Suchaktion

"Wir wollen wissen, ob sie gelitten haben"

Es könnte der entscheidende Fund sein. Die Bergungsmannschaft des Kabelschiffs "Ile de Sein" hat am Montagabend auch den zweiten Flugschreiber der Air-France-Maschine gefunden, die vor fast zwei Jahren in den Atlantik gestürzt ist. Ein Tauchroboter hob den "Voice Data Recorder" (VDR), der die Gespräche der Cockpit-Besatzung während des Flugs aufzeichnet, aus 3900 Meter Tiefe.

Am Sonntag war es dem Bergungsteam gelungen, das Speichergerät des "Flight Data Recorders" (FDR) zu heben, das die Flugdaten und Rudereinstellungen aufzeichnet. Anfang April war das Wrack auf dem Meeresgrund entdeckt worden. Die beiden Flugschreiber sollen nun ins Labor des "Bureau d'Enquêtes et d'Analyse" (BEA) in Le Bourget bei Paris gebracht werden. Ein Patrouillenboot der französischen Marine ist von einem Stützpunkt in Französisch-Guayana aus bereits in die Absturzzone unterwegs. Die Geräte sollen zunächst zurück zum Stützpunkt in Guayana gebracht und von dort nach Paris geflogen werden. Im Laufe der kommenden Woche sollen sie dann in Le Bourget eintreffen und im Beisein von Justizbeamten geöffnet werden. Sofern die Platinen des FDR und die Tonbänder des VDR nicht beschädigt sind, könnte die Auswertung der Daten dann innerhalb von zwei bis drei Tagen erfolgen.

Das BEA und insbesondere die Hinterbliebenen der 228 Opfer des Absturzes vom 1. Juni 2009 hoffen so, endlich den genauen Hergang des Unglücks zu erfahren. Bislang ist noch weitgehend rätselhaft, wieso der Airbus 330 mitten im Flug von Rio de Janeiro nach Paris über dem Atlantik abstürzte. Als plausible Theorie gilt die Vermutung, die Geschwindigkeitssonden der Maschine hätten in einer Schlechtwetterzone plötzlich versagt. Aufgrund der fehlerhaften Messdaten habe die Maschine dann entweder zu stark beschleunigt oder die Geschwindigkeit so drastisch gesenkt, dass der das Flugzeug tragende Luftstrom abriss. Die Piloten konnten die Maschine dann offenbar nicht mehr unter Kontrolle bringen. Innerhalb von nur fünf Minuten stürzte sie aus einer Höhe von 11 000 Metern ins Meer. Alle Passagiere und die Besatzung kamen ums Leben.

Suche nach den Leichen

Dass die jetzige, insgesamt vierte Suchaktion schließlich zum Erfolg führte, ist nicht zuletzt der Beharrlichkeit der Vertreter der Hinterbliebenen zu verdanken, die stets darauf drängten, die Suche fortzusetzen. Auch dann noch, als die Luftfahrtsuntersuchungsbehörde BEA die Suche bereits endgültig aufgeben wollte, nachdem es in den vergangenen zwei Jahren bei insgesamt drei mehrwöchigen Suchexpeditionen nicht gelungen war, die Stelle im Atlantik zu lokalisieren, an der sich das Wrack befindet. Entsprechend erleichtert äußerte sich der Vorsitzende der Hinterbliebenenvertretung, Jean-Baptiste Audousset: "Das ist selbstverständlich eine sehr gute Nachricht, zumal diese Blackbox intakt sein soll."

Zugleich zwang sich Audousset jedoch, von dem Fund nicht zu viel zu erwarten. "Selbst wenn wir sehr zufrieden sind, bewahren wir doch eine gewisse Zurückhaltung, solange wir nicht die Gewissheit haben, dass die Daten auch noch auswertbar sind." Die Hinterbliebenen hoffen nun, über den weiteren Ablauf der Auswertung der Flugschreiber umfassend informiert zu werden. "Außerdem warten wir auch darauf zu erfahren, wann die ersten Versuche, die Leichen zu bergen, durchgeführt werden können", fügte Audousset hinzu.

Zwischen der Hinterbliebenenorganisation und den Vertretern der Air France sowie der staatlichen Luftfahrtbehörde war es seit dem Absturz immer wieder zu Meinungsverschiedenheiten und Spannungen gekommen. Noch in der vergangenen Woche ließ ein Hinterbliebener über seinen Anwalt Klage gegen unbekannt einreichen, die sich gegen die Untersuchungsbehörde BEA richtet. Diese habe bislang die Aufklärung der Unglücksursache eher behindert als befördert. Der Anwalt der Klägerfamilie wirft der Behörde vor, sie verschleiere jene Fehler, die dazu geführt hätten, dass die BEA das Wrack nicht schon vor zwei Jahren entdeckte. Nach drei vergeblichen mehrwöchigen Suchaktionen, die bislang rund 30 Millionen Euro kosteten - waren die staatlichen Stellen bereits so weit, die Suche aufzugeben. Erst das Drängen der Hinterbliebenen sorgte dafür, dass Ende März noch einmal ein Gebiet durchsucht wurde, dass man bereits unmittelbar nach der Katastrophe durchkämmt hatte.

Als Vorsitzender des Verbands "Entraide et Solidarité" dient der 31 Jahre alte Ingenieur Jean-Baptiste Audousset, der bei dem Absturz seinen Lebensgefährten verlor. Audoussets Leben geriet durch den plötzlichen und unerklärlichen Verlust des Partners zunächst völlig aus der Bahn. Wie ihm ging es vielen der Hinterbliebenen. Audousset hatte bis dahin erfolgreich für das Modehaus Givenchy gearbeitet. Nun war er unfähig, das zuvor gemeinsam mit seinem Partner bewohnte Apartment zu betreten. Drei Monate nach dem Unglück nahm er den Vorsitz des Hinterbliebenenverbandes an. "Paradoxerweise gestattet mir diese Arbeit, an etwas anderes zu denken", sagt er. "Wir wollen wissen, unter welchen Bedingungen unsere Nächsten umgekommen sind. Ob sie gelitten haben. Und außerdem muss man sehr schnell die Konsequenzen aus dem Unfall ziehen, damit sich so etwas nie wiederholt." Dass ihn Vertreter der Luftfahrtbehörde und der Regierung dafür als "Nervensäge vom Dienst" betrachten, nimmt Audousset in Kauf.