Naturkatastrophe

Von 232 Menschen fehlt jede Spur

Wo ist Skyular Logsdon? Ein Baby, 16 Monate alt, braunes Haar, aus Joplin in Missouri. Der Junge wurde seiner Mutter entrissen, als das Elternhaus von der einen auf die andere Sekunde verschwand. Weggefegt vom Tornado.

Die Mutter flog durch die Gegend, der Vater wurde gegen Mauerreste und Eisenteile geschleudert, die Großeltern landeten in 30 Meter Entfernung auf einem Rasenstück. Das war am Dienstag, als der Wirbelsturm mit der Gewalt einer Nuklearbombe den Ort Joplin zertrümmerte. Skyular, geboren am 19. Januar 2010, blieb verschwunden.

Wo ist Will Norton? Ein junger Mann, 18 Jahre alt, eher noch ein Junge als ein Mann. Gerade hatte Will in Joplin sein Highschool-Diplom ausgehändigt bekommen. Er saß am Steuer des Hummer H3, neben ihm sein Vater Mark, und beeilte sich wegen der Tornadowarnungen, nach Hause zu kommen. Der Vater rief zu Hause an, Wills Schwester Sara nahm den Hörer ab, als der Sturm das schwere Auto erwischte und wie Plastikspielzeug durch die Luft schleuderte. "Mein Vater sagte noch: 'Zieh rüber, zieh rüber!'", erzählt Sara später. "Ich hörte, wie der Tornado sie herumwirbelte."

Der Hummer wurde nicht weit vom Haus der Familie gefunden. Mark musste aus dem Wrack geschnitten werden. Er liegt mit Knochenbrüchen im Krankenhaus. Sein Sohn wurde aus dem Sonnendach des Autos regelrecht herausgesogen. Seitdem ist Will Norton, der für wenige Stunden stolze Highschool-Absolvent, verschwunden. Seine Familie sucht ihn so verzweifelt, wie die Angehörigen von Skyular nach ihrem Kleinen suchen. In Krankenhäusern, in Notunterkünften. Und immer wieder die Erleichterung, wenn sie in einer der Leichenhallen nicht fündig wurden. Für Will gibt es eine eigens eingerichtete Facebook-Seite: "Help Find Will Norton!" Er ist einer von rund 232 Menschen, die vermisst werden.

In Joplin starben mindestens 125 Menschen. 900 wurden verletzt, zum Teil schwer. Und der Ort, der knapp unter 50 000 Einwohner zählte, existiert praktisch nicht mehr. Seit über einem halben Jahrhundert hat es keine so tödliche Tornadoserie in den USA gegeben. Der zerstörerische Twister, der eine Geschwindigkeit von 320 Stundenkilometer erreichte, wurde als EF-5-Tornado klassifiziert, ausgehend von Kriterien, die 1971 der Wissenschaftler Ted Fujita aufstellte. Seine Skala reicht bis zu EF-11-Tornados; EF bedeutet Enhanced (erweitert) Fujita.

Immer weitere Tornados ballen sich in der Großregion. Ihr genauer Weg lässt sich nie voraussagen. Auch über das nördliche Texas fegte der Tornado hinweg. In Oklahoma, Kansas und Arkansas haben seit Beginn der Tornadoserie mindestens 15 Menschen ihr Leben verloren. Neben der zerstörerischen Kraft der Stürme sorgen zusätzlich Hagelkörner von Golfballgröße und Regengüsse für immer weitere Verwüstungen. Massive Schäden werden auch aus Minnesota gemeldet.

Krankenwagen, Räumfahrzeuge und Suchtrupps mit Leichenhunden sind insbesondere in Joplin im Einsatz.

Am Sonntag kommt Barack Obama nach Missouri. Er wolle, "dass jeder in Joplin, jeder in Missouri, jeder in Minnesota, jeder im Mittleren Westen weiß, dass wir für euch da sind", sagte er. "Das amerikanische Volk ist an eurer Seite. Wir werden dort bleiben, bis jedes Haus repariert, jedes Wohnviertel wieder aufgebaut, jeder Betrieb wieder auf die Beine gekommen ist." Auf mehr als neun Milliarden Dollar werden die Schäden in ersten Schätzungen taxiert.

Vom Schreibtisch gerettet

Die Leben, die der Sturm kostete, kann kein Geld ersetzen. Michelle und Michael Hare in Joplin suchen nach ihrem Sohn Lantz. Der 16-Jährige war mit seinem Freund Jonathan Taylor im Auto unterwegs, als sie in das Unwetter gerieten. Lantz lenkte auf einen Parkplatz. Der Tornado zerschmetterte die Windschutzscheibe. Jonathan flüchtete blitzschnell auf den Rücksitz.

In diesem Moment wurde auch die Heckscheibe eingedrückt. Daran kann sich Jonathan noch erinnern. Er wird in einem Krankenhaus behandelt. Was aus Lantz wurde, weiß er nicht. Sprang der Freund aus dem Fahrzeug, um sich in einem Gebäude in Sicherheit zu bringen? Riss ihn der Twister aus dem Auto heraus? Inzwischen wurde ein Leichnam gefunden. Die Beschreibung, sagt Mutter Michelle, passt auf Lantz.

Der EF-5-Tornado über Joplin war so gewaltig, dass er Betonmauern ebenso zertrümmerte wie Holzwände. Tyler Hall musste diese Erfahrung machen. Am Ende rettete ihn ein Schreibtisch. Der 19-jährige Angestellte des Heimwerkermarkts Home Depot hatte sich mit vier Kollegen in einen hinteren Raum geflüchtet, als der Sturm lostobte. Plötzlich fühlte er "einen enormen Druck auf meinen Rücken" - der Tornado hatte die Betonwand eingedrückt. Mit seinen Kollegen stemmte sich Tyler zunächst gegen die Wand, um sie zu stabilisieren. Dann rutschten alle fünf unter den nächsten Schreibtisch, der einen Moment später von Trümmern begraben wurde. Er hielt stand. Ein kleines Wunder an einem Tag, an dem der Tod unbarmherzig zuschlug. Rettungstrupps holten die Angestellten mit nur leichten Verletzungen heraus.

Wir werden dort bleiben, bis jedes Haus repariert ist

Barack Obama, Präsident der USA