Hochzeit des Jahres

Her Royal Hotness

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Jonathan Ross hat irgendwie recht. Man muss auch die schwarzen Schafe lieben. Beatrice, Prinzessin von York, sah aus, als sei sie einem Albtraum von Tim Burton entsprungen - aus dem er erwachte, als ihr Hut explodierte -, sie sah originell seltsam aus, wie man es eben erhofft von einer englischen Prinzessin aus der Schwarze-Schafe-Linie einer Königsfamilie.

Während sich alle anderen mit "Perfect Pippa" ("Daily Mail") befassten, blieb der BBC-Moderator ruhig. "Eugenie und Beatrice sehen cool aus", twitterte er. "Gotta love the black sheeps!"

Pippa, das Party-Girl

Der "Daily Mirror" hat eine Hotline eingerichtet. Sollen Harry und Pippa ein Paar werden? Bitte anrufen. Der "Guardian" fragt sich, ob der Blick, den die beiden in der Kirche austauschten, nicht die perfekt geplante Inszenierung von Gelassenheit sei, so wunderbar unaffektiert könne doch kein Royal sein. Obwohl (oder weil?) Harry so aussah, als habe er sich die "Cocktailgrippe", wie man in England sagt, eingefangen, hat er tatsächlich für drei der charmantesten Momente des Tages gesorgt: Als er sich vor dem Altar zur heranschreitenden Braut umdrehte und seinen Bruder angrinste, als er seiner Schwippschwägerin Pippa süße Nichtigkeiten zuflüsterte und als er auf dem Balkon des Buckingham Palace seinen Opa zum Lachen brachte. Harry ist der Star des Königshauses - von der Art, dem die Mädchen zurufen: "Harry, ich will ein Kind von dir!" Am 29. April hat er ein weibliches Pendant gefunden. Philippa Charlotte Middleton, 27 Jahre alt, kleine Schwester der neuen Herzogin von Cambridge. Seit ihrem Auftritt findet Google zum Stichwort "Pippa" 3 790 000 mehr Einträge als vorher.

Es ist nicht gerade so, als hätte sich Catherines Schwester versteckt all die Jahre. Es heißt sogar manchmal, sie habe schon immer ins Rampenlicht gedrängt. Aber irgendwie wollte niemand was wissen von ihr. Bis zu dem Tag, als ihre eigene Schwester heiratete.

Maid of Honour hat im Englischen zwei Bedeutungen: Trauzeugin und Hofdame. In beiden Rollen ist Pippa am Freitag aufgegangen. Die Art, wie sie den Schleier richtete, hingebungs- und würdevoll, stolz und liebreizend lächelnd über die Aufgabe, der Schwester zu dienen. Das ist die eine Betrachtungsweise. Die andere ist etwas schlichter. Catherine mag Her Royal Highness sein. Philippa, schreibt die "Daily Mail", ist seit Freitag "Her Royal Hotness". Für die drei blonden, zweifellos bildhübschen Töchter des Earl of Spencer, dem Bruder von Lady Diana, interessierte sich niemand. Vielleicht ist das der Moment, in dem ein abgedroschener Ausdruck zum Einsatz kommen sollte: Philippa Middleton hat das "gewisse Etwas". Zu ihrem Höhere-Töchter-Appeal mit den niedlichen Blumenmädchen an der Hand gesellt sich ein minimales, perfekt eingesetztes Zuviel.

In Textilien ausgedrückt: Die Knopfleiste an der Rückseite des Kleides endet einen Hauch zu weit unten, das Dekolleté gibt genau die entscheidende Andeutung. Pippa, heißt es oft, hat genau das, was Catherine fehlt. So, wie Harry das hat, was William fehlt, etwas Wildes vielleicht. "Pippa and Harry", sagte BBC-Moderator Chris Evans, "would be so rock and roll." Pippa ist das zweitälteste Kind von Carole und Michael Middleton. Als sie 1983 geboren wurde, war die Familie von ihrem späteren Reichtum noch weit entfernt. Ihr Vater arbeitete bei British Airways als Flugkoordinator, ihre Mutter hatte ihren Job als Stewardess für die Kinder aufgegeben. Aber Carole Middleton saß nicht still im kleinen Bradfield Southend. Sie fing an, für Kindergeburtstage kleine Tüten zusammenzustellen mit allen möglichen Partyutensilien, Luftschlangen, Süßkram, Hütchen und so weiter. Die Tüten verkaufte sie in der Nachbarschaft. 1995, als die Middletons nach Bucklebury zogen, war aus dem Hinzuverdienst ein Familienunternehmen geworden. Michael Middleton gab seinen Job auf, "Party Pieces" expandierte und wurde zum Online-Versand. Heute soll die Familie millionenschwer sei.

Angeblich tut Pippa nichts lieber: Party hier, Party da, schon an der Uni soll sie die meiste Zeit damit verbracht haben, große Feste zu organisieren. Mit Ausschweifungen und Partynächten hat sie trotzdem keine Schlagzeilen gemacht. Das hätte ihre Schwester auch die Hochzeit kosten können.

Heute arbeitet Pippa in der Firma ihrer Eltern - sie betreut die "Party Times", das Online-Magazin zum Versandhandel. Drei Tage die Woche arbeitet sie außerdem für eine Londoner Cateringfirma namens "Table Talk". Kurz vor der Hochzeit hat sie sich einen kleinen Fauxpas geleistet. Die "Party Times" hatte noch am Montag ihre Kunden dazu aufgerufen, sich noch schnell mit Partyausrüstung für den Hochzeitstag einzudecken. Ein bisschen zu viel Opportunismus, die Familie hat schnell auf die Kritik reagiert und den Aufruf gelöscht. Dann gab Pippa noch ein Interview, um für die Seite zu werben. Ein zweites konnte - auf Wunsch ihrer Schwester - noch in letzter Minute abgesagt werden.

Leider ist sie vergeben

Pippa muss Ähnliches über sich sagen lassen wie einst (und noch) ihre Schwester (und Mutter). Sie habe immer nach Höherem gestrebt, halte sich für etwas Besseres. Manches Klatschblatt tat schon so, als sei Pippa nun am Ziel ihrer Wünsche: endlich ein Mitglied des Königshauses - als habe sie ihre Schwester geradezu gedrängt, einen Prinzen zu heiraten, um irgendwann selbst einen zu kriegen.

Das Magazin "Tatler" hat Pippa mal als Sexiest Single in London bezeichnet. Im Moment ist sie vergeben, ihr Freund, der frühere Cricketspieler Alex Loudon, durfte sie sogar zur Hochzeit begleiten. Vor Loudon war Pippa dreieinhalb Jahre mit dem steinreichen Erben J.J. Jardine Patterson liiert, der einer Bankiersfamilie mit Firmensitz in Hongkong entstammt. 2007 hat sich Pippa getrennt. Übrigens kurz nachdem sich William und Kate damals getrennt hatten.

Das spektakuläre Kleid aus der Kirche hat Pippa am Abend gegen ein grünes eingetauscht - es stand ihr natürlich fantastisch. In den Augen der Queen vielleicht den entscheidenden Hauch Zuviel.