Eurovision Song Contest 2011

Die ARD muss weitermachen - mit Raab

Am Ende stand Ell aus Aserbeidschan auf der riesigen Bühne und konnte die Tränen kaum noch zurückhalten. Das Licht war schon angegangen und verwandelte diese gigantische Kulisse wieder in ein schnödes Stadion, viele der 35 000 Besucher waren gegangen, und doch wollte Ell, eher ein kleiner, zarter Junge als ein Mann, nicht lassen von diesem Eurovision Song Contest 2011.

Das ist aber auch das Seltsame, das Traurige an diesen großen Siegen, dass man so lange auf sie hinarbeitet, doch der Moment des Triumphes, der ist nur kurz, man kann ihn nicht festhalten, so sehr man es auch versucht. Deshalb mischte sich wohl auch ein bisschen Wehmut in die überbordende Freude. Ell hielt sich fest an seinem gläsernen Mikrofon, der Trophäe des ESC. Seine Partnerin Nikki musste ihn schließlich von der Bühne lotsen und eine überschaubare, aber vollkommen außer sich geratene Schar aserbaidschanischer Fans. "Thank you", stammelte er nur, "I love you all so much", und dankte seinem Großvater, der nun sicherlich aus dem Himmel voller Stolz auf ihn herabschaue.

Aserbeidschan also hat den Eurovision Song Contest 2011 in Deutschland gewonnen, ein 21-jährigen Klavierstudent und Nikki, eine 30 Jahre alte Mutter zweier Töchter. Ihr Lied "Running Scared" hatte Jurys und Zuschauer in ganz Europa überzeugt, eine poppige Ballade, leicht schmalzig, eingängig, ein Lied, das um die Mittagszeit auf jedem Radiosender zwischen den Staumeldungen laufen könnte. "Ich bin der glücklichste Mann der Welt", sagte Ell nach dem Sieg.

Ein Titel, den man am Anfang der großartigen Show noch getrost dem Deutschen Stefan Raab zuerkennen konnte: Raab hatte wohl den Moment seines Lebens, als er im Intro "Satellite", den Siegertitel des vergangenen Jahres, spielte, zunächst nur auf der Gitarre, unterstützt von seinen Ko-Moderatorinnen Anke Engelke und Judith Rakers, nachher schließlich mit großer Big Band, 42 fähnchenschwingenden Lena-Doubles und dem Original, das seinen Macher und Mentor umkreiste. 120 Millionen Zuschauer vor dem Fernseher - das musste selbst dem Ego des erfolgreichsten Fernsehmachers im Land reichen, das fand wohl selbst Raab angemessen.

Verdiente Lorbeeren für Raab

Allerdings hatte er es auch verdient, war er es doch, der den ESC in Deutschland zu einem nationalen Großereignis machte. Vor Raab war der Sängerwettstreit, die Europameisterschaft im Singen, wie Raab immer sagte, am Ende. Vor Lena gab es die Band Alex Swings Oscar Sings, die mit dem Titel "Miss Kiss Kiss Bang" Deutschland beinahe unter Ausschluss der Öffentlichkeit vertraten. Die Nummer war selbst in Deutschland nur auf Platz 20 der Charts. In diesem Jahr feierte das ganze Land, 14 Millionen Menschen sahen am Bildschirm zu, ungezählt die Millionen, die sich auf ESC-Partys trafen.

Man täte aufseiten der ARD gut daran, auch im nächsten Jahr mit Raab zusammenzuarbeiten, um nicht aus falschem Stolz kaputt zu machen, was der Fernsehmacher mit ARD-Unterhaltungschef Thomas Schreiber aufgebaut hat. Gestern wollte man sich noch nicht festlegen. Man ziert sich noch ein bisschen bei den Öffentlich-Rechtlichen. Jörg Grabosch, geschäftsführender Gesellschafter von Raabs Produktionsfirma Brainpool, bezeichnete die bisherige Kooperation als erfolgreiches Modell. "Da liegt es eigentlich auf der Hand, das fortzusetzen", sagte er. Allerdings müssten sich in einem ersten Schritt die beteiligten Sender einigen. "Wir wären sicher dabei", sagte Grabosch auch in Raabs Namen. Thomas Schreiber äußerte sich verhaltener und verwies auf anstehende Gespräche. Danach bräuchten alle Beteiligten auch eine gewisse Zeit zum Nachdenken. Es gebe "schon Ideen im Kopf, aber die müssen erst einmal reifen." Als Arbeitstitel für eine Show nannte Schreiber in Anlehnung an die Auswahlsendungen vor einem Jahr, aus denen Lena als Siegerin hervorgegangen war, "Unser Song für Baku". Natürlich geht es um Geld, eigentlich kann die ARD gar nicht anders, als mit Raab weiterzumachen.

Lena Meyer-Landrut wird hingegen wohl nichts mehr mit dem ESC zu tun haben. Die Deutsche schlug sich wacker mit einem sehr guten Auftritt, doch schnell war klar, dass sie nichts mit dem Sieg zu tun haben wird, was für die 19-Jährige wohl eher eine Erleichterung war. Am Ende belegte sie Platz zehn, der Stimmung in Düsseldorf tat das keinen Abbruch, auf den Straßen der Stadt wurde bis in den Morgen noch international gefeiert, auch auf der offiziellen After-Show-Party ging es bis in den frühen Morgen vor allem mit Beteiligung der Delegationen aus Skandinavien, Lena ließ sich nicht mehr sehen, böse war ihr niemand.

Entspannt waren die zwei Wochen in Düsseldorf, Deutschland ein guter Gastgeber, was man aber auch nicht anders erwartet hatte. Lediglich die Sicherheitsvorkehrungen waren ein ständiges Ärgernis, manche hätten sich mehr Flexibilität gewünscht. Was bleibt von diesem ESC, der wohl der am stärksten besetzte der vergangenen zehn Jahre war, ist die Erkenntnis, dass Europa in schwierigen Zeiten besonders gut feiern kann, Anke Engelke immer noch großartig moderiert und Baku die Hauptstadt Aserbeidschans ist.