Renate Günthert

Bayerns Antwort auf Chanel

Anfang September 1985 eröffnet die Unternehmerin Susanne Otto die erste Rena-Lange-Boutique in Hamburg. Ein den Hanseatinnen bis dahin unbekanntes Label. Binnen sechs Wochen war die Kollektion ausverkauft. Der Siegeszug der bayerischen Marke Lange (wie die Marke damals noch hieß) hatte die norddeutsche Gesellschaft erfasst.

Renate Güntherts Mode war nie zu viel von sportlicher Eleganz, soll heißen im hervorragend geschneiderten Kostüm war genug Freiheit, dass man sich ungezwungen bewegen konnte. Und, fast noch wichtiger, nach langem Sitzen picobello aufstand. Die Kollektionen waren vielfältig, der rote Faden gleichwohl stets erkennbar. Immer gab es die geraden, schlanken Kaschmir- oder Baumwolljacken mit Goldknöpfen, die ins Büro so gut passten wie über die weiße Hose am Starnberger See oder auf Sylt. Immer tauchten kleine weiße Kragen auf, praktisch zum Abknöpfen, immer eine Uniformjacke und ein Jackie-Kennedy-Kleid mit passendem Mantel, der nur mit einem Knopf oben am Kragen geschlossen wurde und perfekt fiel. Vor allen anderen zog Renate Günthert schmale Satinbändchen durch Strickjacken, um sie Opernabend-tauglich zu machen. Ich besitze noch immer einen Damen-Smoking, klassisch-streng geschnitten, aber eben mit roséfarbenen Satinrevers und hellblauen Satinmanschetten an den Ärmeln. Stil mit Augenzwinkern.

Mode war ihr Leben. Sie selbst war ihr bestes Model. Verlässlich sollten ihre Entwürfe sein, sie nannte es "Airbag-Gefühl". Reinschlüpfen und los. Die stets sehr schlanke, dauerrauchende Designerin war tatsächlich so etwas wie die deutsche Antwort auf Chanel. Wer dort nicht fündig wurde, ging zu Lange. Und umgekehrt.

Sie war eine Persönlichkeit von gewinnender Präsenz, einer temperamentvollen Eile, in der sie über ihr Leben, über Kollektionen, Freuden und selbst über Müdigkeit reden konnte. Dabei erschien sie nicht fahrig - nur eben konditioniert, ständig etwas zu tun.

Manchmal, da spürte sie natürlich "den Stiefel im Kreuz", doch Disziplin prägte schon die Kindheit. Die war nur kurze Zeit heiter, solange sie in einem schönen Haus in Berlin lebte, von dem nur ein Bombenkrater geblieben ist. Dort durfte sie den Vater, Wilhelm Frick, Hitlers Innenminister, der in Nürnberg zum Tode verurteilt wurde, noch unbedarft lieben.

Die geschmähte Familie zog nach Starnberg. "Was soll das Kind Abitur machen? Geld ist eh keines mehr da", sagte die Mutter streng. Das Kind, das früh begabt zeichnen und malen konnte, hatte geträumt, Kunsthistorikerin zu werden. Stattdessen wurde es Lehrling im Konfektionsbetrieb des Onkels. Eine Pariser Modefirma gab den letzten Schliff. Zurück in München, arbeitete sie als Direktrice. War tags fleißig und nachts kein Kind von Traurigkeit. "Ich bin Jungfrau und Sonntagskind, da geht man dem Glück entgegen", erzählte sie einmal. Auf dem Weg Richtung Glück traf sie Peter Günthert. Der hatte 1953 das Wäschegeschäft seiner Tante Martha Lange übernommen und eine Couture-Adresse daraus gemacht. "Ich helfe dir gern ein bisschen", sagte die flotte Renate. Das "bisschen" sorgte für Millionen Umsätze. 1970 eröffneten sie das erste Geschäft im Ausland.

2001 hat Sohn Daniel Günthert die Leitung übernommen und die Marke auf eine jüngere, internationalere Zielgruppe zugeschnitten. Er ist als Volkswirt in die väterlichen Fußstapfen getreten, die der Mutter Platz ließen für ein ganzes Team. Seit 2008 repräsentiert ein spektakulärer Neubau an der Münchner Peripherie das Label.

Die Eltern freuten sich nach 58 Jahren Dauereinsatz auf die große Unbekannte: Zeit. Wollten nachholen, was der Terminkalender nie zugelassen hatte. Das Credo "viel geschafft - wenig gelebt" umdrehen: einfach nur gemeinsam genießen. Sie bauten sich ein besonders schönes Penthouse in München, doch es war noch nicht richtig warm gewohnt, da starb Peter Günthert 2007 plötzlich an Herzversagen, ausgerechnet im Urlaub auf den Malediven. Nach 45 Jahren Ehe. Seine Frau starb ein Stückchen mit. Der Weg zum Glück war abgeschnitten. Am Donnerstag fand die Haushälterin sie tot in der Bogenhausener Wohnung.