Oprah Winfrey

Die Meisterin des Tabubruchs tritt ab

Könnten sich die Redaktionen der täglichen Talkshows den idealen Gast zurechtbasteln, sähe er vielleicht so aus: Frau, schwarz, geboren als uneheliches Kind einer alleinerziehenden Mutter im Teenager-Alter. Bei der prügelnden Großmutter aufgewachsen. So arm, dass umgenähte Kartoffelsäcke als Kleider dienen müssen.

Mit neun Jahren sexuell missbraucht. Später drogenabhängig und esssüchtig. Eine Schwester zur Adoption freigegeben, eine Halbschwester stirbt an Kokain-Missbrauch, ein Halbbruder an Aids. Mit 13 Jahren von zu Hause ausgerissen. Mit 14 geschwängert, mit 15 ein Baby zur Welt gebracht, das stirbt. Und dann wird der amerikanische Traum wahr: von der Gosse in die Wohnzimmer der Nation. Vom Habenichts zur Milliardärin.

Oprah Winfrey hatte nie einen derartigen Gast im Studio. Es ist ihr eigenes Schicksal, die Vita der Großmeisterin des Nachmittagstalks. Das habe ihr Einfühlungsvermögen in die dramatischen Geschichten ihrer Studiogäste erhöht, lässt die 57-Jährige wissen. In dieser Woche geht ihre beispiellose Karriere zu Ende.

Zu sehen in 144 Ländern weltweit

Am Mittwoch wird die letzte von mehr als 5000 Folgen der "Oprah Winfrey Show" gesendet. Vor ein paar Tagen gaben sich die größten Stars noch einmal ein Stelldichein bei ihr: Tom Hanks, Will Smith, Madonna, Beyoncé, Halle Berry, Stevie Wonder, Katie Holmes und Tom Cruise. "Du bist nur von Liebe umgeben", rief Tom Hanks in Chicago bei der Aufzeichnung der vorletzten Sendung.

Gestartet am 8. September 1986, wurde "OWS" in allen 50 Bundesstaaten der USA und zuletzt in 144 Ländern der Welt ausgestrahlt. Kein Tagesformat lief je so lang. Keine Show kam auf vergleichbare Reichweiten: Jede Woche schauen rund 40 Millionen Amerikaner zu.

Das gilt sogar bei Begegnungen des Superstars mit den Stars: 1993 fragte Oprah Michael Jackson, ob er noch Jungfrau sei. 2005 ließ sie einen in Katie Holmes verliebten Tom Cruise infantil auf ihrer Couch herumspringen.

Und dann gibt es diese Sendungen: Auf dem Sofa saß Truddi Chase, eine Frau mit multipler Persönlichkeitsstörung. Die 52-Jährige führte ihre psychische Erkrankung auf sexuellen Missbrauch in ihrer Kindheit zurück. Winfrey las die Einleitung zum Interview vom Teleprompter ab - und brach plötzlich in Tränen aus. Scheinbar fassungslos, bat sie die Regie, die Sendung zu stoppen. Doch die Kameras liefen weiter. Durch die Sendung mit Truddi Chase im Jahr 1990 habe sie "zum ersten Mal die Punkte verbunden" und sich an ihr eigenes Schicksal als kindliches Missbrauchsopfer erinnert, behauptete Winfrey später.

Echte Betroffenheit oder clevere Inszenierung? Schon im Dezember 1985 hatte Winfrey drei Frauen in ihre damalige "Morning Show" in Chicago geholt, die von ihren Vergewaltigungen im Kindesalter erzählten. Auch in dieser Sendung begann die Gastgeberin jäh zu weinen, bedeckte ihr Gesicht und winkte mit der anderen Hand zum Regieraum, die Übertragung zu stoppen. Die Sendung ging weiter mit Winfreys Bekenntnis, ihr sei als Neunjährige dasselbe passiert - zuerst habe sie ein Cousin vergewaltigt, später ihr Lieblingsonkel. Die Familie dementierte diese Behauptung vehement. Andere Verwandte glauben ihr.

Weil sich ihre Familie wegen der Armut in ihrer Kindheit weder Hund noch Katze leisten konnte, habe sie zwei Küchenschaben eingefangen und "Melinda" und "Sandy" zu ihren Haustieren gemacht. Ihre Schwester Patricia Lloyd widerspricht. Ja, man sei arm gewesen. Aber Oprah habe nie mit Küchenschaben gespielt, sondern immer einen Hund besessen, auch eine weiße Katze, einen Aal und einen Sittich namens Bo-Peep.

Übertreibung? Lügen? In jedem Fall versteht Winfrey sich auf quotensicheres Entertainment. Mal holte sie Nudisten vor die Kamera, dann Pornodarstellerinnen oder Ku-Klux-Klan-Mitglieder mit weißen Mänteln und Kapuzenmasken. Sie äußerte sich in ihrer Show über die Vorzüge großer Penisse ("Bring a big one home to Mama!") und über die Gefahr, dass Studentinnen durch Zimmergenossinnen lesbisch werden.

Mit zunehmenden Tabubrüchen wuchsen Zuschauerzahlen und Werbeeinnahmen. Dabei entpuppte sich die Frau aus dem verschlafenen Kosciusko im Bundesstaat Mississippi als begnadete Geschäftsfrau. Ihr Name ist längst ein eigenes Markenzeichen. Jedes Jahr verdient die Kulturikone des schwarzen Amerika 200 Millionen Dollar, schätzt das Magazin "Forbes". Das Vermögen der ersten und einzigen schwarzen Milliardärin wird aktuell auf 2,4 Milliarden Dollar taxiert. Sie spendet an Schulen in Problemdistrikten oder Stiftungen. 2004 fand in einer Sendung jeder Gast im Publikum unter seinem Sitz einen Autoschlüssel und draußen auf dem Parkplatz das dazugehörige Fahrzeug als freundliches Geschenk.

Die Dauerkämpferin gegen Päderasten, die auch schon mal Kopfgelder auf gesuchte Sexualstraftäter aussetzt, sieht sich als Stimme des liberalen Amerika. Barack Obama saß zweimal auf ihrem Sofa. Bei der Aufzeichnung der letzten drei Folgen gab ihr Maria Shriver die Ehre. Als Noch-Gattin von Arnold Schwarzenegger ist die Nichte des ermordeten Präsidenten John F. Kennedy nach den Kindesenthüllungen dieser Tagen bei allen Medien begehrt. Doch Shriver ging nur zu Winfrey.

Revolution des Fernsehens

Seit einem Vierteljahrhundert revolutioniert Winfrey, die trotz einer langen "spirituellen Beziehung" mit dem Unternehmer Stedman Graham nie heiratete, die Gegenwartskultur der USA. Sie organisierte eine tägliche Parade der ganz Großen aus Film, Show und Sport in die Wohnzimmer ihrer Zuschauer. Und sie schickte Zeitgenossen mit erschütternden Schicksalen und krude Seelenexhibitionisten gleich mit. Winfrey institutionalisierte eine Schamlosigkeit, die zu Beginn ihrer Karriere unvorstellbar schien.

Ihre Zukunft gründet die geniale Medienunternehmerin auf das 2010 gegründete Oprah Winfrey Network. Die Frau, die Stimmungen im Land nachhaltiger verändert als die "New York Times" oder der Präsident, wird neue Projekte anschieben und weitere Quotenerfolge ansteuern. Die Position vor der Kamera wird sie aufgeben für einen Platz am Schreibtisch.

"Du bist nur von Liebe umgeben"

Tom Hanks, bei Oprah Winfreys Abschiedsshow