Hochzeit des Jahres

Ich heirate eine Familie

| Lesedauer: 11 Minuten

Alles an ihr war königlich - die Haltung, der Gang, das Lächeln, die majestätische Erscheinung, kurz: ihre Aura. Catherine Middleton mag einer bürgerlichen Familie entstammen, doch überstrahlte sie an ihrem Hochzeitstag die Heerschar der Fürstlichkeiten, der Celebrities und anderer Prominenz um etliche Watt-Werte. Vielleicht sogar ihren Mann?

Jenseits aller Klassenunterschiede, mit denen die britische Gesellschaft so gerne spielt, spielte die Herzogin von Cambridge sichtlich in ihrer eigenen Kategorie: standesgemäß singulär Catherine. "A touch of class", wie es eine Überschrift im gestrigen "Daily Telegraph" knapp und treffend festhielt.

So königlich, wie man nur sein kann

Die englische Sprache hat für das deutsche "königlich" zwei Wörter parat: "royal" und "regal". Royal bezeichnet die Blutlinie, die königliche Familie - das, was wir unübersetzt "die Royals" nennen. "Regal" ist das Gebaren, das Hoheitliche, das aus der Natur kommt, nicht aus irgendeinem Privileg. Darin eben war die Middleton ganz und gar prinzessinnenhaft. Warum dann aber hat die Queen ihre Schwiegerenkelin nicht mit einem entsprechenden Titel beschenkt, warum das präpotente "Herzogin von Cambridge" statt des anmutigen "Prinzessin Catherine"?

Die Antwort: Weil Catherine oder Kate, wie sie weiterhin im Volk genannt wird, kein königliches Blut in ihren Adern hat, mag sie auch "regal" wirken in Haltung und Auftreten; immerhin darf sie als "Königliche Hoheit" - Royal Highness - angeredet werden. Sofort ertönt der Einwand: "Diana Spencer, die verstorbene, war auch nicht aus königlichem Blut, aber wurde dennoch Prinzessin Diana genannt." Die Erinnerung trügt: Diana war nie offiziell zur "Prinzessin Diana" erhoben worden, sie war immer nur "Prinzessin von Wales", auch nach ihrer Scheidung nicht "Prinzessin Diana", sondern "Diana, Prinzessin von Wales." Dass der Volksmund sie als "Prinzessin Diana" im Gedächtnis bewahrt, steht auf einem anderen Blatt. Auch Sarah Ferguson und Sophie Rhys-Jones wurden durch ihre Heirat mit den beiden Königssöhnen Prinz Andrew und Prinz Edward nicht zu Prinzessinnen, sondern "nur" zur "Herzogin von York" die eine, zur "Gräfin Wessex" die andere.

Doch halt - es gibt einen halben Ausweg für die frischvermählte Catherine: Das Hochzeitsgeschenk der Queen lautet in vollem Wortlaut: "Ihre Königliche Hoheit Prinzessin William von Wales, Herzogin von Cambridge". Doch wer wird Catherine schon "Prinzessin William" nennen? Den Prinzessinnentitel in Verbindung mit dem Vornamen des Mannes hat sich bisher nur ein eingeheiratetes Mitglied des Königshauses zugelegt, die aus Österreich stammende Baronin von Reibnitz, verheiratet mit Prinz Michael von Kent. Sie wird allgemein als "Prinzessin Michael of Kent" geführt - das war ihr, der Ehrgeizigen, wichtig.

Geduld, Geduld. Auch Prinz Williams Frau kann eines Tages von der Queen zu einer "Prinzessin des Vereinigten Königreichs" erhoben werden, also zu "Prinzessin Catherine". Das war der Weg für den Herzog von Edinburgh, den die Queen 1957, zehn Jahre nach der Hochzeit, zu einem Prinzen kürte, seitdem wir ihn auch "Prinz Philip" nennen dürfen. Er war zwar als "Prinz Philip von Griechenland" geboren, hatte den Titel aber als Preis für seine Einbürgerung im Frühjahr 1947 abgeben müssen. Zehn Jahre lang musste er sich danach mit dem Titel "Herzog von Edinburgh" begnügen.

Der Hof hat freilich gestern in der Causa Catherine allerleutseligst wissen lassen, dass es dem Volke freistehe, das junge Ehepaar "Prinz William und Prinzessin Catherine" zu nennen. Na, bitte. Derweil sich die Erhobene auch als "Lady Catherine", die sie als Herzogin ist, nicht schlecht bedient wähnen muss.

Für die beiden, um die es hier geht, sowie für die Mehrheit der Briten sind dies allenfalls liebenswürdige Schnörkel. Die junge Generation von Royals, die mit den Prinzen William und Harry und jetzt auch mit der eingeheirateten Familie Middleton vor uns steht, eröffnet ein gänzlich neues Kapitel der Ungezwungenheit und Informalität. Mit Catherine wird dereinst zum ersten Mal in der britischen Geschichte eine studierte Prinzgemahlin auf den Thron rücken. Nicht, dass sie aufs Akademische besonderen Wert legt - das widerspräche der antiintellektuellen Tradition des Königshauses; aber es ist eine Facette mehr an Innovation, die jetzt den Windsor-Clan zu durchwehen beginnt.

"Amazing", sagte die Queen

Prinz Charles, Catherines Schwiegervater, gestand nach der Trauung auf dem Empfang im Palast in ungewohnter Herzlichkeit: "Wir sind glücklich, Catherine bei uns zu haben." Und ob. Alles an "der Neuen" stimmt: ihr Alter, damit ihre Erfahrung, ihre ungekünstelte Selbstsicherheit, die Stabilität ihres Herkommens, vor allem aber - die Liebe zwischen den Neuvermählten, die Kostbarkeit von einem Geschenk an die Matriarchin, die Queen. Nichts beruhigt Elizabeth II. mehr bei dem Gedanken an die Zukunft der Monarchie in Großbritannien und im Commonwealth wie die stabile Renaissance von Ehe und Familie an der Spitze der "Firma", wie schon ihr Vater die Windsors nannte. Es sieht ganz danach aus, als ob nach George VI. und seiner schottischen Königin Elizabeth Bowes-Lyon wie auch nach der Queen und Prinz Philip die dritte glückliche Paarung der jüngeren Königsgeschichte vor uns steht.

"Amazing", sagte die Queen, als sie ihrer Kutsche entstieg und im Buck House (die populäre Bezeichnung für den Buckingham-Palast) verschwand, "Erstaunlich" - das Understatement des Jahres.

In Treue zu seiner Lebensflamme, Camilla Parker Bowles, der Herzogin von Cornwall - auch sie keine Prinzessin - kann sogar Prinz Charles mithalten, womit die nächsten beiden Thronfolger, er und sein Sohn, mit Partnerinnen gesegnet sind, die absolut kompatibel wirken mit dem Naturell ihrer Ehemänner und deren gegenwärtigen wie zukünftigen Aufgaben. Es ist von hoher Ironie, dass es erst einer tragisch gescheiterten Ehe wie der zwischen Charles und Diana bedurfte, damit diese Stabilität an der Spitze des britischen Herrscherhauses neu einziehen konnte. William hat die erdverbundene Art seiner Mutter und das offene Herz für die Unterprivilegierten geerbt, ohne Dianas Grundgefühl mangelnder Geborgenheit. Seinen Anker hat er längst bei den Middletons gefunden, inmitten der Kohärenz einer eng gestrickten Gruppe.

Tiefes Einverständnis

Man kann sich kaum ausmalen, was es für einen Windsor-Spross bedeutet, eine Familie gefunden zu haben, in welcher der unbefangene Ton natürlicher Aussprache herrscht statt des traditionellen Schweigens, mit dem die Royals untereinander persönlichen Dingen - und Problemen - aus dem Wege zu gehen pflegen, dieses "Ostriching", wie man es genannt hat, die Art des Vogels Strauß (Englisch: "ostrich") wegzuschauen, wenn es heikel wird. Prinz Charles war notorisch in seinem Unvermögen, mit Diana ein Wort ruhiger Aussprache zu finden. Und erst die Queen! Der größte "ostrich" von allen, darin höchstens noch von ihrer Mutter, der Queen Mother, übertroffen. Solche Diskretion gehörte zu ihrer beider Generationen, aber sie hat viel zum Krebsleiden dieser Familie beigetragen, "das Schweigen der Windsors", als wie es in allen Biografien beschrieben wird, diese Unfähigkeit, auf der persönlichen Ebene offen miteinander umzugehen und Krisen, wenn sie sich abzeichneten, rechtzeitig ins Auge zu schauen.

Nicht so die Nachwuchsgeneration. Man sehe zum Bespiel, wie auch William und Harry sich seit dem Tod ihrer Mutter sehr viel nähergekommen sind, wie sie nicht nur ihre militärischen Interessen teilen, sondern auch einen unverwüstlichen Humor, ganz zu schweigen von ihrem ungezwungenen Umgang miteinander, den wir zum Beispiel nicht kennen zwischen Prinz Charles und seinen Brüdern Andrew und Edward. Auch das gehört zum "amazement"-Moment des 29. April: dieses tiefe Einverständnis zwischen den beiden Männern, die als Teenager wie verloren hinter dem Sarg ihrer Mutter dahinschlichen, den Kopf gesenkt in beraubter Jugend.

Nicht umsonst jedenfalls stellte Prinz William in seiner kurzen Rede am Freitagnachmittag im Buckingham-Palast Familie als einen Stützpfeiler seiner Lebenswelt heraus, ein Ideal, das er mit Catherine teilt. Das junge Ehepaar gehört einfach einer Welt natürlicher Zuversicht an, entschlossen, sich von Etikette und Protokoll nicht überwältigen zu lassen, wie es der Ablauf des Hochzeitstags demonstrierte - von den Frühlingsbäumen in der Kathedrale über die zuzwinkernden Augenblicke während der Zeremonie bis zur Umwandlung des Thronraums im Buckingham-Palast in eine veritable Disco. Auch die Medien werden merken, wie anders ihnen gegenüber der Herzog und die Herzogin auftreten werden. Schon haben beide durch ihren Sprecher wissen lassen, sie wollten während ihrer zwei Flitterwochen nicht belästigt werden - das Bedürfnis, nach dem öffentlichen Pomp und Theater vom Freitag, vor Milliarden Menschen weltweit aufgeführt, endlich allein gelassen zu werden, muss riesig sein. Wohin die Hochzeitsreise geht, bleibt daher bis auf Weiteres geheim.

Es gab bei dieser Hochzeit keinen Verlierer, wie jemand aus der Menge, dem man ein Mikrofon entgegenhielt, bemerkte. Ein guter Kommentar zu dem allgemeinen Wohlsein, von dem die britische Insel landauf, landab erfasst wurde, in einem selten gewordenen Moment ungebrochener Eintracht im Zeichnen eines Fähnchen schwingenden Patriotismus. Selbst Samantha Cameron, die Ehefrau des Premierministers, auch sie eine "englische Rose" sui generis, entkam größerer Kritik ob ihrer Entscheidung, hutlos der Zeremonie in der Abtei beizuwohnen. "SamCam", wie man sie nennt, ist die Vorzeigefigur des Modehauses Burberry, und sie trug eine hautenge Kreation desselben zur Schau, die noch am gleichen Tag online ausverkauft war. Da vergab man ihr leicht den fehlenden Hut. Auch die Nichteinladung an die Ex-Premiers Blair und Brown war ein Fauxpas, der nicht hätte passieren dürfen. Also doch ein Verlierer - der Palast und seine Unachtsamkeit.

Aber überragend in der Erinnerung wird dies bleiben - die zwei Vermählungen vom 29. April 2011. Die zwischen dem übernächsten Thronfolger und seiner Trouvaille, der majestätisch-natürlichen Catherine Middleton, und die zwischen den Briten und ihrer Monarchie. Letzteres war wie ein erneuertes Eheversprechen, unter den Augen der Weltöffentlichkeit, die längst weiß, was einige Republikaner auf der Insel noch immer nicht wahrhaben wollen: Monarchie ist Trumpf, wahrscheinlich Englands größter, wenn es darum geht, was Länder und Institutionen attraktiv, magnetisch macht.

Von Thomas Kielinger erscheint im Oktober im C.H. Beck Verlag eine Biografie der Queen vor dem Hintergrund der britischen Monarchiegeschichte im 20. Jahrhundert.