenen EHEC-Infektionen in Verbindung stehen. Experten entnahmen Boden-, Wasser- und Produktproben.

Mehr als jeder zweite Bundesbürger verzichtet jetzt auf ungekochte Tomaten, rohe Gurken und Salat. 58 Prozent gaben in einer Umfrage im Auftrag der "Bild am Sonntag" an, auf diese Rohkost zu verzichten. 41 Prozent würden dagegen weiterhin rohes Gemüse essen. Das Institut Emnid hatte 500 Menschen ab 14 Jahren repräsentativ befragt.

Deutschlands Bauern klagen über starke Absatzeinbrüche. Der Vizechef des schleswig-holsteinischen Bauernverbands, Hans-Peter Witt, sieht "irrsinnige Schäden". Salat sei praktisch nicht zu verkaufen, sogar bei Erdbeeren sei der Verkauf mancherorts um 50 Prozent zurückgegangen. Dies sei für viele Bauern existenzgefährdend. Eine große Zahl von Bauern, die auf ihrem Gemüse sitzen bleiben, ist unterdessen dazu übergegangen, ihre Produkte in großem Stil zu vernichten. Viele schreddern das reife und verkaufsfertige Gemüse und werfen es als Düngemittel auf ihre Äcker. Wer für die Schäden aufkommen wird, ist noch ungeklärt.

Schweden hatte 25 nachgewiesene EHEC-Erkrankungen, Dänemark sieben, Großbritannien drei, Österreich zwei und die Niederlande eine.