European Song Contest

"Deutschland ist extrem beliebt bei uns"

Fototermin auf dem Dach des Universal-Gebäudes. Nigar Jamal und Eldar Gasimov spielen die Choreografie ihrer Bildroutine durch. Erst stehen beide mit dem Rücken zur Kamera und drehen nur den Kopf zum Fotografen, dann schmiegt sie sich an seine Brust mit aufforderndem Blick zum Betrachter, dann - Positionswechsel - legt sie den Kopf an seine Schulter, und er schaut ein bisschen frech.

Ell (22) und Nikki (31), das frisch geschaffene Popduo, wirken schon jetzt wie Profis, wenn sie auf die Presse treffen. Freundlich, fröhlich, perfekt inszeniert. Doch dann bläst der Berliner Wind einmal kräftig rüber von der Spree. Er greift sich Nikkis lange Locken, sodass das Paar ein paar Sekunden lang komplett im blonden Netz gefangen ist. Die Pose fällt ab. Und die beiden schütten sich ganz und gar unprofessionell, aber sehr, sehr glücklich aus vor Lachen. Später verlangt Nikki, das Foto zu sehen. "Sehr gut", sagt sie und lächelt, "ich sehe toll aus, du nicht. Schade."

Beim Vorentscheid hatte es geheißen, der Titel "Running Scared" hätte zwar große Top-Ten-Chancen, aber ein Sieg beim 56. Eurovision Song Contest in Düsseldorf sei nicht drin. Die Chemie zwischen den Sängern stimme nicht. Außerdem sei sie eine Frau und er noch ein Junge. Und tatsächlich wurde es knapp: Erst beim 39. Votum standen die Sieger fest: Ell & Nikki und ihr Gefühlspopfeuerwerk. Lena kniete in einer typischen Lena-Geste nieder und überreichte die kastige Trophäe. Nikki war so überwältigt, dass ihr sogar die Stimme wegbrach, als sie ein zweites Mal ihr Lied vortragen durfte.

Doch nicht alle sind so euphorisch wie die Aserbaidschaner. Wenige Tage nach dem Grand Prix brachte die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" (FAZ) einen Artikel mit der Überschrift "Sing nicht in Baku!". Das Land "ist eine Diktatur, in der Oppositionelle und kritische Journalisten gnadenlos verfolgt werden". Der Song Contest in Baku würde zu einer Propagandaveranstaltung des Regimes. Die Zeitschrift "Focus" beruft sich auf Insider der Moskauer Musikszene und fragt sich "Hat Aserbaidschan beim Grand Prix gemogelt?". Es ist von Millionenbeträgen die Rede, mit denen der Präsident Ilham Alijew das Image seines Landes aufpolieren wolle.

Wegen des Konflikts um Berg-Karabach hat Armenien seine Teilnahme am Liederwettbewerb bereits abgesagt.

Frei von politischer Einflussnahme?

Im Interview mit der FAZ versichert ein paar Tage später der Norweger Jon Ola Sand, Generalsekretär des Song Contest, der Wettbewerb bleibe frei von politischer Einflussnahme. Doch wie unpolitisch kann so ein Großereignis sein? Der Grand-Prix-Experte Jan Feddersen, Autor des Buchs "Ein Lied kann eine Brücke sein", findet, dass die Debatte über den Austragungsort bereits ein Fortschritt ist. "In den 60er-Jahren fand der Grand Prix völlig unhinterfragt in Franco-Spanien statt, jetzt redet man immerhin darüber, inwieweit man mit dem Wettbewerb eine Diktatur beeinflusst." Der ESC sei die erfolgreichste europäische Kulturproduktion - und das ohne Subventionen. Feddersen glaubt, dass sich in Baku nicht der "paramilitärische Auftritt" von Moskau 2009 wiederholen wird. "Dieser Wettbewerb zeigt, wie sich Europa in einer Show zu verständigen weiß", sagt Feddersen.

Während andernorts Diskussionen geführt werden, welches politische Potenzial ein Popkonzert haben kann, sind Nikki und Ell noch immer mitten im Freudentaumel. Beim Interview in Berlin, knapp zwei Wochen nach dem Triumph, kann man sich über fehlende Funken zwischen den beiden nicht beschweren. Die erste Nacht als Sieger in Baku haben sie gemeinsam durchgefeiert. "Das war ein unglaublicher Empfang zu Hause", sagt Ell. Als das Flugzeug um sechs Uhr morgens landete, waren Tausende Menschen am Flughafen, sie tanzten und sangen und feierten. Den ganzen Tag gab es im Fernsehen nichts anderes als Ell und Nikki. "Am nächsten Tag beim Mittagessen war Nikki so fertig, dass sie am Tisch eingeschlafen ist", sagt Ell und lacht. Dann klingelte ihr Handy, irgendwer gratulierte. Erst habe sie nicht verstanden, dann fiel es ihr wieder ein. Ach ja, wir haben gewonnen.

Dass weder Ell noch Nikki diesen Sieg so schnell wieder vergessen werden, dafür dürfte ihr Heimatland sorgen. Die Ausrichtung des Eurovision Song Contest 2012 ist zur Chefsache erklärt worden. Mechriban Alijewa, die Frau des Präsidenten, hat angekündigt, sich höchstpersönlich um die Organisation zu kümmern, und spricht von einem Wettbewerb auf "allerhöchstem Niveau". Dafür soll direkt am Kaspischen Meer ein neues Konzertgebäude entstehen. Die Finanzierung dürfte kein Problem sein: Aserbaidschan hat Öl und Gas und darum Geld. Das Land wird autoritär geführt, da dürften Baugenehmigung und Auftragsvergabe kurzfristig entschieden werden können.

Eine strahlende Nikki rief am 14. Mai in die Kamera: "Wir sehen uns in Baku!" Was ist das für ein Gefühl, über Nacht Botschafter seines Landes geworden zu sein? Ell und Nikki sitzen jetzt am Tisch in einem der zahlreichen Konferenzräume von Universal. Es ist Mittag, man sieht noch ein paar Spuren des vorangegangenen Interviews. Weitere werden folgen. Aber die Botschafterfrage ist neu, beide zögern etwas. Dann sagt Ell: "Na, ja, kulturelle Botschafter. Aber es ist definitiv eine sehr große Ehre." Schon in Düsseldorf wären sie bestürmt worden: Wo liegt denn eigentlich Aserbaidschan? Wie lebt ihr da? Der ESC als Geografiestunde. "Vielleicht sollten wir für die, die nach Baku kommen, einen kleinen Fragebogen entwickeln." - "Es ist toll", sagt Nikki, "wir sind sehr aufgeregt, dass nächstes Jahr so viele Menschen unser Land entdecken werden." - "Eine großartige Gelegenheit, um der Welt zu zeigen, wer wir sind", findet Ell. Was wollen sie zeigen? "Unsere Stadt", meint Nikki, "und unsere Küche. Lamm, zum Beispiel, das ist eine unserer Spezialitäten. Und Reis. Den macht niemand so wie wir." Wie denn? Nikki lacht. "Finde es selbst heraus."

"Nicht anders als andere Länder"

Und was soll ich trinken? "Wein", sagt Nikki. "Dafür sind wir sehr bekannt. Aber auch Wodka." Wenn Baku ein Lied wäre, was für ein Lied wäre es? Ell zögert keine Sekunde: "Running Scared". In Aserbaidschan herrschten Araber, Türken, Mongolen, Perser und schließlich Russen - jeder hat seine Spuren in dem Land hinterlassen. "Dieser Mix der Kulturen, das ist es, was uns ausmacht", sagt Ell. "Europa und Asien verbinden sich bei uns."

Nikki lebt mit ihrem Mann und ihren beiden Töchtern in London, Ell hat in Frankfurt am Main Schauspiel und Gesang studiert. Ist diese internationale Ausrichtung typisch für die jungen Aserbaidschaner? "Nein", sagt Ell, "ich glaube, das ist einfach typisch für diese Generation weltweit, wir sind da nicht anders als andere Länder."

Die Kaukasusrepublik hat enormen Erfolg bei dem Wettbewerb. Viermal haben sie teilgenommen, die ersten Male waren sie unter den Top Ten, beim vierten Mal haben sie sogar gewonnen. Was ist ihr Geheimnis? Ein paar Medien schrieben, der Präsident ließe sich den Erfolg wohl einiges kosten. Nicht allein die Gage für die Produzenten, die auch schon für Madonna gearbeitet haben. Aber davon will das Popduo nichts hören. "Beim ESC geht es nicht um Geld", sagt Nikki. "Die Zeit in Düsseldorf war wie ein Familienfest. Ich will 2012 in Baku singen, um noch einmal Teil dieser Familie zu sein." Aber Politik kann schon eine Rolle spielen? "Ja, manchmal schon", sagt Ell.

"Der ESC ist für Aserbaidschan der wichtigste Wettkampf überhaupt", erklärt Nikki. Es ist das Fernsehereignis des Jahres. "Wir lieben Musik", sagt Ell. "Das ist größer als Olympia, viel wichtiger als Fußball. Ein riesiges Familienereignis."

Apropos Fußball. Berti Vogts ist Nationaltrainer des Landes, Richard Sorge, deutscher Kommunist und Journalist und in Baku geboren, sind ein Denkmal und ein Park gewidmet, und jetzt gewinnt das Land den Grand Prix in Düsseldorf. Gibt es da noch was zu entdecken zwischen Deutschland und Aserbaidschan? "Deutschland ist gerade extrem beliebt bei uns, das Aufregendste, was unserem Land je passiert ist, ist bei euch geschehen!"