Gerichtsprozess

Kachelmanns Seelenlandschaft

Als Claudia D. am Morgen des 25. Oktober 2010 im Wagen ihres Anwalts beim Mannheimer Landgericht eintraf, um Jörg Kachelmann den dritten Prozesstag in Folge der schweren Vergewaltigung zu bezichtigen, hielt sie sich demonstrativ ein Buch vors Gesicht: "Der Soziopath von nebenan".

Das Werk der US-Psychologin Martha Stout handelt von den "Skrupellosen, ihren Lügen, Taktiken und Tricks". Es hieß später, der Wälzer über die "oft unerkannte Persönlichkeitsstörung" von Menschen, die zwar den Charmeur gäben, in Wirklichkeit andere aber eiskalt benutzten, sei Claudia D. von ihrem Therapeuten empfohlen worden.

Kein Soziopath

Offenkundig wollte die Radiomoderatorin die Öffentlichkeit nun daran teilhaben lassen, welche psychischen Deformationen sie mithilfe der Lektüre an ihrem Ex-Geliebten festgestellt hatte: Der nette, zottelige Wettermann aus dem Fernsehen sei in Wahrheit ein brutaler Soziopath.

Die Diagnose wäre falsch gewesen, urteilte jetzt der Prozessgutachter Hartmut Pleines. Das Werk beschreibe zwar die Störung treffend, aber eben nicht den Angeklagten, sagte der Mediziner. "Es ist ein gutes Buch im falschen Verfahren." Vielmehr kam Pleines am 39. Prozesstag zum klaren Schluss: Kachelmann habe keinerlei größeren psychischen Erkrankungen. Der so Beurteilte hörte aufmerksam zu und schrieb sogar mehrere Seiten mit. Dabei notierte Kachelmann offenbar Pleines' Befund, er sei zwar ein "vielschichtiger Mensch mit widersprüchlichen Impulsen, Wünschen und Trieben", aber seelisch und geistig nicht gestört.

Selbst dass Kachelmann mit womöglich mehr als einem halben Dutzend Frauen parallel Beziehungen geführt habe, könne man zwar als "zweite Persönlichkeit" bezeichnen. Aber von einer "Pathologie", sprich, einer krankhaften Störung, sei ein solches Verhalten "weit entfernt". Darauf weise unter anderem hin, dass sich der 52-Jährige trotz seiner vielen Affären "nicht in der Sexualität verloren" habe, sondern beruflich erfolgreich blieb.

Für Psychiater wie Pleines ist es nichts Ungewöhnliches, wenn sich Menschen Parallelwelten aufbauen und munter von einer zur anderen wechseln. Der 48-jährige Sachverständige erinnerte an katholische Pfarrer mit Familien oder Polizisten mit Kontakten zum kriminellen Milieu. Solche Doppel- oder Mehrfachrollen spiegelten eine "innere Bedürfnisstruktur" wider, auch im Falle des Angeklagten. Das Ausleben sei zunächst sogar spannend und aufregend, später allerdings enorm kraftraubend und bei der Enttarnung auch schwer belastend. Alle Verhaltensweisen von Kachelmann nach der angeblichen Tat oder bei seiner Festnahme, die womöglich als seltsam wahrgenommen worden seien, könnten damit erklärt werden.

Pleines, ein renommierter Heidelberger Psychiater und Neurologe, sollte im Auftrag des Gerichts beurteilen, ob Kachelmann überhaupt schuldfähig ist. Sein Gutachten gibt keinerlei Einschätzung darüber ab, ob Kachelmann seine 38-jährige Ex-Geliebte nach elf Jahren Beziehung nun tatsächlich vergewaltigt hat oder nicht oder ob der Wetterexperte von seinem Charakter her zu Gewalt oder Ausrastern neigt. Mit Kachelmann selbst hat Pleines allerdings nie gesprochen. Nach seiner Festnahme hatte der Moderator nur einmal vor dem Amtsrichter ausgesagt, seither schweigt er auf Empfehlung seiner Anwälte. Die Akten, die zahlreichen Zeugenaussagen und die Gutachten seiner Kollegen ließen aber einen klaren Befund zu, sagte Pleines, der Kachelmann "sozial hoch kompetent, zielstrebig und beruflich erfolgreich" nannte.

So manches, was Pleines in seinem Gutachten auf den Tisch brachte, klang nicht eben schmeichelhaft. Kachelmann sei "egozentrisch", es liege "eventuell ein geringes Verständnis für seelische Bedürfnisse anderer Menschen" vor. Das Zurechtbiegen von Wahrheiten - man könnte es auch Lügen nennen - sei dem Mann nicht fremd. Vom Idealbild einer ausgeglichenen Persönlichkeit weiche Kachelmann "ein gutes Stück ab", er falle aus dem üblichen Bezugsrahmen.

Dennoch hatte Jörg Kachelmanns Verteidiger Johann Schwenn sich dafür starkgemacht, dass die Öffentlichkeit das Gutachten zumindest zusammenfassend zu Ohren bekam. "Mein Mandant wurde als Psychopath niedergemacht", sagte Schwenn. Er habe "den Anspruch darauf, dass die Öffentlichkeit erfährt, was an dieser Geschichte von Dr. Jekyll und Mr. Hyde dran ist."

Der seltsame Blick

Anlass für die Anspielung an die literarische Figur des Mannes, der von einem Moment auf den anderen sein Gesicht ändert, war unter anderem die Aussage des mutmaßlichen Opfers Claudia D., Kachelmann habe in der angeblichen Tatnacht plötzlich einen ganz seltsamen Blick bekommen, sie habe ihn gar nicht wiedererkannt. Danach habe er sie mit dem Messer bedroht und vergewaltigt. Als Wissenschaftler hält Hartmut Pleines aber nichts von dieser Jekyll-Hyde-Beschreibung.

Das sei keine psychische Diagnose, sondern das Bedürfnis von Menschen, das Grauen bei anderen und nicht bei sich selbst wahrzunehmen. Von Jekyll und Hyde bleibt hier nichts übrig", ebenso wenig wie vom Vorwurf einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung Jörg Kachelmanns. "Er hat ein variantenreiches Sexualleben, das aber nicht forensisch relevant ist."