Eurovision Song Contest

Die Leichtigkeit der Titelverteidigerin

Die nationale Aufgabe beginnt mit der Vergabe von Parkplätzen: Eigentlich sollten rund um die Düsseldorfer Arena genug davon vorhanden sein, eigentlich besteht das gesamte Umfeld aus riesigen Parkflächen.

Doch weil alles seine Ordnung hat bei dieser größten Unterhaltungsshow der Welt, gibt es eine Armee aus Anweisern. Sie blättern in Listen, sie zeigen den Weg zum Shuttle-Bus und machen das sehr aufgeräumt, freundlich, zur Not auch auf Englisch, so dass niemand sagen kann, er werde schlecht behandelt hier in Düsseldorf. Alles ist perfekt, "das ist noch besser organisiert als im vergangenen Jahr in Oslo, sehr stilvoll außerdem", sagt ein Mitglied der türkischen Delegation, schwärmt von den Eames-Sesseln in der Metro-Coffee-Lounge, der MAN-Luxusbusflotte, den geschätzt 1500 Laptops, die Hauptsponsor Vodafone aufgestellt hat, den schwarzen Oberklasse BMWs, die als Fuhrpark bereit stehen. "Es ist toll hier", sagt der Mann.

Lena nervt, schreiben die Zeitungen

Ausgerechnet in Düsseldorf? Ein Fleck, der bisher wahlweise als Schreibtisch des Ruhrgebietes gegolten hat, oder als perfekter Ort, an dem zu Geld gekommene Provinzler ihre Midlife-Crisis ausleben konnten. Doch natürlich hat Düsseldorf sich verändert. Man versucht es mit Fähnchen, mit Blumenbeeten in Herzform und einem wahren Heer von "Volunteers", auf deren roten T-Shirts "May I help you?" steht. Freundlichkeit gehört im Moment zum Düsseldorfer Generalplan und mag es hinter den Kulissen auch noch so brodeln - wegen fehlerhafter Broschüren, Kosten, die aus dem Ruder laufen, Marketingberatern, die entnervt das Handtuch schmeißen - bis zum 14. Mai bleibt das alles unter einer Decke aus guter Laune verborgen. Wenn Deutschland seinen Titel bei der Europameisterschaft im Singen verteidigen soll: Das heißt, sie muss das machen, Lena Meyer-Landrut, "Taken by a stranger", vormals unsere Lena. Zumindest in der so genannten Google-Prognose liegt Lena vorn. Bei dieser Rangliste werden die Suchanfragen aus allen 43 Teilnehmerländern analysiert. Die Rangliste sagte auch Lenas Vorjahressieg voraus. Und doch macht sich Unzufriedenheit breit mit dem Mädchen, das Deutschland nach 28 Jahren wieder einmal einen Sieg in diesem einigermaßen absurden Sängerwettstreit schenkte. Vielleicht gab es außer Franziska van Almsick niemanden, den die Deutschen so schnell so lieb gewonnen hatten. Klar, dass diese Stimmung auch schnell ins Gegenteil umschlagen könnte. Dabei hat sich nichts geändert. Lena ist immer noch die Süße, Freche, Kluge aus bürgerlichem Haus, eine Tochter, wie man sie sich wünschen würde, die anscheinend perfekte beste Freundin. Doch wird ihr Selbstbewusstsein nun gerne als Arroganz ausgelegt, ihre Unbekümmertheit scheint auf einmal ein Zeichen von Naivität zu sein. Lena nervt, schreiben die Zeitungen. Sie sagt, man müsse die Glotze ja nicht anmachen und niemand werde zwangsverpflichtet, auf ihre Konzerte zu gehen. Bei ihrer ersten Probe am Sonnabend gab es hingegen Beifall, besonders von den ausländischen Journalisten. Auch für sie ist Lena eine der Favoritinnen. "Natürlich ist sie anders als damals, aber sie hat einen guten Song, und viele mögen sie", sagt einer aus England. Bei den Deutschen hört man diese positiven Stimmen zurzeit selten. Stattdessen wird genörgelt. Lena biedert sich trotzdem nicht an, kommt nicht mit rührseligen Geschichten aus ihrem Privatleben um die Ecke, verbiegt sich nicht. Mit der Lena von heute ist es ein bisschen wie mit Düsseldorf: Sie hat alles richtig gemacht, aber recht machen kann sie es natürlich niemandem. Der Unterschied zu Düsseldorf ist: Sie versucht es erst gar nicht.

Selbst die, die Lena wohl gesonnen sind, teilen nahezu einhellig die Meinung, dass es ein Fehler war, sie noch einmal für Deutschland singen zu lassen. Wenn sie gewinnt, tritt sie nicht noch einmal an, sagt sie auf der Pressekonferenz nach den Proben. Und so schießt man sich auf den vermeintlichen Bösewicht ein, den Puppenspieler, der handstreichartig die ARD übernommen hat und sie mit der Titelverteidigung Lenas überrumpelte: Als Stefan Raab sich 1998 anschickte, eine ziemlich verschlafene Veranstaltung namens Grand Prix in Deutschland wiederzubeleben, war es ein revolutionärer Akt. Guildo Horn und die orthopädischen Strümpfe lautete der deutsche Beitrag. Man weiß heute nicht mehr, ob Raabs Engagement Satire war. Sicher ist: Heute macht Raab sich nicht mehr lustig darüber. Er ist eine ernste Sache, dieser ESC. Für Raab, für Lena, für den NDR und nicht zuletzt für Düsseldorf. Er tut dem ESC nicht gut, dieser Ernst, so viel kann man feststellen nach dieser ersten Woche hier.

Apfelkuchen auf der Pressekonferenz

Lenas erster Auftritt in Düsseldorf war Mitte dieser Woche: Sie lief durch die Altstadt, verteilte Blumen, plauderte, verbreitete gute Stimmung und ließ sich nichts anmerken von der Häme, die in den vergangenen Wochen über sie ausgeschüttet wurde, ob halb leerer Arenen während ihrer Konzertreihe etwa. Auf die Pressekonferenz, die die meisten Künstler nutzen, um ihren Song noch einmal zu präsentieren, kommt Lena mit Apfelkuchen und erzählt, dass sie sich ihre Klamotten mit Apfelsaft eingesifft hat. Sie kiekst und freut sich über Geschenke. Man kann das immer noch charmant finden, allerdings muss man das auch charmant finden wollen. Annerkennen sollte aber auch, der Lena albern und pubertär findet, dass es zu den schwierigsten Dingen im Unterhaltungsgeschäft gehört, Leichtigkeit zu erzeugen und Lena Meyer-Landrut das scheinbar mühelos kann. Immer noch.