Medizin

Im Krankenhaus krank geworden

In zwei Kliniken in Hannover wütet seit fast einer Woche das Norovirus. Fast 70 Patienten des kommunalen Robert-Koch-Klinikums haben sich mit dem Erreger infiziert. Betroffen waren die Krankenhäuser von Gehrden und Springe im Umland von Hannover. Auch 31 Mitarbeiter erkrankten an dem Virus, der größte Teil davon in Gehrden. Zeitungen berichteten, dass der Klinikbetrieb in dieser Woche nahezu lahmgelegt war.

Das Norovirus kann vor allem für Kinder, alte oder geschwächte Menschen gefährlich werden. Daher ist es besonders bedrohlich, wenn der Erreger sich in Krankenhäusern verbreitet. In keinem der hannoverschen Kliniken kam es jedoch zu schwereren Komplikationen. Offenbar wurde das Virus durch einen Mitarbeiter der gemeinsamen Krankenhausküche eingeschleppt. Durch infizierte Speisen wurde es dann zu den Patienten getragen.

Auch wenn dieser Skandal einer der weniger dramatischen der letzten Jahre zu sein scheint, wird er für Diskussionen sorgen. Angesichts von geschätzt mehr als 600 000 Krankenhausinfektionen in Deutschland pro Jahr mit bis zu 40 000 Toten sprechen Experten von alarmierenden Zuständen in deutschen Kliniken.

Im August 2010 starben im Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin der Universitätsklinik Mainz drei Frühgeborene an einer verunreinigten Infusion. Die Klinik wurde später von jeder Schuld freigesprochen - die Infusionen wurden bereits verunreinigt geliefert - zuvor hatte jedoch der gesundheitspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Karl Lauterbach, schwere Vorwürfe gegen Krankenhäuser und die zuständigen Bundesländer erhoben: "Offenbar müssen erst Leichen auf der Straße liegen, bis einige Bundesländer aufwachen und ihrer Verantwortung gerecht werden."

Wenige Wochen zuvor hatte das Klinikum Bogenhausen bei München seine Operationssäle geschlossen, weil die Sterilisationsabteilung offenbar mangelhaft arbeitete - aufgrund von Sparmaßnahmen. Blut- und Knochenreste sollen nach der Reinigung noch an Scheren und Skalpellen geklebt haben. In Klinikum Fulda wurden Patienten offenbar mit nicht sterilisiertem OP-Besteck operiert.

Diese Klinik-Skandale, so unterschiedlich sie auch sein mögen, haben möglicherweise eine gemeinsame Ursache: Der wachsende Kostendruck in den Krankenhäusern führt zu weniger Fachpersonal im Reinigungsbereich und zu weniger Zeit für Hygienemaßnahmen, seien es solch einfache Dinge wie gründliches Händewaschen oder die Sterilisation von medizinischem Gerät.

Bessere Hygiene kostet mehr Geld

Doch die wachsende Zahl der Krankenhausinfektionen könnte nun eine Änderung des Infektionsschutzgesetzes zur Folge haben, das die Bundesländer dazu verpflichten soll, Hygieneverordnungen für Krankenhäuser zu erlassen - denn gesetzlichen Hygienevorschriften gibt es bislang nicht. Der Bedarf an einer einheitlichen Regelung scheint groß: Eine Studie zur Handhygiene in Intensivstationen in 13 europäischen Ländern deckte riesige Unterschiede auf: Während sich in manchen Krankenhäusern nur sieben Prozent der Beschäftigten ausreichend desinfizieren, sind es in anderen 88 Prozent. Krankenschwestern schneiden dabei am besten ab, während Ärzte deutlich hinterherhinken.

Der Gesetzentwurf zur besseren Vermeidung von Krankenhausinfektionen stieß bei Experten auf grundsätzliche Zustimmung. Denn die meisten Infektionen ließen sich vermeiden, wenn das Klinikpersonal einfachste Hygienemaßnahmen einhalten würde, wie man am Beispiel der Niederlande sehen kann. Dort ist der gefährlichste aller Krankenhauskeime, MRSA, etwa 15-mal weniger häufig nachweisbar als in Deutschland. Ähnliches gilt auch für andere Krankenhauskeime. Infizierte Patienten werden durch Routine-Tests schnell erkannt und isoliert. Resistenzen der Erreger gegen Antibiotika kommen seltener vor, da die Verordnung von Notfall-Antibiotika nur bestimmten Ärzten vorbehalten ist. Experten glauben, dass bessere Krankenhaushygiene zwar mehr Geld kosten werde - dieses Geld aber durch geringe Behandlungskosten wieder reinzuholen sei.

In Hannover hat sich die Lage in beiden Krankenhäusern inzwischen offenbar normalisiert. Die Hygiene- und Isolationsmaßnahmen scheinen zu greifen. "Das Schlimmste ist vorbei", sagte der Ärztliche Klinikdirektor Martin Memming.

Unterdessen wurde die Krankenhausküche Gehrden zwei Mal desinfiziert. Die Mitarbeiter der Küche wurden bis auf Weiteres freigestellt. Die Hygienevorschriften sehen es vor, dass die Stuhlproben jedes Mitarbeiters drei Mal negativ getestet werden müssen, ehe sie wieder arbeiten dürfen. Die Behörden rechnen damit, dass der Küchenbetrieb vom kommenden Dienstag an wieder aufgenommen werden wird.

"Wir hatten in den vergangenen Jahren immer wieder Fälle von Noro-Infektionen, vor allem in größeren Einrichtungen wie Altenheimen", sagte Nils Meyer, Sprecher der Region Hannover. Die Verbreitung des Virus sei in Großküchen eben nicht auszuschließen. "Das Besondere an diesem Fall ist die Größenordnung. Diese Häufung ist schon außergewöhnlich, aber durch den Umstand erklärbar, dass eine Küche zwei Krankenhäuser versorgt." Und dass möglicherweise einmal zu wenig die Hände gewaschen wurden.