Hamburg-Mannheimer

Die organisierte Orgie

Sie werden nur die "Strukis" genannt. Strukis, das sind die Strukturvertriebler bei der Versicherung. Die Strukis bei der Hamburg Mannheimer, die 1997 Gründungsmitglied der Ergo-Versicherung war, 2010 ihren eigenständigen Namen verlor und für die der seriöse "Herr Kaiser" bundesweit zur Symbolfigur für kompetente Kundenberatung wurde, bescheren dem Konzern jetzt ein handfestes Image-Problem.

Sie haben ordentlich über die Stränge geschlagen, als das Unternehmen für seine besten Mitarbeiter eine rauschende Sex-Party in Budapest organisiert hat. Am 5. Juni 2007 verwandelten 100 Vertreter die Gellert-Therme in ein Freiluftbordell.

"Am Eingang wurden ich und die anderen Teilnehmer durchsucht", erzählte einer der Gäste dem "Handelsblatt", das den Skandal publik gemacht hat. Dann "kamen die Damen und zeigten uns, was sie hatten. Allen Beteiligten war klar, dass es sich um Nutten handelte."

Alexander Becker ist Sprecher der Ergo mit Sitz in Düsseldorf. "Ja", sagt er der Berliner Morgenpost, "es ist richtig, dass es im Juni 2007 eine Incentive-Reise nach Budapest gegeben hat." Incentive-Reisen sind laut Wikipedia "eine andere Art der Motivation zur Steigerung des Arbeitseinsatzes". Becker sagt, "dass bei einer Abendveranstaltung im Rahmen dieser Reise etwa 20 Prostituierte anwesend waren". Weitere Details nennt er nicht.

Andere schon: "Die Damen trugen rote und gelbe Bändchen", berichtet ein Gast. "Die einen waren als Hostessen anwesend, die anderen würden sämtliche Wünsche erfüllen. Es gab auch Damen mit weißen Bändchen. Die waren aber reserviert für Vorstände und die allerbesten Vertriebler." Zwischen den Quellen war laut Augenzeugen eine Bühne aufgebaut, auf der sich zwei Damen und ein als Pascha auftretender Herr befriedigten.

Alexander Becker weiß nichts von öffentlichen Sex-Darbietungen, auch nichts von aufgestellten Himmelbetten, die dem "Handelsblatt" zufolge mit Tüchern verhängt waren. "Jeder konnte mit einer der Damen auf eines der Betten gehen und tun, was er wollte", sagt ein Teilnehmer. "Die Damen wurden nach jedem Treffen mit einem Stempel auf ihrem Unterarm abgestempelt. So wurde festgehalten, welche Dame wie oft frequentiert wurde."

HMI führte Eigenleben

Es ist eine sehr eigene Welt, die da zum Vorschein kommt. In dieser Welt geht es um den Aufstieg - und das um jeden Preis. Und es geht um die HMI, die Hamburg Mannheimer International, die laut Schilderung von Ergo-Mitarbeitern eine Art Eigenleben innerhalb des Konzerns geführt hat. "Das waren so eine Art Schmuddelkinder, die haben bei ihrer Arbeitsweise oft eine hohe Eigendynamik entwickelt, waren vom Konzern manchmal kaum zu kontrollieren, sorgten aber eben auch für große Umsätze", sagt ein Insider.

Während die Ergo-Mitarbeiter mit einem Grundgehalt von rund 1600 Euro anfangen und dann Provision bekommen, verdienen freiberufliche HMI-Vertriebler ausschließlich beim Abschluss von Verträgen. Klar, so der interne Kenner, "dass manche von denen dann auch einer 70-jährigen Oma noch eine Unfall- und eine Lebensversicherung aufschwatzen". Und überall verbrannte Erde hinterlassen. In Dänemark dürfe sich kein HMI-Vertreter mehr blicken lassen, nachdem den Dänen dort Versicherungen angedreht wurden, die wegen der unterschiedlichen Gesetzeslage gar keine Gültigkeit besaßen.

Das einzige Ziel vieler Strukis ist es, in der Hierarchie nach oben zu klettern. Und irgendwann General zu sein. Die sind mit sechs Sternen ausgezeichnet. Darunter scharren die Generalsanwärter mit fünf Sternen mit den Füßen. Mit einem Stern geht es los, in Stufe zwei hat man schon eine kleine Anzahl eigener Mitarbeiter. "Bei drei Sternen verdient man drei- bis viertausend Euro im Monat und hat bereits eine zweistellige Anzahl von Mitarbeitern", so der Insider. Natürlich gebe es auch unter den Freiberuflern sehr gute Leute, aber die Fluktuation sei sehr groß, manche "sind nach fünf Monaten wieder weg".

Schaffen Mitarbeiter den Sprung auf die nächste Stufe, gibt es kollektive Feiern, auf denen dann einzelne Vertriebler "mit Uhren belohnt werden, die den Wert eines Mittelklassewagens" haben. Die Botschaft an alle lautet: Seht her, es lohnt sich, die nächste Stufe zu erklimmen.

Ulf Redanz, der den Vorstand der Hamburg Mannheimer im März 2009 verlassen hat, sagte in einem Interview von September 2004: "Für mich ist eine der ganz herausragenden Qualitäten der HMI ihre Einzigartigkeit. Es gibt keinen vergleichbaren Vertrieb. Es ist die Schlagkraft, Power, Dynamik und Innovationskraft, die die HMI zur 'Kaiserin der Vertriebe' macht. Ich kenne keine Vertriebsorganisation, die eine solche pulsierende Kraft in sich trägt."

"Etwas überspitzt kann man vielleicht sogar von sektenähnlichen Strukturen sprechen", sagt dazu der Insider. Da wäre es gar nicht möglich gewesen, an solchen Incentive-Reisen nicht teilzunehmen. "Dann wäre man bei den Generälen in Ungnade gefallen. Wer nicht mitzieht, wird aussortiert."

Alexander Becker bedauert den Vorfall, der "einen gravierenden Verstoß gegen geltende Richtlinien des Unternehmens" darstelle und nicht toleriert werde. "Die verantwortliche Führungskraft und das verantwortliche Vorstandsmitglied sind für uns nicht mehr tätig", sagt er und schließt aus, dass sich die Vorfälle wiederholen könnten. "Incentive-Reisen für Mitarbeiter wird es weiterhin geben - Reisen mit solchen Programmpunkten wie in Budapest allerdings nie mehr."

Teilnehmer der Budapest-Reise berichteten hingegen, dass viele der damaligen Repräsentanten und Führungskräfte noch heute für das Unternehmen tätig seien.