Naturkatastrophe

Tornados verwüsten Süden der USA

Es sind Bilder wie vom Krieg. Wie nach einem Tsunami. Wie aus einem Weltuntergangsfilm. Aber es ist grausame Realität. Ein dunkles Wolkenmonster, das mit über 300 Stundenkilometer über die Landschaft wütet.

Das Dachtrümmer, Mülltonnen, Baumäste, Tische, herausgerissene Haustüren, Straßenschilder mitunter kilometerweit mit sich reißt und als zerstörerische Geschosse auf die Erde, auf Häuser und Straßen schleudert. Wohnwagen fliegen durch die Luft, zertrümmerte Autos werden von der Naturgewalt in der Ecke eines Parkplatzes zusammengefegt wie Pappteller am Ende einer wilden Party. Das Atomkraftwerk Browns Ferry im Bundesstaat Alabama fuhr automatisch herunter. Wegen zerstörter Hochspannungsleitungen fiel die externe Stromversorgung des Meilers aus.

Aus Tuscaloosa in Alabama telefoniert ein verstörter Autofahrer mit einem Fernsehsender. "Ich erkenne meine Stadt nicht wieder. Hier stand ein Fast-Food-Restaurant. Einfach weg." Ganze Häuserzeilen sind zu Schutthaufen geworden. Eine Tankstelle scheint ausradiert. Videos zeigen einen Tornado, der über Farmen und Felder fegt und immer wieder auf Stromleitungen trifft. Jedes Mal leuchtet grelles Feuer auf wie bei einem Blitzeinschlag.

Die Kirche hielt stand

20 Menschen, darunter Eltern mit ihren Kindern, suchten in der Friendly-Center-Baptistenkirche nahe dem nordtexanischen Ben Wheeler Zuflucht. Der Tornado schien das Gebäude von seinem Fundament zu reißen. Aber die Kirche hielt stand in einer der schlimmsten Nächte, die der Süden der USA seit Jahrzehnten erlebt hat. Mehr als 280 Todesopfer waren bis Donnerstag bestätigt. Allein in Alabama fielen den Tornados 184 Menschen zum Opfer. "Wir erwarten aber, dass die Zahl steigen wird", sagte Gouverneur Robert Bentley. In dem am stärksten verwüsteten Ort Tuscaloosa mit 93 000 Einwohnern, in dem Mercedes-Benz eine Autofabrik errichten will, blieb die solide gebaute University of Alabama zwar weitgehend unbeschädigt. Aber mindestens 15 ihrer Studenten starben nach ersten Angaben. Die meisten starben in ihren Wohnungen.

Viele Menschen werden noch vermisst, rund 200 000 verloren ihre Wohnung. Läden und Büros sind zerstört und berauben Geschäftsleute auf unabsehbare Zeit ihrer Existenzgrundlage. Präsident Barack Obama hat in sieben Bundesstaaten den Notstand ausgerufen. Gouverneur Bentley forderte die Nationalgarde an. 2000 Gardisten suchen in Trümmern nach Überlebenden und versuchen die Infrastruktur provisorisch wiederherzustellen. Und die Gefahr ist noch nicht gebannt: Auch am Donnerstag gibt es von der Grenze zu Mexiko bis nach Maryland vor den Toren der Hauptstadt Washington weitere Tornado-Warnungen.

Journalistikstudent Aldo Amato fand in Tuscaloosa Schutz im Rheese-Phifer-Gebäude nahe dem Bryant-Denny-Stadion, über das der Tornado hinwegtobte. Er machte Videoaufnahmen davon und erinnert sich an den Krach: "Es klang wie ein Güterzug." Andere Menschen verglichen den Tornado mit einer Bombenexplosion.

32 Tote wurden aus Mississippi vermeldet, 15 aus Tennessee, elf aus Georgia, acht aus Virginia. In Georgia wirkt die Stadt Ringgold in Luftaufnahmen, aufgenommen aus einem Hubschrauber, in ihrem Zentrum wie platt gewalzt.

James Sykes, der die Katastrophe in Tuscaloosa überlebte, hat vor dem Tornado, der gewaltige Regenmassen mit sich führte, zwar die Warnsirenen gehört. "Aber keiner konnte erwarten, was dann geschah", sagt Sykes. "Es war einfach unglaublich, so etwas habe ich noch nie erlebt." Seine Frau war während des Tornados am anderen Ende der Stadt. "Wir hatten umeinander so viel Angst wie noch nie in meinem Leben."

In Pleasant Grove, einem Vorort von Birmingham in Alabama, hat Samantha Nail mit ihrer Familie die schlimme Nacht durchgestanden. "Wir waren im Badezimmer, hielten einander fest und klammerten uns an unser Leben", erzählt die Frau. "Hätte unser Haus nicht besonders stabile Wände, wäre es weggefegt worden wie die anderen auch."

"Dies könnte am Ende zu einem der schlimmsten Tornado-Ausbrüche in der Geschichte unserer Nation werden", warnte der CNN-Meteorologe Sean Morris. Der April gehört zur Tornado-Saison. 116 der auch "Twister" genannten Windhosen werden in diesem Frühlingsmonat im langjährigen Durchschnitt gezählt. Doch der April 2011 könnte aufgrund einer seltenen Mischung von Wetterphänomenen, hoher Luftfeuchtigkeit und vertikal abnehmenden Temperaturschichten auf 300 Tornados kommen.

Von einer Einmal-pro-Generation-Situation sprechen die Meteorologen. Auf eine unstabile Wettersituation im Süden und Südosten, die über mehrere Tage angehalten habe, sei mit großer Macht eine Kaltfront getroffen.

Zahl der Tornados nimmt nicht zu

Experten widersprachen auf CNN aber der Einschätzung, dass die Zahl verheerender Tornados ständig zunehme. Es sei vielmehr so, dass derartige Katastrophen dank Handykameras immer häufiger dokumentiert würden und die Menschen inzwischen wüssten, "wie ein Twister aussieht". Im Laufe der Jahre gebe es weiterhin große Unterschiede hinsichtlich der Zahl dieser Naturphänomene.

Die bislang verheerendste Tornado-Serie in der Geschichte der Vereinigten Staaten ereignete sich im April 1974. Binnen 16 Stunden fegten 148 Twister durch 13 US-Bundesstaaten. 330 Menschen wurden getötet, 5484 auf einer Strecke von 4000 Kilometer verletzt. 1954 wurden im Gesamtjahr 407 Tornados gezählt.