Lena Meyer-Landrut

Vom Winde verwirrt

Die "MS Rheinfantasie" will gleich ablegen, am Anleger stehen noch ein paar Fans und machen Fotos, es wird gewinkt, ein Mann im Trachtenjanker hat vorsichtshalber jeden, der das Schiff bestieg, um ein Autogramm gebeten und packt nun seine vollgeschmierte "Historie der Stadt Düsseldorf" sorgsam in die Tasche. Es kann losgehen, das "Event der Big Five", wie die Sause genannt wird.

Traditionell stellen Spanien, England, Frankreich und Deutschland ihren ESC-Beitrag zwischen den beiden Halbfinals noch einmal der Presse vor; Italien ist zum ersten Mal dabei. Es soll familiär zugehen, ganz im Geist des Eurovision Song Contest (ESC), bei dem ja weniger der Wettbewerbscharakter im Vordergrund steht als das Miteinander der Nationen, keine Rivalen, nur Freunde hier.

Deshalb auch: entspanntes Lachen bei Amaury Vasilli aus Frankreich, ein amüsiertes, aber leicht abwesend wirkendes Lächeln des Italieners Raphael Gualazzi, Spaniens Lucía Pérez kämpft sich mit ihren Stöckelschuhen die Gangway hinunter und die britischen Jungs von Blue scherzen miteinander, klatschen sich ab, sie haben es ja leichter als die anderen, sie haben ja sich. Und Lena? Lena sitzt auf dem Sonnendeck. Das heißt, so richtig weiß man das nicht, weil um sie herum eine Traube von Menschen steht: Ihre Backgroundsängerinnen, mit denen sie kichert, Quatsch macht, die ihr das Getränk halten, wenn ein Fan ein Foto machen will und Lena posieren soll, die Leute von Stefan Raabs Firma Brainpool und die vom NDR, von denen man nicht so genau weiß, was sie machen, außer zu telefonieren und den Boulevard-Heini von Pro 7 gering zu schätzen. Es ist ein ständiges Kommen und Gehen in Lenas Peripherie.

Da! Ein lautes "Sabiiine": Sabine Heinrichs, die Lenas Show mit Matthias Opdenhövel moderiert hat, kommt herbei, Lena eilt um ihr eigenes System herum und fällt Sabine in die Arme. "Ja, gut is, ne. Und selbst", fragt Lena und jetzt kann man auch einen Blick auf sie erhaschen, ganz, ganz dünn ist Lena, dünner noch als früher und blass. "Na denn!" Sabiiine wird verabschiedet, ein belgisches Kohleschiff hupt ganz laut, der Steuermann schreit "Leeeeenaaa, wir lieben dich" hinüber.

Der Italiener steht ein wenig in der Gegend rum und wird vom Düsseldorfer Lokalradio gebeten, seine Fans zu grüßen. Er sagt, wie toll das hier ist, und dann gibt er noch ein paar Antworten. Ob er denn Lenas Apfelkuchen probiert hätte, fragt ihn der Reporter, weil Lena zur ersten Pressekonferenz ein Blech mitgebracht hat. Gualazzi bekam keinen Kuchen. Und der Kartoffelsalat, den Lena zum Halbfinale gemacht hat? Da sei er nicht gewesen.

Stimmung kommt da wenig auf

Doch dann beginnt ja auch die Show, im Mitteldeck, wo sonst Disco-Fox getanzt wird, hat zunächst Lena ihren Auftritt, die ein wenig irritiert wirkt angesichts der Kameras, der Kollegen und Journalisten, die da vor ihr stehen und Kaffee nippen. Stimmung kommt da nicht wirklich auf, "Taken By A Stranger" hat hier schon jeder geschätzte 200 Mal gehört. "Ich kann den Auftritt der anderen Nationen gar nicht erwarten", sagt Lena am Ende, hakt sich bei ihren Sängerfreundinnen ein und verschwindet nach irgendwo.

Die anderen geben sich auch ein bisschen mehr Mühe. Gualazzi etwa, der das schönste Lied hat und zuvor noch etwas schläfrig wirkte, liefert eine große Nummer am E-Piano ab, die ausgiebig bejubelt wird, höfliches Klatschen beim Franzosen, dessen Tenor bei solch einer Veranstaltung vielleicht auch nichts zu suchen hat. Spanien immerhin schlägt sich achtbar: lustiges Lied und zwei irre Background-Sänger. England ist professionell. Nach dem Auftritt geht Duncan Ryan, einer der Sänger von Blue, auf Lena zu, läuft mitten durch das System und tuschelt. Lena ist erst freundlich, dann irritiert, sie weiß wohl nicht, was das Ganze soll, aber die beiden haben in diesem Moment die Aufmerksamkeit aller Kameras für sich, was den Blue-Sänger sichtlich freut. Das Barbecue wartet schon auf dem Sonnendeck, "und eine ganz besondere Überraschung", wie der Moderator sagt. Und so marschiert die Horde wieder nach oben zu Gegrilltem, zu Salat und Kaltgetränken. Italien geht rauchen. Lena unterbricht ein Abklatschspiel mit ihrer Backgroundsängerin und enteilt auch.

Die "Rheinfantasie" tuckert Richtung Neuss, vom Ufer winken Spaziergänger. Bei den Henkel-Werken dreht das Schiff und fährt wieder zurück. Dann wird das Eis gebracht. Es ist nicht die Überraschung. Stattdessen singen noch einmal alle Teilnehmer zusammen, einträchtig, kollegial. Es läuft der Monty-Python-Song "Always Look On The Bright Side Of Life". Dort heißt es: "You'll see it's all a show ... Just remember that the last laugh is on you." Alles Show. Immer brav lächeln und daran denken: Der letzte Lacher geht auf die eigene Kappe.

Und die "Big Five" summen mit.